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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Eins und eins ist eins
Die evangelische Kirchengemeinde Ferndorf wächst zusammen

21.09.2016 11:16

Die Umgestaltung einer Kirchengemeinde ist nicht einfach. Besonders dann nicht, wenn sich die Bezirke zuvor nicht „grün“ waren. Nun gibt es keine Bezirke Ferndorf und Kredenbach mehr in der Evangelischen Kirchengemeinde Ferndorf. Und nach dem Wegzug von Pfarrer Renschler-vom Orde auch nur noch einen Pfarrer statt bislang zwei. Die insgesamt rund 3300 Gemeindeglieder in der Kirchengemeinde lassen nach den Berechnungen der Evangelischen Kirche von Westfalen nur noch eine Pfarrstelle zu. Das Presbyterium war zerstritten. Vier im Februar frisch gewählte Presbyter traten wirksam zurück und das Presbyterium war nicht mehr beschlussfähig. Zudem kündigte die langjährige Gemeindesekretärin. Mit dem Ergebnis, dass die Kirchengemeinde nahezu handlungs- und funktionsunfähig ist. Von den atmosphärischen Störungen ganz zu schweigen. Der Superintendent und der Kreissynodalvorstand waren nach der Kirchenordnung gezwungen zu handeln. Ein Bevollmächtigtenausschuss wurde während der Sommerferien eingerichtet. Das Gremium soll die Vergangenheit aufarbeiten, die Gemeinde wieder in ruhiges Fahrwasser führen und eine neue Presbyteriumswahl vorbereiten.

Am vergangenen Sonntag (18. September 2016) war die Gemeinde zu einem Abendgottesdienst eingeladen mit anschließender Gemeindeversammlung. Die alte Laurentiuskirche in Ferndorf war gut gefüllt. Ein Hoffnungszeichen. Offensichtlich ist den Gemeindegliedern ihre Kirchengemeinde alles andere als gleichgültig. Superintendent Peter-Thomas Stuberg nutzte die Gelegenheit, Pfarrer Volker Bäumer, bislang zuständig für den Bezirk Kredenbach und nun, da es keine Bezirke mehr gibt, zuständig für die gesamte Kirchengemeinde Ferndorf, im Amt seines vergrößerten Dienstbereiches zu bestätigen. Pfarrer Volker Bäumer hat seinen Dienst für die gesamte Gemeinde bereits in den Sommerferien aufgenommen. Es dabei bewenden lassen, konnte der leitende Geistliche des Evangelischen Kirchenkreises Siegen aber nicht. Stuberg: „Die Situation ist zurzeit nicht normal. Wir können nicht zur Tagesordnung übergehen. Es gilt zu fragen ,Wo stehen wir?‘, ,Was ist dran und angesagt?‘. Wir müssen den Weg suchen, den Gott für uns vorgesehen hat und den wir gehen sollen.“

Die Schriftlesung und der Predigttext für den Sonntag trafen die Gemeindesituation. Sie handelten von eins sein, vom zusammengefügt sein und vom einander unterstützen. (Epheser 4, 15.16).

Superintendent Peter-Thomas Stuberg machte deutlich: „Die Kirchengemeinde steht vor einer neuen Herausforderung. Dahinter geht es nicht mehr zurück. Es gibt nur noch eine Kirchengemeinde für alle, ohne Bezirke. Dies erfordert Beweglichkeit zwischen den Orten Kredenbach und Ferndorf.“ Es müsse, so Stuberg, eine neue Art von Mathematik gelernt werden. Nun gelte nicht mehr eins und ein ist zwei, sondern eins und eins ist eins. Stuberg: „Der Heilige Geist rechnet gegen unsere Gewohnheit. Immer kommt bei ihm die Eins heraus.“ In der geistlichen Eins seien die Gruppen und Kreise aufgehoben, aber nicht gleichgemacht. Die Einzigartigkeit der Einzelnen gehe in der Einheit nicht auf. Es sei eine Einheit in Vielfalt. Es gelte qualitativ zusammenzuwachsen zu dem einen Leib mit dem einen Haupt, das Jesus Christus sei. Stuberg: „Das mutet uns Paulus zu bei allem denken, rechnen und planen.“ In diesem Leib gebe es immer eine Grundspannung zwischen den Gliedern. Es gelte, neu zu lernen wahrhaftig zu sein in der Liebe. Es gelte, ehrlich zu sein in der Liebe, nicht eigene Interessen durchsetzen zu wollen. Die Gemeindeglieder müssten sich ihrer neuen Rolle bewusst sein bei allen Konflikten und Spannungen und bei womöglich alten Rechnungen. Kritik und Selbstkritik seien nun gefragt, Offenheit und der Wille, zu suchen was gehen könne. Es gelte zu prüfen, was jeder in die alte neue Gemeinde einbringen könne. Das Wachsen mache Gott selbst.

