Bookmark and Share

Kontakt    

Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

"Eine florierende Wirtschaft schafft Arbeitsplätze und Einkommen" Diskussion im Ev. Vereinshaus Dreis-Tiefenbach: Wie kann Arbeitslosigkeit überwunden werden?

29.09.2004 15:29
4, 3 Mio Arbeitslose in Deutschland suchen im August dieses Jahres einen Arbeitsplatz. Im Kreis Siegen-Wittgenstein sind es etwa 11.800 Arbeitslose. Haben wir in Deutschland die Chance die Arbeitslosigkeit zu überwinden? Diese Frage diskutierten kürzlich im Vereinshaus Dreis-Tiefenbach der Bundestagsabgeordnete Willi Brase, der Unternehmer und Vorstandsvorsitzende der Loh-Gruppe Friedhelm Loh, der Rechtsanwalt Jens Kemper, der Chefredakteur der Siegener Zeitung Dr. Eberhard Winterhager und der Superintendent des Kirchenkreises Siegen Friedemann Hillnhütter. Geleitet wurde das Gespräch von Sigrid Reihs, Landessozialpfarrerin und Vorsitzende des kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt im Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen. Dabei ging es um die Benennung von Ursachen von Arbeitslosigkeit, den Möglichkeiten, neue Arbeitsplätze zu schaffen und bei alledem unterschiedlichen Interessenslagen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ein Grund der hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland sieht Eberhard Winterhager in der Öffnung des Eisernen Vorhangs. Die gestiegenen Löhne machten uns mit Osteuropa nicht mehr konkurrenzfähig. Ein niedrigeres Lohnniveau werde zu mehr Beschäftigung führen. Daher sollten die Tarife nach unten geöffnet werden. Dies sei auch nötig, damit die Betriebe auf 10 Jahre wieder sicher kalkulieren könnten. Ein abgeflachtes Lohnniveau könne auch weniger Qualifizierte auffangen. Auf die Beteiligung des Kirchenkreises an der Neuen Arbeit Siegerland (NAS) befragt, machte Friedemann Hillnhütter deutlich, dass diese Einrichtung des zweiten Abeitsmarktes sehr nötig sei, um Menschen eine Einstiegshilfe in den ersten Arbeitsmarkt zu bieten. Schwachen und benachteiligten Menschen helfe die NAS sehr. Für diese Menschen verschärfe sich mit Hartz IV die Situation zusätzlich. Im übrigen entstünden den beteiligten Gesellschafter keine hohen Kosten und die NAS erspare dem Staat Sozialleistungen. Auf die mittelständige Industrie als Hoffnungsträger für neue Arbeitsplätze angesprochen, macht der Unternehmer Friedhelm Loh deutlich, dass sich auch den Mittelstand in einem globalen Wettbewerb befinde. Die Dienstleistungen kleiner mittelständiger Unternehmer seien wegen der hohen Lohnnebenkosten kaum noch zu bezahlen. Manches, wie Kleidung, Elektrogeräte oder Autos sei in Deutschland nicht mehr herzustellen. Und mit der geringeren Produktion nehme auch die Beschäftigung ab. Loh: "Wir im Westen sollten mehr arbeiten für’s gleiche Geld. Wir sollten mehr leisten für das, was wir haben wollen." Zudem ist sich der Unternehmer sicher: "Die beste Sozialversicherung ist eine florierende Wirtschaft. Sie schafft Arbeitsplätze und Einkommen." Besser und schneller zu sein und mehr Wissen zu haben als andere, bringe Vorteile. Daher gelte es zu überlegen, wie unsere Wissensgesellschaft gesteigert werden könne. In Weiterbildung müsse investiert werden. Wenn die Rechnung stimme, so Willi Brase, führe Hartz I-IV zu einer Senkung der Lohnnebenkosten. Die belastenden Einschnitte seien jedoch stellenweise zu stark. Wenn die Menschen weniger Geld zur Verfügung hätten und dadurch weniger ausgäben, könne sich das auch schädlich auf die Wirtschaft und damit die Arbeitsplatzsituation auswirken. Schlecht sei allerdings auch, wenn 40 Stunden gearbeitet werden solle, aber nur 35 Stunden bezahlt würden. Es gäbe jetzt schon etliche Arbeitsplätze, die sich mit einem Tariflohn von lediglich bis zu 6 Euro begnügen müssten. "Vollbeschäftigung als Ziel wird nicht zu erreichen sein. Immer weniger Leute produzieren immer mehr. Entweder muss die Arbeit aufgeteilt werden oder aber es müssen Arbeitsplätze im Nonprofit-Bereich angeboten werden, die einen gesellschaftlichen Nutzen bieten, wie beispielsweise in der Pflege", sieht der Bundestagsabgeordnete und Gewerkschafter als Möglichkeiten, um Menschen Arbeitsplätze anzubieten. Offen ist für ihn, wie dies finanziert werden kann. Es sei ein Wandel im Interesse seiner Mandanten bei Arbeitsrechtstreitigkeiten zu beobachten, stellte Rechtsanwalt Jens Kemper fest. Während früher möglichst hohe Abfindungen gefordert worden seien, weil man davon habe ausgehen können, schnell wieder einen anderen Arbeitsplatz zu erhalten, werde heute um den Erhalt des Arbeitsplatzes gerungen. Der Siegener Superintendent sieht die Kirche nicht für die Lösung des Arbeitsmarktproblems zuständig. Kirche sei immer mit betroffen als, gemeinsam mit der Diakonie, einer der größten Arbeitgeber. Mühe und Arbeit gehöre zum Wesen des Menschseins dazu. Daraus lasse sich aus der Ethik der Bibel auch ein Recht auf Arbeit ableiten. Kritisch äußerte sich Hillnhütter zu den Auswüchsen des Kapitalismus. Dazu gehört für ihn, wenn 90 % des Kapitals zum Zocken an den Börsen verwendet wird. Ein frei wirkender Kapitalismus, der einige bevorteile, werde keine Gerechtigkeit schaffen. Eine lebhafte Diskussion zum Thema verfolgten die teils in die Diskussion eingebundenen Zuhörer in Dreis-Tiefenbach. Der Mensch ist zur Arbeit geboren wie der Vogel zum Fliegen, zitiert abschließend die Moderatorin Sigrid Reis Martin Luther. Die Kirche habe auch daran zu erinnern. Eingeladen zu der Diskussionsrunde hatte die Arbeitsgruppe "Zeitansage", in der die evangelische Kirchengemeinde, die evangelische Gemeinschaft und der CVJM Dreis-Tiefenbach gemeinsam aktuelle gesellschaftspolitische Themen aufgreifen. kp Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri) Die Diskussionsrunde im Ev. Vereinshaus Dreis-Tiefenbach machte deutlich: Mehr Beschäftigung benötigt eine Produktionssteigerung, die durch eine Senkung des Lohnniveaus und eine Erhöhung der Arbeitszeit herbeigeführt werden kann. Die weltweite Konkurrenz zwingt zu einem solchen Verhalten.

zurück zur Übersicht



Archiv:
2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003