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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Eine Krone für Siegen - Fürst Johann Moritz als Weltbürger, Landesherr und Christ
Vortrag von Pfarrer Ulrich Weiß am Reformationstag in der Siegener Martinikirche

Pfarrer i.R. Ulrich Weiß in der Siegener Martinikirche
03.11.2004 11:43
"Im August ist das neue Gebäu auf ST. Nikolaikirchthurm gemacht worden und ist der Knopf von Kupfer, weit 5 Schuh, die eisern Stang, so durch den Knopf und Kron gehet, ist vor der Hardt im Hammer geschmiedet worden, wiegt 17 Waag und ist d. 17. August die Kron und was drüber steht, aufgesetzt worden; welche alles Fürst Johann Moritz auf seine Kosten hat bauen lassen und der reformirten Gemeinde geschenkt hat." Mit diesem Zitat für das Jahr 1658 von Schuhmacher Johann Peter Grimm, Verfasser einer Siegener Chronik, begann Pfarrer Ulrich Weiß seinen Vortrag über Johann Moritz von Nassau Siegen (1604-1679) in der gut besuchten Martinikirche in Siegen, zu dem der Siegener Gemeindeverband anlässlich des Reformationstages geladen hatte. Detailreich und unterhaltsam wusste Weiß das Leben des 1652 in den Reichsfürstenstand erhobenen Johann Moritz zu skizzieren. Es ist eng mit Siegen verbunden und hat in Europa bis hin im fernen Brasilien seine Spuren hinterlassen.
Der Weltbürger Johann Moritz, 1604 im Tal der Dill als Graf zu Nassau und Catzenelnbogen geboren, wurde Gouverneur eines 1300 km langen Küstenstreifens, der Hälfte von Kolonialbrasilien. Der Reichsgraf war Angestellter der Westindischen Compagnie mit einem fürstlichen Gehalt von 18.000 Gulden im Jahr, gezahlt von bürgerlichen Kaufleuten. Er befriedete im sogenannten "nassauischen Frieden" sein hoch geliebtes Brasilien. Er sorgte für das Miteinander von Ureinwohnern, Portugiesen, Holländern und Juden und brachte für die Zuckerindustrie den Sklavenhandel in Schwung. Sieben Jahre hielt er es in Pernambuco aus. Während dieser Zeit konnte er seiner viel bewunderten Baulust freien Lauf lassen, indem er Festungen, Schlösser, katholische und evangelische Kirchen und Landschaftsgärten, zu denen die Bevölkerung freien Zutritt hatte, erbauen ließ. Dann wurde er Statthalter in Kleve, im Dienst des großen Kurfürsten. Während dieser Zeit hinterließ er seine Spuren in Siegen und Umgebung. 1654, so der Chronist Grimm, ließ er eine Orgel in die Nikolaikirche einbauen und die Kirche von außen renovieren. Zwei Jahre später wurde das spitze Türmchen neu gedeckt und 1657 erhielt die Kirche neue Bänke. Bekannt ist das königliche Geschenk der Taufschale. Hinzu kommen die Abendmahlsgeräte für alle sieben Landgemeinden und natürlich Nikolai. Ihm zu verdanken sind die am Reißbrett entstandene Bilderbuchstadt Freudenberg nach dem großen Brand im Jahre 1666; in Siegen der Tiergarten, der Herrengarten und der Hermelsbacher Weiher. 1669 wurde mit dem Bau der Fürstengruft begonnen.
Der Landesherr 24 Geschwister bzw. Halbgeschwister hatte Moritz. Der Vater starb 1623 im 30-jährigen Krieg. Der Älteste einigte sich mit dem jüngeren Bruder Wilhelm und die Halbgeschwister gingen leer aus. Johann der Achte fing an zu katholisieren. Anfang 1624 wurde in Siegen nach knapp 100 Jahren wieder die Messe gefeiert. Sich widersetzende reformierte Prediger wurden ausgewiesen. Pfingsten 1626 wurde in Siegen der letzte reformierte Gottesdienst gefeiert, mit einer geschätzten Beteiligung von 800 bis 1500 Gemeindegliedern. Weiß: "Dann konnte man nur noch auswandern oder katholisch werden, was dann auch beides geschah." Nach den Wirren des Krieges, der Siegen-Nassau mal reformiert und dann wieder katholisch werden ließ, kam Johann Moritz 1645 wieder nach Siegen. Seine Erfahrungen in Brasilien, wo er Toleranz gelernt und praktiziert hatte, führten zu Toleranz in Siegen. Der Westfälische Friede brachte auch Frieden für das Siegerland.
