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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Streitbare Nonne mit Finanzsachverstand auf evangelischem Pfarrkonvent Sr. Michaela Bank: „Das Wirtschaftssystem funktioniert nicht. Die Basis muss eigene Wege beschreiten.“
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03.06.2004 16:24
Als fundierte Expertin der Weltwirtschaft erwies sich kürzlich auf dem Pfarrkonvent des Kirchenkreises Siegen die Ordensschwester Michaela Bank aus Berlin. Die studierte Theologin, Betriebswirtin und Psychotherapeutin ist Mitglied des Ethikbeirates der Pax-Bank und der Finanzkommission des Erzbistums Berlin. 1992 hat sie die Missionsarbeit Peru unfreiwillig verlassen und arbeitet seitdem in einer Lebensberatungsstelle. Sie präsentierte sich im Gemeindehaus Dautenbach als Nonne, die etwas vom Geld versteht. Dem kapitalistischen System steht sie kritisch gegenüber. Daraus machte sie kein Hehl. „Mein Arbeitsschwerpunkt ist, den Armen und Kreditunwürdigen zu zeigen, dass es auch für sie Wege gibt“, betonte die Referentin. Dann erläutert die Kirchenfrau den Geldmarkt. Der führe in den südlichen Ländern nicht nur zur Verarmung, sondern schon zur Verelendung. Der freie Handel sei gestaltet nach den neoliberalen Vorstellungen des Nordens. Ethische, moralische und ökologische Aspekte seien dabei außer acht gelassen worden. Gefördert habe die Globalisierung die Transport- und die Kommunikationsverbesserung durch das Internet. Der Globalisierungsprozess diene in erster Linie den transnationalen Konzernen. Neo-liberales Wirtschaftssystem wirkt zerstörerisch Die Referentin erläuterte die Entwicklung des Finanzmarktes nach dem zweiten Weltkrieg. Unter Federführung der USA und Großbritannien sei der Finanzmarkt geregelt und die Wechselkurse an den Dollar gekoppelt worden. Der Vietnamkrieg habe 1971 zu einer Dollar-Inflation geführt und die USA hätten den Dollar nicht mehr durch Gold decken können. Die Ölkrise 1973 mit ihren Petro-Dollars, die zu günstigen Zinsen am internationalen Dollar-Markt außerhalb der USA angelegt worden seien, hätten ihr übriges getan. Der Internationale Währungsfond sicherte nicht mehr die festen Wechselkurse, sondern wurde unter Einfluss der USA zu einer Überwachungszentrale gegenüber den Ländern des Südens. Im Norden begann die Periode der Deregulierung, des Sozialabbaus, der Privatisierung und der Umverteilung des Einkommens zugunsten der Gewinne. Dies seien bewusst herbeigeführte politische Weichenstellungen gewesen zugunsten eines neo-liberales Wirtschaftssystems. Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung trügen zu dieser Entwicklung bei. Regierungen dürften sich nicht mehr in den Markt einmischen, so die Verfechter dieses Marktsystem. Bank: „Die Folgen sind eine drastische Zunahme der Armen in unserem Land. Etwa ein Fünftel der Weltbevölkerung muss von weniger als einem Dollar pro Tag leben. 1,5 Mrd. Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Wasser. Auf das Fünftel der reichsten Länder entfielen 68 % aller Auslandsinvestitionen; 82 % aller Exporte, 86 % der gesamten Wirtschaftsleistung; 94 % aller Internetanschlüsse der Welt. Das Vermögen der drei reichsten Männer der Welt überstieg 1998 das gesamte Sozialprodukt der am wenigsten entwickelten Länder mit 600 Millionen Einwohner.“ Ethische Geldanlagen Die katholische Ordensschwester verwies auf ethische Geldanlagen. In Deutschland sei Anfang 2001 ein Privatvermögen von 3,5 Billionen € angelegt gewesen. Hinter diesem Geld stünden nicht nur Märkte und ein Finanzsystem, sondern Menschen. In der letzten Zeit fragten immer mehr Menschen nicht nur nach Sicherheit, Rendite und Verfügbarkeit, sondern sie stellten die Frage: Was geschieht mit meinem Geld? Trägt mein Geld zur Waffenproduktion bei, zur Umweltzerstörung oder zur Genmanipulation? Sie zeigte Grundformen ethischer Geldanlagen auf, bei denen das Geld in Projekte oder Unternehmungen investiert wird, die als zukunftsfähig angesehen werden. Dazu gehöre beispielsweise Oikokredit, das soziale und ökologische Projekte fördere. Oikokredit sei das einzige Instrument, über das Geld in die südlichen Länder fließe. Erwirtschaftet werde allerdings nur 2 % bei dieser ethischen Geldanlage. Besonders Gewerkschaften, Umweltverbände, Dritte Welt Gruppen oder Kirchenbanken verfügten über Informationen, die bei einer Entscheidung zu solch einer Geldanlage hilfreich sein könnten. Es sei heute möglich, Geld so anzulegen, dass es für einen Christen verträglich sei, auch wenn es keine völlig „saubere“ Geldanlage gebe. Wenn es nur Übel als Auswahl gebe, müsse man sich das geringste Übel aussuchen. Bank: „Es kann nicht angehen, dass wir um des Geldes willen unglaubwürdig werden.