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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Studienreise nach London: "Wie Kirche wachsen kann"
Den "Schalter im Kopf" umlegen

Steven Croft
03.02.2005 15:24

Mit 17 von 26 Teilnehmern war der Evangelische Kirchenkreis Siegen im Januar bei einer Studienreise nach London bemerkenswert stark vertreten. Die vom Aus-, Fort- und Weiterbildungsinstitut der EkvW in Villigst und der Pfarrstelle für Gemeindeentwicklung im Kirchenkreis Siegen (Gemeinsam unterwegs) organisierte Reise hatte zum Ziel, moderne Gemeindeentwicklungsprojekte in der 8 Millionen-Metropole London kennen lernen zu können. Vorträge von renommierten Vertretern der neuen "Church Planting"-Initiativen der anglikanischen Kirche und Besuche in verschiedenen Londoner Kirchengemeinden gehörten zum bestens organisierten und von den beiden Pfarrern Dr. Peter Böhlemann und Hans-Jürgen Dusza geleiteten Programm.

Steven Croft, Beauftragter des anglikanischen Erzbischofs, eröffnete die Vorträge mit einem engagierten Beitrag zur Perspektive der "mission shaped church" (missionsgeprägte Kirche), als die sich die anglikanische Kirche nunmehr offiziell versteht. Er stellte eine Vielzahl von "fresh expressions" (frische Formen) des Gemeindeaufbaus in England vor und betonte, dass sich alle Church-Planting-Projekte als eine Bewegung verstehen, die sich aus der Verbindung von authentischer Frömmigkeit " im Unterschied zur Frömmelei " mit Weite und Modernität speist.

Christliche Spiritualität im persönlichen Leben und in der Gemeinde sei verbunden mit dem Wunsch, sich nicht abzuschotten, sondern Abgrenzungen zu überwinden und einen Platz im Leben und Erleben der Menschen in den unterschiedlichen Milieus und "Kulturen" der heutigen Gesellschaft zu finden. Um dies deutlich zu machen, benutzte er den Begriff der "Inkulturation des Evangeliums".

Gegen eine imperialistische Glaubensvermittlung

Ebenso pragmatisch und reflektierend zugleich berichtete Jonny Baker von seinem alternativen Gottesdienstprojekt "Grace" (Gnade), das Londoner Jugendliche in ihrer visuell geprägten Welt anspricht. Video-Clips, alte Hymnen in Radio tauglichem Sound und Stationen ähnlich der "Thomas-Messe" finden Anklang und ermutigen die Gottesdienstbesucher zu kreativer Mitarbeit.Jonny Baker sprach sich gegen jede Form einer autoritären ("imperialistischen") Form der Glaubensverkündigung aus, bei der Menschen genötigt werden, eine bestimmte Sprache, Musikrichtung oder Kultur zu übernehmen. Alternative Gottesdienstformen wie "Grace" erproben abseits der Traditionen neue Wege, das Evangelium als freundliche und unaufdringliche Einladung zu vermitteln.

Ann Morisy rundete die Liste der englischen Beiträge mit einem provozierenden Vortrag ab, der das innere hin- und her gerissen sein "could we, should we?" (könnten wir, sollten wir?) als allerbeste Voraussetzung für das Einlassen auf neue Wege zu und mit den Menschen beschrieb. Ihr Plädoyer für eine größere Bandbreite gemeindlichen "Repertoires" machte sie an vielen eindrücklichen Beispielen deutlich. Auch Ann Morisy betonte, dass Gebet und die Orientierung am Evangelium die Ausgangsbasis seien, "frische" neue Erfahrungen machen zu können.

Privat finanzierte Gemeindearbeit

In den Diskussionsrunden mit den Referenten erfuhren die Teilnehmer zahlreiche Hintergrundinformationen, die ein besseres Verständnis der neuen Entwicklungen ermöglichten. Historisch gesehen ist die anglikanische Kirche eine Abspaltung von der katholischen Kirche. Noch heute ist sie nach Bistümern und Diözesen strukturiert. Das Profil der anglikanischen Kirche wird ganz wesentlich von den Bischöfen geprägt.