Johann Moritz als Christ In seinem Verhalten als Landesherr und seiner Großzügigkeit als Mäzen sieht Ulrich Weiß einen Ausdruck der christlichen Existenz von Johann Moritz. Für seinen Nachfolger in Brasilien schrieb er am 6. Mai 1644: "Nicht in Burgen und Waffen ruht die Herrschaft, sondern in den Herzen der Bürger; nicht nach dem Grund und Boden ist die Macht der Regierung zu ermessen, sondern nach der Treue, Zuneigung und Ehrfurcht der Regierten". "Wenn irgendwo, so ist in kirchlichen Dingen Mäßigung anzuwenden. Wünsche ich gleich, dass alle mit euch zu demselben Glauben sich bekennen, so ist es doch besser, die Andersgläubigen ruhig zu dulden, als sie zum Verderben des Staates zu verfolgen. ... Mischet euch daher nicht in die Kirchensachen der Portugiesen und zwinget sie nicht, zu unserer Kirche überzutreten." Die calvinistischen Eiferer hätten am liebsten den "päpstlichen Aberglauben" in der Kolonie ausgerottet. Sie hielten die von der westindischen Compagnie verbriefte Religionsfreiheit für die katholischen Portugiesen für falsch. Knapp die Hälfte der sogenannten zivilisierten Bevölkerung von Holländisch Brasilien waren Juden. Sie waren sowohl den Katholiken wie den Calvinisten ein Dorn im Auge. Johann Moritz hatte jedoch auch Platz für Juden in seiner Verwaltung. Den Ureinwohnern Brasiliens begegnete Johann Moritz auf Augenhöhe. Er war glücklich über den ihm von ihnen verliehenen Titel "Bruder". Über Jahre korrespondierte er mit ihnen nach seiner Heimkehr. Weiß: "Es wird übrigens immer wieder betont, dass er den Heidelberger Katechismus in Indianersprache übersetzen ließ." Unter öffentlicher Trauer der Bevölkerung aller Rassen, Nationen vom Farmer bis zum Sklaven wurde er im Mai 1644 zum Schiff begleitet. Die Trompeten spielten "Wilhelm von Nassauen". Eine Indianergruppe vom Stamm der Tapuyas hob ihn auf die Schultern und brachten ihn zum Schiff.
Die für ihn schwierigen Seiten des Fürsten unterschlug Ulrich Weiß am Reformationstag nicht. Pernambuco in Brasilien konnte nur gedeihen, wenn Afrika Sklaven lieferte. Kein Zucker ohne Sklaven, keine Sklaven ohne Afrika. Johann Moritz musste für Arbeiter sorgen. Der Sklavenhandel war zudem eine unerschöpflich scheinende Geldquelle für die Compagnie und damit für ihren Angestellten. Johann Moritz setzte den Ruhetag für die Sklaven durch, also das vierte Gebot. Weiß: "So sehr der Christ Johann Moritz, wie seine Behandlung von Juden und Katholiken zeigt, über seinen Schatten springen konnte, hier wollte und konnte er es nicht" Zwischen 1636 bis 1645 wurden 23.163 Sklaven nach Pernambuco exportiert für 6.714.423 Gulden. Alternativen von katholischer wie auch reformierter Seite hat es nach Weiß damals schon gegeben. Für evangelische Christen gelte das "zugleich Sünder und Gerecht" in einem erschreckende Maße. Anhand eines kleinen Exkurses über Luther, Bernhard von Clairvaux und Calvin macht Pfarrer Weiß dies deutlich."Auch verdiente Menschen haben - bei genauem Zusehen - solche Schwächen, dass man sich abwenden möchte. Und da, wo die Schwächen, wo der Skandal ist, aufgedeckt werden, da habe ich meinen eigenen Beitrag zu liefern, und darauf zu achten, dass meine eigene Kritik an der Versklavung früherer Epochen nicht ein Lippenbekenntnis meiner moralischen Entrüstung ist, auch im Blick auf Johann Moritz in seiner Zeit, wo uns Heutigen die Rede vom arbeitenden, vom hart arbeitenden Menschen als Humankapital doch oft genug leicht, unmenschlich leicht über die Lippen geht. Und könnte nicht die Globalisierung der Kolonisierung zweiter oder auch letzter Teil sein?"
Abschließend beleuchtete Ulrich Weiß die Unmittelbarkeit und Intensität des Gottesverhältnisses und die Weise, wie Johann Moritz Gottes Wirken einschließlich der Schicksalsschläge in sein Leben integrierte. Für sein Siegener Land, die Menschen und die Kirche, wusste er sich von Gott als Landesherr verantwortlich. Er fürchtete Gott als den, der über Leben und Tod entscheidet. Von seiner Intention her gesehen war er kein Missionar. Ihm ging es schon gar nicht um religiöse oder kirchliche Interessen, wenngleich sein Testament durchaus zu erkennen gibt, wie ihm die Fortexistenz der Siegener reformierten Kirche am Herzen lag. Ihn bewegte existentiell unaufschiebbar die Frage Luthers: "wie ein armer Sünder in der Anfechtung wegen seiner Sünden, auch in der Angst und Furcht des Todes, sich einfältig in den Schoß der Barmherzigkeit Gottes legen, und Jesu Christi teures Verdienst mit herzlichem Vertrauen sich applicieren kann, damit er, wenn sein Sterbestund kommt, in der Gnade Gottes selig sterben und seine Seele in die Hände des himmlischen Vaters getrost übergeben könne". Und Johann Moritz lag an der Antwort: "Wo Christus mit seinen Wohltaten in des Menschen Herz und Gemüt einkehrt, da kommt Segen und Heil, da ist Seligkeit und ewiges Leben. Das bekenne ich, das ist der Haupttrost". So wurden auf des Fürsten Wunsch seine mit dem Klever Hofprediger Johannes Hundius verhandelten fundamentalen Fragen veröffentlicht. "Christlicher Trost/Vom Grund der Seligkeit" heißt das 1677 in Kleve erschienene Büchlein.
Den musikalischen Rahmen der traditionellen Vortragsveranstaltung zum Reformationstag gab der Bach-Chor Siegen unter der Leitung von KMD Ulrich Stötzel. kp
Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri) Pfarrer i.R. Ulrich Weiß referierte am Reformationstag über Fürst Johann Moritz. Der schenkte der Nikolaigemeinde eine Krone, das heutige Wahrzeichen der Stadt Siegen, über der nicht von ungefähr ein Windpfeil von 3,18 m Länge angebracht ist. Alle fürstliche und landesherrliche Herrschaft hat ihre Grenze in dem Schöpfer Himmels und der Erde.

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