Bookmark and Share

Kontakt    

Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Die Kirche hat die Freiheit, das Evangelium von der freien Gnade Gottes zu verkündigen Privatdozent Dr. Georg Plasger referierte auf der Reformierten Konferenz Südwestfalen
PD Dr. Dr. Georg Plasger
01.12.2004 17:00
Zur 46. Reformierten Konferenz Südwestfalens begrüßte der Vorsitzende Pfr. Volker Bäumer die Teilnehmenden aus den Kirchenkreisen Siegen und Wittgenstein in der ev. Kirche Alchen. Die These VI der Barmer Theologischen Erklärung war das Thema der Konferenz. Die Barmer Theologische Erklärung vom 31. Mai 1934 ist ein bedeutsames Kirchenbekenntnis, das zur Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft im Deutschen Reich die Freiheit der Kirche vom Staat und die Freiheit zu ihrem ureigensten Auftrag deutlich machte. In der These VI der Barmer Theologischen Erklärung heißt es: "Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk." Dr. Georg Plasger, Privatdozent an der Universität Siegen und theologisch mit Karl Barth verbunden, skizzierte zunächst die Einsprüche, die heute gegen Dogmen, wie die Barmer Theologische Erklärung, ins Feld geführt werden. Religion werde als individuelle und persönliche Sache verstanden, der Einzelne entscheide selbst, was zu ihm passe und was nicht, sage beispielsweise der Theologe Wilhelm Gräb. Dieses Denken, so Plasger, sei so neu nicht und gehe in der Sache auf den Theologen und Philosophen Schleiermacher zurück. Bei der sechsten Barmer These geht es, so Plasger, um die Botschaft der Kirche. Und damit auch um das Handeln der Kirche. Die Kirche stehe danach im Dienst, sie habe einen Auftrag, es gehe nicht um eigene Wünsche. Die Barmer Theologische Erklärung wurde auf der Synode der Bekennenden Kirche am 31. Mai 1934 in Wuppertal-Barmen verabschiedet, der Gründungssynode der Bekennenden Kirche. Die Kirche war nach der Machtergreifung Hitlers Anfang 1933 mächtig unter Druck gekommen. Der Staat wollte sie gleichschalten, das heißt, sie sich gefügig machen und sich eingliedern. In den Evangelischen Kirchen in Deutschland gab es unterschiedliche Vorstellungen, wie man darauf reagieren sollte. Die einen, die sich Deutsche Christen nannten, meinten, dass es gut sei, nationalsozialistische Inhalte zu übernehmen und in die Botschaft der Kirche zu integrieren. Das beinhaltete, einen Reichsbischof mit Führungskompetenz zu installieren, Juden aus der Kirche herauszudrängen, zum Teil auch das Alte Testament durch die Edda, eine germanische Sagensammlung, zu ersetzen. Das ging anderen, die sich die "Jungreformatorische Bewegung" nannten, zu weit; ihre Mitglieder begrüßten zwar zu großen Teilen das Kommen Hitlers, konnten sogar ihn ihm ein Geschenk Gottes sehen, meinten aber, dass die Männer um Hitler herum zu viel in die Kirche hineinregierten. An mindestens zwei Orten in Deutschland gab es eine Alternative, die sich zur Kirchenwahl im Juli 1933 stellte: In Wuppertal und in Bonn. In Bonn war der prominenteste Vertreter dieser alternativen Gruppierung Karl Barth, der auch der Hauptverfasser der Barmer Theologischen Erklärung ist. Für Karl Barth habe die Freiheit des Evangeliums auf dem Spiel gestanden. Das Evangelium sei Gottes freier Wille, dem Menschen nahe zu sein, ihn zu versöhnen, ihn zu erlösen. Es sei kein menschliches Produkt oder ein Naturereignis, sondern es komme von außen, von Gott her auf uns zu. Die Freiheit des Evangeliums sei die Unabhängigkeit des Evangeliums, weil es eine göttliche Botschaft sei. Und nur, so Barth, wenn wir das Evangelium in dieser Freiheit hätten und verstünden, könnten wir es recht haben und verstehen. Konkret benenne Barth einige Dimensionen: Die Kirche habe dem Volk und im Staat das Wort Gottes auszulegen nach der Heiligen Schrift. Es gebe keine anderen Quellen kirchlicher Verkündigung. Nicht