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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Suizid angedroht - Polizei und Rettungsdienste im Einsatz
Tag der Notfallseelsorge in Kreuztal

Bernd Schneider, Leiter der Siegener Feuerwehr
10.02.2005 11:20

Passanten schauen erschreckt hinauf. Da oben steht eine junge Frau gefährlich nahe am Abgrund. Sie macht einen verzweifelten Eindruck. Einer zieht sein Handy aus der Tasche und ruft die Polizei an. Kurze Zeit später treffen die Einsatzkräfte ein: Polizei, Rettungswagen, womöglich die Feuerwehr und auch ein Notfallseelsorger. Was ist zu tun? Kann man die junge Frau von ihrem offensichtlichen Vorhaben abbringen? Eine Situation, die sich keiner der Einsatzkräfte herbeiwünscht und für die es keine DIN-Norm und kein Handbuch gibt, um sie zu einem guten Ausgang zu bringen. Sensibilität und Fingerspitzengefühl sind gefragt, Geduld, starke Nerven, und ein gutes Miteinander.

Worauf es in einer solchen Situation ankommt, wie man mit einer solchen Situation umgehen kann und wie die Einsatzkräfte selbst einen solchen Einsatz an Leib und Seele möglichst unbeschadet überstehen, war Thema des Tages der Notfallseelsorge, der jetzt im Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Kreuztal stattfand. Zum zweiten Mal waren Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste und Notärzte von der Notfallseelsorge Siegerland eingeladen, um miteinander ins Gespräch zu kommen und voneinander zu lernen.

58.000 Menschen verüben EU-weit jährlich Suizid, zitierte ein Teilnehmer einen Bericht. In Deutschland, so vermutete man, sind es über 20.000. Genaue Zahlen liegen nicht vor. Zu beklagen seien allerdings mehr Suizidtode als Verkehrstode.

Spannungsfelder

Bei solchen Einsätzen, so wurde deutlich, sind einige Spannungsfelder zu bewältigen. Polizeihauptkommissar Alfred Mockenhaupt schilderte das Vorgehen aus Sicht der Polizei. Schnell sollen die Einsatzkräfte vor Ort sein, Panik darf jedoch nicht entstehen. Schließlich will man helfen, schützen, verhindern. Zusätzliche Anspannung, Durcheinander und Unkoordiniertheit sind fehl am Platz. Wie kann man mit dem Suizidenten in Kontakt treten? Wer ist in solchen Fällen zuständig und damit auch verantwortlich? Wer verantwortlich ist, kann zur Rechenschaft gezogen werden.

Absprachen der Einsatzkräfte vor Ort sind nicht zu unterschätzen, machte Bernd Schneider, Leiter der Siegener Feuerwehr, deutlich. Vor Ort muss die Situation schnell eingeschätzt werden, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Niemand weiß, ob sie erfolgreich sein werden. Einige solcher Einsatzlagen hat er während seiner 34-jährigen Feuerwehrzugehörigkeit erlebt. Schneider: "Zumeist sind es Beziehungsprobleme, die zu einer solchen Reaktion führen, und meistens ist Alkohol im Spiel." Ein juristisches Spannungsfeld, so wurde deutlich, ist die Ausübung von körperlichem Zwang, wenn jemand gewaltsam an seinem Vorhaben gehindert werden soll, oder wenn im Nachhinein der Vorwurf von unterlassener Hilfeleistung erhoben wird.

"Ich bin froh", so ein Tagungsteilnehmer, "wenn ich am Einsatzort auf Mitarbeiter beteiligter Organisationen treffe, die ich von früheren Einsätzen bereits kenne. Das erleichtert die Absprachen und die Zusammenarbeit."

Grenzen der Einsatzkräfte

Notfallseelsorger Pfr. Rainer Klein berichtete von 12 Einsätzen im Umfeld von Suizid, die er im Rahmen seiner bisher 8 ½ jährigen Notfallseelsorgezeit zu bewältigen gehabt hätte. Darunter auch die Überbringung der Todesnachricht nach vollzogenem Suizid. Zum Aufgabengebiet der Notfallseelsorge gehöre die Begleitung von Angehörigen und Betroffenen ebenso wie die Betreuung der Einsatzkräfte, die leicht an den Rand des menschlich Erträglichen geraten könnten. Er habe selbst erlebt, wie sogar ein Notarzt an einem Einsatzort zusammengebrochen sei und betreut werden musste. Genaue Absprachen, klare Kompetenzen, eine funktionierende Kommunikation und eine klare Aufgabenverteilung gäben den Einsatzkräften Sicherheit. Wenn ein Einsatz nicht erfolgreich beendet werden könne, müsse dies gemeinsam getragen werden. Deutlich machte er, dass die Verantwortung der Einsatzkräfte Grenzen habe. Dessen müsse man sich bewusst sein. In solchen Einsätzen werde auch das eigene Verhältnis zum Tod das Reden und die Handlungen beeinflussen. Die Einsatzkräfte kämen in die Situation, sich Rechenschaft abzulegen zu ihrer eigenen Einstellung zum Thema Tod. Unmittelbar nach dem Einsatz müssten die Einsatzkräfte Gelegenheit haben, den Einsatz zu bewältigen.

Im Rahmen der Diskussionen wurde deutlich, dass die Notfallseelsorge noch nicht automatisch in allen erforderlichen Alarmierungsabläufen eingebunden ist. Dies gelte es zu prüfen und ggf. zu ändern. Deutlich wurde aber auch, dass die Einsatzkräfte die Zusammenarbeit mit den Notfallseelsorgern zu schätzen wissen, die auch ihnen kompetent helfen, solche erheblich belastenden Einsätze verarbeiten zu können. kp


Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Ein reger Gesprächsaustausch fand am"Tag der Notfallseelsorge" im Kreuztaler Dietrich-Bonhoeffer-Haus zwischen den unterschiedlichen Einsatzkräften statt. Man lernte besser kennen, aus welcher unterschiedlichen Aufgabenstellung und Sichtweise die einzelnen Hilfsorganisationen an ihre Einsätze herangehen. Das gemeinsame Kennen lernen und Gespräch außerhalb der Einsätze hilft, die oft sehr stressbelasteten Einsätze im Nachhinein besser zu verarbeiten.
Im Bild: Bernd Schneider, Leiter der Siegener Feuerwehr, erläutert die Vorgehensweise eines Einsatzes durch die Feuerwehr.


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