Da die anglikanische Kirche nicht durch Steuern finanziert wird, kann sie ihren Gemeinden nur Zuschüsse zum Erhalt der Kirchengebäude und zur Finanzierung eines Pfarrers gewähren. Die Gemeinden sind also auf Spenden ihrer Mitglieder angewiesen. Am Beispiel einer relativ jungen Gemeindepflanzung in London wurde die Größenordnung dieses finanziellen Engagements deutlich: Die 150 Mitglieder legten in 2004 für die Gemeindearbeit die Summe von 300.000 englischen Pfund (ca. 450.000 Euro!) zusammen.

Die immer zu verändernde Kirche

Teilnehmer und Referent der Studienreise nach London war auch Prof. Dr. Michael Herbst aus Greifswald, der seinen Vortrag dem Thema widmete: "Wie Kirche wachsen kann". Als ausgesprochener Spezialist in Sachen Gemeindeaufbau erinnerte er an die "ecclesia semper transformanda" (die immer zu verändernde Kirche), die Abschied nehmen müsse von der "Konstantinischen Epoche" mit ihrer Deckungsgleichheit von Christ und Bürger. Im Zeitalter der Postmoderne gehe es um den Wechsel vom kultur- zum personengestützten Christentum. Die Gemeinde müsse sich stärker als "Verortung" des christlichen Glaubens verstehen.

Auch Michael Herbst betonte, dass das bisherige Prinzip "für alle das selbe" abzulösen sei durch Zugänge, die die verschiedenen Milieus und Situationen der Menschen und der Gemeinden erreichen. Mit dem Satz "no risk - no faith" (ohne Risiko kein Glaube) fasste er seine Analyse der Situation zusammen und ermutigte dazu, sich von der Begeisterung der "Church Planting"-Initiativen inspirieren zu lassen und zu Hause mit der Suche nach neue Wegen zu beginnen. "Der eigene Kirchturm ist dabei nicht in jedem Fall so wichtig wie der Fortschritt des Reiches Gottes in der Region", war seine Schlussbemerkung.

Das Geburtshaus des "Alpha"-Glaubenskurses

Als gemeinsame Exkursion besuchten die Teilnehmer die Eröffnungsveranstaltung des "Alpha-Kurses", ein Glaubenskurs in der "Holy Trinity Brompton"-Kirche (HTB). Über 300 Kursteilnehmer füllten die Stühle des alten, aber mit modernster Technik ausgestatteten Kirchengebäudes. Hier, an der Geburtsstätte des "Alpha-Kurses", ließ sich in besonderer Weise studieren, was zum Fundament des englischen Gemeindeaufbaus gehört. Ein wesentliches Ziel ist es, Menschen in Beziehung zueinander zu bringen. So werden die Alpha-Absolventen beispielsweise an so genannte "home groups" (Hausgruppen) vermittelt, die sich zweiwöchentlich treffen - nicht nur zu Gebet und Bibelstudium, sondern auch, um miteinander ihr Leben zu teilen.

In der HTB existieren heute 180 solcher "home groups", die in 60 "pastorates" (Pastorate) von eigens dafür ausgebildeten Ehrenamtlichen betreut werden. Das so entstehende Beziehungsnetz verbindet einerseits die Gemeindemitglieder miteinander, anderseits kommt so auf ganz natürliche Weise alles das in den Blick, was die Menschen der Gemeinde betrifft und bewegt.

Soziales Engagement ist selbstverständlich

Entsprechend umfangreich und nachhaltig ist daher das soziale Engagement in den anglikanischen Kirchengemeinden. Organisiert in der Form von Nachbarschaftshilfen beteiligen sich viele Gemeindemitglieder an sozialen Projekten, die von der Unterbringung und Verpflegung von Obdachlosen über Haushaltshilfen für Familien und Senioren, die Betreuung von AIDS-Kranken bis hin zu Besuchen in Krankenhäusern und Gefängnissen reichen. Aber auch der Anstrich von Schulräumen oder Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche gehören zum selbstverständlichen ehrenamtlichen Engagement der Gemeindemitglieder. Man packt an, wo Hilfe benötigt wird.