 

Gemeindeversammlung

Nach dem Gottesdienst trafen sich die meisten Gottesdienstbesucher im benachbarten Gemeindehaus zur Gemeindeversammlung. Es mussten die Raumtrennwand geöffnet und zusätzliche Stühle gestellt werden. Das Interesse war groß. Superintendent Peter-Thomas Stuberg wertete dies als ein gutes Zeichen. Zunächst beschrieb er die Situation der Kirchengemeinde in ihrer Handlungsunfähigkeit als juristische Person des öffentlichen Rechts und wie in den Sommerferien ein Bevollmächtigtenausschuss gebildet worden sei. Der umfasse zurzeit vier Personen und habe die Arbeit aufgenommen. So könne zunächst das gemeindliche Grundprogramm aufrechterhalten werden. Der Bevollmächtigtenausschuss bereite zudem die Presbyteriumswahl vor. Eine solche Wahl finde nicht erst in vier Jahren statt, wenn wieder in der westfälischen Landeskirche regulär die Presbyterien gewählt würden, sondern eher. Wann genau, könne allerdings noch nicht gesagt werden. Auf Rückfragen aus der Versammlung mutmaßte Stuberg, dass die Wahl  vielleicht in etwa einem Jahr stattfinden könne. Dies müsse mit der Landeskirche abgesprochen werden.

An dieser Stelle dankte der Superintendent den Presbyteriumsmitgliedern sehr herzlich, die bisher ihre Zeit, Kraft und Energie in die Gemeindearbeit eingebracht haben. Ihnen gebühre Dank und Anerkennung. Die Versammlungsteilnehmer stimmten dem mit einem kräftigen Applaus zu.

Nun war es Zeit, dass sich der neue Bevollmächtigtenausschuss vorstellte. Ihm gehören an Ulrike Steinseifer aus Oberholzklau. Sie ist Presbyterin und Prädikantin in einer Kirchengemeinde, die nach ehemals zwei Pfarrer nun mit einer Pfarrstelle zurechtkommen muss. Ulrich Bernshausen, seit 1984 Presbyter in der Nikolai-Kirchengemeinde Siegen und 18 Jahre Mitglied des Kreissynodalvorstandes, hat vor 15  Jahren einen Bevollmächtigtenausschuss in der eigenen Gemeinde erlebt. Zudem gehörte er seinerzeit dem Bevollmächtigtenausschuss in der Kirchengemeinde Gosenbach an. Auf 28 Jahre als Presbyter der Kirchengemeinde Neunkirchen blick Rolf Marxmeier zurück. 12 Jahre war er Mitglied des kreiskirchlichen Finanzausschusses, davon 8 Jahre als dessen Vorsitzender. Er hat die Kirchengemeinde Ferndorf während der Visitation durch den Kirchenkreis vor zwei Jahren kennengelernt. Vorsitzender ist der Synodalassessor Rolf Fersterra, Pfarrer in der Kirchengemeinde Niederschelden. Zuvor hatte er schon drei Monate den Vorsitz im Presbyterium  der Kirchengemeinde Ferndorf inne und viel guten Willen erlebt, die Situation weiter zu entwickeln. Pfarrer Volker Bäumer gehört dem Bevollmächtigtenausschuss mit beratender Stimme an. Bei dieser Besetzung soll es allerdings nicht bleiben. Dem Gremium ist es wichtig, dass auch je ein Mitglied aus Ferndorf und Kredenbach hinzuberufen wird. Dies soll auf Vorschlag der Gemeinde geschehen.

