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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

"Warum sind wir arm und ihr reich?"
Eigene Maßstäbe beim Bunten Sofa auf den Kopf gestellt

Pfr. i.R. Ulrich Weiß und Pfrn. Annette Kurschus
03.02.2005 15:14

Arme Christen - reiche Geschwister, darum ging es im Foyer des Gemeindezentrums der Christus-Kirche am Wellersberg. Dort traf sich kürzlich wieder eine Fangemeinde der Informationsveranstaltung "Buntes Sofa". Als Ansprechpartnerin hatte der Initiator Pfarrer i.R. Ulrich Weiß Synodalassessorin und Pfarrerin Annette Kurschus eingeladen. Als "beobachtende Delegierte" der Evangelischen Kirche von Westfalen hatte sie im vergangenen Jahr an der 24. Generalversammlung des Reformierten Weltbundes in Accra, der Hauptstadt Ghanas, teilgenommen. Der Reformierte Weltbund zählt 215 Mitgliedskirchen in 106 Ländern. Dabei waren Delegierte aus über 200 kongretionalistischen, presbyterianischen, reformierten und unierten Kirchen. Im Mittelpunkt stand die wirtschaftliche und ökologische Verantwortung von Christen weltweit. Gemeinsam trat man unter dem Motto "auf dass alle Leben in Fülle haben" in einen Prozess des "Erkennens, der Aufklärung und des Bekennens".

Enttäuschte Erwartungen der Afrikaner

Dass die "Fülle des Lebens" als Folge von Globalisierung auf der südlichen Erdkugel keineswegs im materiellen Sinne zu finden sei, hatten die zahlreichen Delegierten der afrikanischen Länder in Accra sogleich vehement deutlich gemacht. Deshalb forderten sie eine klare Absage an "Globalisierung" schlechthin. Dies sahen die Vertreter der nördlichen Hemisphäre etwas differenzierter. Es sei unsinnig, Globalisierung als solche zu verteufeln, argumentierte z.B. Oberkirchenrat Dr. Ulrich Möller (EKvW) aus der deutschen Delegation. Dazu sei dieses Phänomen zu vielschichtig. Außerdem helfe es nicht weiter, Fronten zu schaffen und Feindbilder zu pflegen; vielmehr sei es dringend geboten, zunächst den bereits auf der Generalversammlung der Reformierten (Ungarn 1997) begonnenen Prozess des Aufklärens und Erkennens fortzuführen. Diese Haltung enttäuschte die Erwartungen der Afrikaner; viele empfanden ein derart vorsichtiges Vorgehen geradezu als zynisch. "Die Stimmung drohte fast zu kippen", berichtete Kurschus, "als ein Mitglied der Versammlung vehement darauf bestand, den Kurs der verhärteten Fronten endlich zu verlassen und als Partner auf gleicher Ebene zu verhandeln." Nach einem zweiwöchigen Prozess einigten sich die Delegierten schließlich auf ein Bündnispapier für wirtschaftliche Gerechtigkeit und ökologische Verantwortung. In diesen Fragen untätig zu bleiben oder zu schweigen, berühre den Nerv des christlichen Glaubens, so der Tenor der gemeinsamen Erklärung. Fairer Handel, faire Kleidung, faire Bankgeschäfte seien zum Beispiel "kleine Dinge, die von uns noch konsequenter unterstützt werden können", so Kurschus. Ein stärkeres Bewusstsein dafür soll von den Delegierten jetzt in die jeweiligen christlichen Gemeinschaften der Länder gebracht werden. Aber auch die Eigenverantwortung der Afrikaner geriet in den Blickpunkt. Bei einem afrikanischen Forum habe es selbstkritische Darbietungen gegeben, bei denen auch Vetternwirtschaft und Korruption thematisiert wurden.

Internationale reformierte Gemeinschaft

Beeindruckt war die Siegener Pfarrerin von der spirituellen "sichtbaren und spürbaren internationalen reformierten Gemeinschaft." Trotz unterschiedlicher Frömmigkeitsstile und Ansichten sei es außerordentlich berührend und inspirierend gewesen, gemeinsam Lieder zu singen, Bibelgespräche zu erleben und zu beten. Gemeinsame Traditionen wie das "Vater unser" oder Choräle hätten trotz der verschiedenen Kulturen das gemeinsame Fundament bestärkt. Außerhalb des Versammlungsortes, dem logistisch bestens organisierten Universitätsgelände, habe es Exkursionen in die Historie und den Alltag der Ghanaer gegeben. Dazu gehörte ein Ausflug an die historischen Orte des "afrikanischen Holocaust", wie Einheimische die Versklavung durch die Kolonialmächte noch im Bewusstsein haben. Im Alltag finde man ein durch und durch frommes Land mit starken charismatischen Tendenzen vor, erläuterte Kurschus. So könne man an Ladenlokalen, in Bussen und Taxis nicht selten Aufschriften mit biblischen Sprüchen finden. Faszinierend sei die große Herzlichkeit gewesen, mit der die Ghanaer auf den Straßen in Accra und in den Dörfern rundherum ihren Gästen - auch den "Reichen" aus Europa und Amerika - begegnet seien.

Maßstäbe auf den Kopf gestellt

Für sie seien die Erfahrungen in Accra von großer Bedeutung gewesen, hörten die Gäste im Gemeindezentrum der Christuskirchengemeinde die Pfarrerin. "Ich habe gelernt, wie relativ viele Begrifflichkeiten sind; wie unterschiedlich Leben reich werden kann und wie eigene Maßstäbe in einer anderen Kultur auf den Kopf gestellt werden. Ich war in ein vermeintlich armes Land gereist und lernte lauter aufrechte, stolze, fröhliche Menschen kennen." Bei der Auseinandersetzung mit anderen Lebens- und Glaubensgewohnheiten gewinne man ein stärkeres Bewusstsein für die eigene Prägung. Beides führe zu Demut und einem weiteren Horizont. Als mutmachendes Ergebnis der internationalen Versammlung in dem afrikanischen Land habe sie eine begründete Hoffnung mit nach Siegen genommen: Dass durch ehrliches gemeinsames Ringen um gerechte und menschenwürdige Gestaltung von wirtschaftlicher Globalisierung andererseits weltweite Verständigung, Einheit und Zusammengehörigkeit gefördert werden könne. Dem Bericht waren die Gäste mit Spannung und großem Interesse gefolgt. Musikalische Einlagen von Kirchenmusikdirektor Ulrich Stötzel (Klavier) und Astrid Weiß (Flöte) rundeten die Informationsveranstaltung von Pfarrer i.R. Ulrich Weiß trefflich ab.

Ch.St.

Im Bild: Pfarrer i.R. Ulrich Weiß, Annette Kurschus


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