Vier Gottesdienste am Sonntag

Dass dieses miteinander Leben in den Kirchengemeinden automatisch Auswirkungen auf den Gottesdienstbesuch hat, das konnten die Teilnehmer der Studienreise bei ihren Besuchen in Londoner Kirchengemeinden beobachten und in vielen Gesprächen erfahren. So ist es in vielen Kirchen Londons heute wieder zur Normalität geworden, dass sonntags vier Gottesdienste stattfinden.

Diese sind allerdings auf ganz unterschiedliche Zielgruppen zugeschnitten. Vom Einsatz modernster Videotechnik und Musik aus den Charts in den Jugendgottesdiensten über lebendige Familiengottesdienste bis hin zum traditionellen und eher förmlichen anglikanischen Gottesdienst reicht das übliche Spektrum. Einen Gottesdienst mit der Intention, alle Zielgruppen gleichzeitig zu erreichen, findet man bei den "Church Planting"-Projekten kaum.

Festliches Diner in der Kirche

Zutiefst beeindruckt zeigten sich die Teilnehmer der London-Studienreise vom vielfältigen Leben in den Londoner Kirchengemeinden und der überall spürbaren Aufbruchstimmung und Begeisterung, die nach Jahren des Rückbaus zu zahlreichen neuen Impulsen und Initiativen geführt hat. Speziell die viele hundert Jahre alten, historischen Kirchengebäude werden dabei als Zentren des Gemeindelebens mit neuem Leben gefüllt, was in der Regel mit dem Entfernen der Kirchenbänke beginnt, um die Gebäude besser für die erforderliche Vielseitigkeit in der Gemeindearbeit nutzen zu können.

Die Alpha-Kurse von "Holy Trinity Brompton" enden beispielsweise mit einem großen festlichen Diner für 400 Personen im Kirchenraum. Da kaum eine Kirchengemeinde in England über kein eigenes Gemeindehaus verfügen kann, liegt es nahe, den vorhandenen alten Kirchenraum auf flexible Nutzungsoptionen einzustellen. Aber auch in England ist das Entfernen von Kirchenbänken nicht unumstritten. Es wurde jedoch vielfach berichtet, dass eine Bestuhlung sehr schnell positiv angenommen wird, wenn die enormen praktischen Vorteile sichtbar werden.

Kirche in der Kneipe

Zum Bild des London-Besuchs gehören aber nicht nur Projekte in Kirchengebäuden, sondern auch Gemeindepflanzungen in Kneipen und Schulgebäuden. Auch diese Elemente zeigen eine anglikanische Kirche, die sich in vielfältiger Weise auf den Weg zu den Menschen gemacht hat. Zugleich wird bei solchen Initiativen und Pflanzungen Wert auf Absprachen mit der Leitung der Diözese bzw. mit den Bischöfen gelegt. Viele Leitende der Kirche unterstützen die Bewegung ausdrücklich und verstehen sich als "Vordenker".

Das Entscheidende ist aber das vielfältige persönliche Engagement der Gemeindemitglieder. Indem der Aufbruch von der Basis ausgeht, findet er seinen Platz im Beziehungswerk der Menschen vor Ort. Kirche und Gesellschaft gewinnen auf diese Weise einen ganz neuen Zugang zueinander. Kirche bleibt nicht abstrakt, sondern wird Teil des Alltags und Lebensraums.

Die Begeisterung und Freundlichkeit der englischen Christen wird den Teilnehmern der Studienreise nachhaltig in Erinnerung bleiben. Die Teilnehmer nahmen den starken Eindruck mit in ihre Heimatorte, dass Aufbruch durch Neuaufbau möglich ist. Ein Teilnehmer meinte, dass man zu Hause wohl "den Schalter im Kopf" umlegen müsse.

Text: Hans-Martin Wahler

Fotos: Hans-Martin Wahler, Michael Weber, Johannes Becker


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