“ Reformen des Finanzmarktes Der Markt sei nicht mehr frei. Er befinde sich in der Hand weniger Devisen- und Aktienhändler. Heute sei 90 % des Handels an der Börse ein spekulativer Markt, hinter dem keine Ware mehr stehe. Daher halte sie die Stabilisierung der Wechselkurse und die Besteuerung der Devisentransaktionen für angebracht. Ein weiteres Kennzeichen der Globalisierung sei der fast grausame Wettbewerb. Sie halte Wettbewerb nicht grundsätzlich für falsch. Er fördere Neuerungen und rege die Produktion besserer Güter und Dienstleistungen an. Das Wirtschaftssystem müsse beides, einen kontrollierten Wettbewerb und Kooperationen zulassen. Mehr Wettbewerb sei nicht die Lösung für alle Übel der Gesellschaft. Sie fürchte, dass der Wettbewerb zu einer zerstörerischen Kraft werde, die die Menschen gegeneinander und gegen die Natur ausspiele. Die Globalisierung sei nicht global. Sie finde in der EU, in Nordamerika einschließlich Kanada und Mexiko sowie am Rande des Pazifik statt. 80 % der internationalen Kapitalströme flössen nur zwischen diesen Ländern. Unsere Welt teile sich in zwei Gruppen auf und die Schere zwischen den beiden Gruppen werde immer größer. Umdenken gefordert Nachhaltigkeit sei gefragt. In einer begrenzten Welt gebe es keine unbegrenzten Bedürfnisse, und Bedürfnisse, die nie befriedigt werden, sind keine Bedürfnisse, sondern Süchte. Ein umweltbewusster und einfacher Lebensstil sei gefordert. Die Kirche habe die Aufgabe, Möglichkeiten eines Lebensstiles der Nachhaltigkeit zu entwickeln. Vorsorge statt Nachsorge sei angesagt, Kooperation und Solidarität statt Konkurrenz. Die Orientierung müsse am Lebensnotwendigen ausgerichtet werden. Die Bevölkerung sei bereit, höhere Preise zu zahlen, die mit dem Zahlen von gerechteren Löhnen und humanen und umweltverträglichen Produktionsbedingungen in den Herkunftsländern einhergingen. Die Kampagne „Saubere Kleidung“ sei eine solche Entwicklung. Ein T-Shirt, das unter 10 € koste, könne nicht aus der Kampagne „Saubere Kleidung“ stammen. Es wüchse langsam eine Gegenbewegung heran. Im Gegenzug zur Globalisierung entstünden mittlerweile Tauschringe, bei denen nicht mehr mit Geld bezahlt würde und wo Zinsen keine Rolle spielten. Dieses System verhülfe armen Menschen wieder zu Würde. Die Antwort auf Globalisierung sei Lokalisierung. Es gebe ganze Wirtschaftsbereiche, die für die Globalisierung uninteressant seien. Hier entstünden alternative Handelsnetzwerke. Kleinstkredite würden für Kleinstunternehmer gewährt. Eine genossenschaftliche Globalisierung über die Grenzen hinweg sei eine wichtige Entwicklung. Während der lebhaften Aussprache machte Bank deutlich, es müsse zu einem neuen Abkommen der Weltwirtschaft kommen. Die Geldreserven müssten nicht mehr nur in Dollar angelegt sein. Auch andere Währungen wie der Euro kämen da in Frage. Die westliche Welt sei sehr verwundbar geworden. Der Widerstand in den armen Länder wüchse. In Peru hätten ihr junge Männer gesagt: „Sterben muss ich sowieso. Wenn ich nicht an Lungenentzündung sterben will, dann sterbe ich lieber im Kampf.“ Es wüchse eine junge Elite heran, die keinen Zugang zu den Finanzen habe. Die soziale Spanne in der Welt sei mittlerweile so groß, dass etwas passieren müsse. Bank hoffnungsvoll: „Die Basis kann was verändern. Jede Reform der Gesellschaft muss von der Basis her kommen.“ Text zum Bild: (Foto: Karlfried Petri) Als kompetent in Sachen Wirtschaft erwies sich die Ordensschwester Michaela Bank auf dem evangelischen Pfarrkonvent im Gemeindezentrum Dautenbach.

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