Vernunft, nicht Schicksal, nicht Natur. Und eben auch nicht: "geschichtliche Stunde". Die Kirche habe nichts anderes als dieses Evangelium, nichts anderes als diesen einen Herrn zu verkündigen, also gerade keine Moral, weder eine private noch eine öffentliche, weder eine internationale noch eine nationale Moral. Und, die Kirche lebe zwar auf der Erde, zugleich aber habe sie ihren Maßstab im freien Evangelium. Darum hätten die Maßstäbe dieser Welt auf gar keinen Fall in der Kirche Geltung. Sie müsse auch in ihrer Ordnung, also in der Gestalt, in der sie lebe, dem Evangelium entsprechen. Sie könne also die Frage, wer zu ihr gehöre und wer nicht, nicht an Rasse oder Blut oder anderen Kriterien festmachen. Plasger verdeutlichte die unterschiedlichen Freiheitsverständnisse in der liberalen Theologie und der Barmer Theologischen Erklärung anhand eines Textes des in Hamburg lehrenden Theologen Jörg Dierken, der in der Aussage mündet: Ich kann nicht sagen, was Gott gesagt hat, sondern nur sagen, was Menschen über Gott ausgesagt haben. Wir können nur subjektiv von Gott reden. Und auch die Bibel ist eine Sammlung von Erfahrungen von Menschen. Ich und meine Erfahrung, mein: "Daran glaube ich!" ist der letzte Ort. Freiheit heiße danach im wesentlichen: Frei von aller Bevormundung. Diesem Freiheitsverständnis stehe das von Barmen entgegengesetzt gegenüber. Dort werde die Freiheit Gottes und die Freiheit der Gnade Gottes betont. Gott mache sich aus freien Stücken ungezwungen auf den Weg, den Menschen zu seinem Partner zu machen, ihn zu erlösen. Das Kommen Jesu Christi von Weihnachten bis zum Tode am Kreuz und seiner Auferstehung, ja bis zur Himmelfahrt und der erhofften Wiederkunft Jesu Christi - das alles sei die freie Gnade Gottes. Die Bibel sei nicht nur eine Sammlung von Erfahrungen der Autoren, sondern sie habe ihre Besonderheit aufgrund ihres Inhalts. Der Inhalt der Heiligen Schrift sei Jesus Christus. Auf ihn schaue das Alte und das Neue Testament. Das sei die Botschaft der Bibel, die der Kirche und den Menschen in der Kirche gesagt sei. Plasger: "Für diese Botschaft sind wir nicht verantwortlich; wir haben sie nicht zu begründen. Wir können und dürfen sie hören; sie ist uns gesagt." Darin sei die Freiheit der Kirche zu finden. Die Kirche habe die Freiheit, diese Botschaft zu verkünden. Darin sei die Kirche frei, von den Maßstäben der Welt, auch von denen der Gegenwart, die für die Kirche keine Letztgeltung hätten. Anschließend zeigte der Referent auf, wie die sechste Barmer These in die gegenwärtige Theologie und die kirchliche Arbeit hinein wirken. Die These ermutige zur Mission, die langsam in der Kirche wieder an Akzeptanz gewinne. Mission, nicht als Werbung für die Kirche missverstanden, sondern als kirchliches Handeln. Keinem darf die Kirche die Botschaft des Evangeliums vorenthalten: Ihr alle dürft die Freude haben, Gottes Kinder zu sein. Gott liebt jeden Menschen, für jeden Mensch ist er ans Kreuz gegangen. Die These ermutige zur Bildungsarbeit in einer Kirche, deren Bildung steil nach unten zeige. Immer weniger Menschen könnten Auskunft über ihren Glauben geben. Sie ermutige dazu, die Kirche als Stellvertreterin Christi lieb zu haben. Es gehe nicht nur um den Einzelnen und die Heilige Schrift. Barmen VI ermutige, eigene Erfahrungen mit der Christusbotschaft zu machen. Nach dem Vortrag arbeiteten Diskussionsgruppen zu den Themenbereichen Mission, Sakrament, Bildungsarbeit und Kirche als Stellvertreterin Jesu Christi. kp

(Text zum Bild: Foto: Karlfried Petri) Dr. Georg Plasger, theologischer Dozent an der Universität Siegen, erläuterte die geschichtlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Bezüge der Barmer Theologischen Erklärung.

zurück zur Übersicht



Archiv:
2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003