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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

"In der Botschaft vom Kreuz ist das 'Unternehmensziel' beschrieben, dem alle auf den Bestand des Unternehmens bezogenen Teilziele unterzuordnen sind."
Altpräses Manfred Kock über 'evangelisches Kirchenprofil in den Veränderungen der Gegenwart' auf der Reformierten Konferenz Südwestfalen.

Altpräses Pfr. Manfred Kock
09.03.2005 14:37

Aus den Erfahrungen eines langen und vielschichtigen Berufslebens kann Pfr. Manfred Kock schöpfen. Als langjähriger ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender und ehemaliger Präses der rheinischen Landeskirche hat er auf vielen kirchlichen und gesellschaftspolitischen Ebenen Kirche nach innen und außen vertreten. Wie evangelisches Profil von Kirche in der Gegenwart aussieht und aussehen sollte und wie Kirche in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, war das Thema seines Impulsvortrages auf der Reformierten Konferenz Südwestfalen, die jetzt im Gemeindehaus Ferndorf stattfand.

Gelegenheitskonsumenten

In seinem Vortrag machte Manfred Kock deutlich, dass Kirche heute vielfach als Anbieter einer religiösen Leistung wahrgenommen und mit einer Konsumenten-Mentalität in Anspruch genommen wird. Die Nachfragenden wirken wie Kunden des Unternehmens ’Gemeinde’. Es werden nur die Leistungen in Anspruch genommen, mit denen die Menschen etwas anfangen können und die sie interessieren.
Die Kirche selber, so Kock, sei Gegenstand des Glaubens. Ihr Wesen sei unabhängig von der Gestalt und nicht mit soziologischen und ökonomischen Kategorien zu beschreiben. Biblische Bilder, wie Leib Christi, wandelndes Gottesvolk oder Gemeinschaft der Heiligen als Beschreibung von Kirche wiesen auf eine überinstitutionelle Wirklichkeit hin.

Akzeptanz gesunken

Die Akzeptanz der Kirche ist gesunken. Viele in der Gesellschaft geben die Grundlage preis und möchten den christlichen Glauben am liebsten im Müll des historisch Erledigten entsorgen. Ein Drittel der Bevölkerung gehört keiner Kirche an. Religion kommt in der Erziehung vieler Eltern nicht vor. Väter klagen gegen Kreuze in Schulen und gegen Gebete in Kindergärten. Kock:"Jeder Heidenspuk findet ernsthaftes Interesse, aber der christliche Glaube scheint niemanden aufzuregen."

Flächendeckende Präsenz

Die Ursachen der Entfremdung der Menschen von ihrer Kirche seien vielfältig diskutiert und hätten den Ruf nach professioneller Unternehmensberatung und besserer Öffentlichkeitsarbeit ausgelöst, so der Kirchenmann. Man hat erkennen müssen, dass die institutionelle Kirche Handlungsgesetze zu beachten hat, wie beispielsweise Unternehmen im non-profit-Bereich. Dazu braucht es qualifiziertes Management mit einer Personalpolitik, die die Mitarbeitenden auf gemeinsame Ziele verpflichtet mit abgestimmten Arbeitsschritten und Erfolgsbewertung.

Wenn die Kirche für sich wirbt, lässt sie ihre Botschaft unter dem Mechanismus konkurrierender Mächte erscheinen. Kock: "Das ist jedoch vom Selbstverständnis unseres Glaubens her unmöglich. Wir sind überzeugt, dass unser Glaube konkurrenzlos ist. Kirche darf jedoch nicht manipulieren und vor allem nichts versprechen, was nicht zu halten ist.""Die Kirche hat auch kein ’Produkt’, das durch wirtschaftliche Bemühungen an den Menschen gebracht werden kann. Es geht um geistliche Prozesse. Die sind menschlicher Strategie nicht verfügbar."

Im Zuge der Kostensenkungen wird der Ruf nach dem ’Eigentlichen’ laut. Dabei ist oft das Handlungsfeld für die Ortsgemeinden im Bewusstsein. Flächendeckende Präsenz von Verkündigung und pastoralen Angeboten haben nach Auffassung des Referenten in sich selbst schon Stärkendes für die ’Ansage des Evangeliums in der Welt’. Dennoch dürften die meist überörtlichen Arbeitsfelder für ’Distanzierte’ nicht wegrationalisiert und diakonische Angebote sowie missionarische Weggenossenschaft dürften nicht abgebrochen werden. Der Pfarrer und Fernsehtalkmaster Jürgen Fliege hat bei seinen 150 Ratschlägen an die Kirche neben vielen guten und beherzigenswerten Ideen eine für Kock entlarvende genannt. Fliege sage, die Menschen bräuchten eine Kuschel-Kirche. Daher solle man das Kreuz aus den Kirchen entfernen. Es störe, weil es grausam und bedrückend wirke. "Ein solches Marketing", so Kock, "verdirbt jedoch den Grund der Botschaft. Wer die christliche Botschaft nur nach den Bedürfnissen der ’Kunden’ ausrichtet, landet in der Regel bei Ruhe und Ordnung, werde unpolitisch und besänftigend. In der Botschaft vom Kreuz ist das ’Unternehmensziel’ beschrieben, dem alle auf den Bestand des Unternehmens bezogenen Teilziele unterzuordnen sind."

Rolle der Kirche in der Gesellschaft

Kirche hat etwas zu bieten, stellte der Altpräses fest. So sollte sie ihre Rolle für die Wertorientierung in der Gesellschaft noch entschlossener als bisher wahrnehmen. Der besondere Auftrag der reformatorischen Kirche habe vor allem die Botschaft von der Rechtfertigung zu betonen, wonach Scheitern und Schuld nicht das letzte Wort hätten. Betont werden müsse die Freiheit eines Christenmenschen, bei der man keinen klerikalen Zwängen und keiner religiösen Bevormundung unterliege. Betont werden müsse auch das Priestertum der Gläubigen. In ihr gebe es keine hierarchischen Bindungen und die organisatorischen Strukturen begründeten keine Herrschaft von oben nach unten. Die Kirchen sind nach Kock Anwältin der Freiheit. Sie haben den gesellschaftlichen Pluralismus heute ausdrücklich zu hüten. Sie dürfen nicht fundamentalistischen Einheitsvorstellungen verfallen und sie müssten Verfechterin sozialer und individueller Freiheit bleiben.

Nach Auffassung von Altpräses Kock ist Mission angesagt, als wichtige Wesensäußerung von Kirche: "Die Weitergabe des Glaubens ist keine Spezialistenaufgabe, sondern Sache der ganzen Gemeinde."

Anschließend ging Kock eine Stunde lang auf Nachfragen aus dem Plenum ein. Dabei machte er deutlich, es sei eine Mission erforderlich, die einlade und nicht dogmatische Hindernisse aufbaue. Dazu müsse man jedoch die eigene Position klar haben. Kock: "Die Menschen müssen merken, dass ich aus der Vergebung Jesu Christi lebe. Das muss vermittelt werden."

kp


Text zum Bild: (Foto: Karlfried Petri)
Altpräses und ehemaliger EKD-Ratsvorsitzender Pfr. i.R. Manfred Kock referierte im Ferndorfer Gemeindehaus über evangelisches Profil in den Veränderungen der Gegenwart.


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