Im Zuge der Aussprache wurde darauf hingewiesen, dass sich in den vergangenen Monaten einige Gemeindeglieder der sogenannten Kerngemeinde aufgrund von Verletzungen in die innere Emigration zurückgezogen hätten. Hier riet der Superintendent der Gemeinde dringend, das Gespräch zu suchen und auf diejenigen zuzugehen. Konflikte müssten ehrlich und offen ausgesprochen werden. Das offensichtlich vorhandene Konfliktpotential könne allerdings nicht in dieser großen Versammlung verhandelt werden. Stuberg: „Familienstreitigkeiten würden schließlich auch nicht am Gartenzaun, sondern am Küchentisch geregelt.“ Gespräche mit den betroffenen Personen seien direkt im gegenseitigen Hören und im Eingestehen von Versäumnissen zu führen. Hierzu müsse es gegebenenfalls einen geschützten Raum geben, vielleicht sogar eine externe Begleitung. In Zukunft, so formulierte es eine Stimme, sei es nötig, auf Lobbyismus und Hausmacht zu verzichten.

Rolf Fersterra betonte, dass der Bevollmächtigtenausschuss sich durchaus der atmosphärischen Störungen und tiefen Verletzungen bewusst sei. „Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Dies muss aufgearbeitet werden. Dazu soll auch mit den unterschiedlichen Gruppen und Gemeindekreisen das Gespräch gesucht werden, um zu hören.“ Zudem setze der Ausschuss auf Beteiligung, Transparenz und Information. Dazu wurde ein Fragebogen entwickelt, den die Gemeindeglieder, aber auch andere anonym ausfüllen können. Sie können formulieren, was sie sich für ihre Kirchengemeinde wünschen, was vom Bevollmächtigtenausschuss erwartet wird und welche Befürchtungen gehegt werden. Angegeben werden soll lediglich, ob der Ausfüllende zur Kirchengemeinde gehört oder nicht und aus welchem Ortsteil er stammt.

Deutlich wurde in der Gemeindeversammlung, dass das Gemeindebüro dringend wieder besetzt werden muss. Fritz Koblenzer hob hervor: „Wir hatten ein gutes funktionierendes Gemeindebüro. Hier erfolgte viel Verbindendes und wurde in praktischen Fragen geholfen. Wir merken in den Gruppen sehr, dass dies nun fehlt.“ Fersterra sagte zu, diese Schaltstelle möglichst schnell wieder zu besetzen. Ihr Fehlen erschwere auch die Arbeit im Bevollmächtigtenausschuss. Stuberg ergänzte, dass die ehemalige Gemeindesekretärin Silvia Müller einen hervorragenden Dienst getan habe. Das sei auch bei ihrer Verabschiedung deutlich geworden. Stuberg: „Wir wissen, warum sie gekündigt hat und hoffen, dass sie mit ihren Fähigkeiten und Begabungen in der Gemeinde wieder einen Ort findet.“

Der Superintendent bat abschließend die Gemeinde um Fürbitte für Weisheit und das nötige Fingerspitzengefühl. Er bat zudem, sich nicht resigniert zurückzuziehen. Der Vorsitzende des Bevollmächtigtenausschusses sagte zu, regelmäßig über den Stand der Entwicklungen zu informieren.

kp

 

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)

 

Eine schwierige und arbeitsreiche Zeit liegt vor dem Bevollmächtigtenausschuss der Kirchengemeinde Ferndorf. Verletzungen müssen heilen, der kirchliche „Normalbetrieb“ geregelt und neue Presbyteriumswahlen vorbereitet werden.

Im Bild v.li.: Synodalassessor Rolf Fersterra, Ulrike Steinseifer, Ulrich Bernshausen, Superintendent Peter-Thomas Stuberg, Ortspfarrer Volker Bäumer und Rolf Marxmeier.

 

 

 

 


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