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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

"In die Bibel eindringen heißt Freiheit zu erfahren"
Reformierte Konferenz Südwestfalen tagt in Büschergrund

Pfr. i.R. Ulrich Weiß
04.11.2005 13:19
"Wie Kirche wächst - Impulse der Erweckungsbewegung für das 21. Jahrhundert", so lautete das Thema, zu dem sich die Herbsttagung der Reformierten Konferenz Südwestfalens am vergangenen Samstag im gut gefüllten Ev. Gemeindezentrum Büschergrund versammelte. Mit Pfarrer i.R. Ulrich Weiß war ein überaus kompetenter Referent gewonnen worden, von dem sich der Trägerkreis nicht nur eine historische Aufarbeitung der Siegerländer Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts erwartete, sondern der die Glaubens- und Lebenspraxis dieser bis heute umstrittenen Epoche mit ihren geistlichen Einsichten als Impuls gebend für die Kirche des 21. Jahrhunderts darzustellen verstand.
Mit einem Wort des Kirchenhistorikers Ulrich Gäbler definierte Weiß die Erweckung als "Auferstehungszeit". Sie ereigne sich auf Grund des Tote erweckenden Schaffen des Heiligen Geistes, wenn ein Mensch sich der tödlichen Gefahr bewusst werde, in der er stecke, und sich herausrufen lasse aus dem Kerker des Todes in die Freiheit des Lebens mit Gott. Von einer Erweckungsbewegung lasse sich dann sprechen, wenn die Erweckung Einzelner öffentlich wird und ganze Kirchen oder Regionen erfasst und sich gegen alle Widerstände durchsetzt.
Die Siegerländer Erweckungsbewegung entstand im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts und erreichte alle Kirchengemeinden in den Synoden Siegen und Wittgenstein. Übrigens lässt sich im gesellschaftlich-politischen Raum eine zeitgleiche Parallele feststellen, als nach den Befreiungskriegen eine nationale Bewegung durch das Land ging, die die Bedrückungen der Napoleonischen Herrschaft hinter sich lassen und sich einer nationalen Identität versichern wollte. Dabei lassen sich religiöse und nationale Erweckung nicht immer säuberlich trennen.
Die Erweckungsbewegung verstand sich als innerkirchliche Reformbewegung. An die Gründung neuer Glaubensgemeinschaften dachte niemand. Der Freudenberger Tillmann Siebel erklärte ausdrücklich, er wolle "dem kirchlichen Amt helfen". Während aber in Wittgenstein dank der Toleranzpolitik des Fürstenhauses die Erweckten sich ungehindert versammeln und ausbreiten konnten und dabei durchaus auch skurrile Züge annahmen, verlief die Entwicklung im Siegerland anders. Die Erweckungsbewegung störte die gewohnten Geleise, erschreckte viele Menschen und traf dabei auf Widerstand. Sowohl der preußische Obrigkeitsstaat als auch eine weitgehend dem Rationalismus verpflichtete Kirche setzte sich hart zur Wehr. So erlebte die Erweckungsbewegung beides: den Enthusiasmus für das Reich Gottes und den Schmerz der Anfeindung und des Widerstandes.
Im mittleren Teil seines Vortrages fragte Weiß nach der gegenwärtigen kirchlichen und geistlichen Situation. Wenn der Philosoph Jürgen Habermas die gesellschaftliche Lage mit dem Stichwort der "Unübersichtlichkeit" gekennzeichnet sieht, so gilt diese Unübersichtlichkeit, ja geradezu Widersprüchlichkeit auch für die kirchliche und geistige Landschaft. Zukunftsangst und blinder Optimismus stehen unverbunden nebeneinander, die Zerstörung der Schöpfung ist als Bedrohung mit Händen zu greifen, während gleichzeitig der Wahn des alles Machbaren propagiert wird. An dieser Unübersichtlichkeit hat die Kirche teil. Die Frage nach dem Spassfaktor und die Suche nach dem geistlichen Event sind auch in das kirchliche Leben tief eingedrungen und führen bei vielen Beteiligten zu einer Angst vor der "Normalität" des Gemeindelebens. Das unverbindlich Religiöse wird gesucht und - wie bei der Wiedereinweihung der Dresdener Frauenkirche oder beim Weltjugendtag in Köln - gefeiert. Symbolische Handlungen haben Konjunktur, vor der biblischen Botschaft aber scheut man zurück. Vielfach wird geistliche Führerschaft - die vergangenen Monate des Papsttums sind mehr als nur ein Indiz - eingefordert, verbindliche Christusnachfolge dagegen für überflüssig gehalten. Solche Phasen der Unübersichtlichkeit hat es in der Kirchengeschichte immer wieder gegeben, neu dagegen ist heute die Nachchristlichkeit unserer Gesellschaft. Der Glaube ist weithin individualisiert und zum Teil bis zur Unkenntlichkeit anonymisiert worden. Im Verlust seines Gegenübers macht jeder sich seinen Glauben selbst. Die Bindung an eine Kirche kann da eine solch eigenmächtige Selbstvergewisserung nur stören. Wie kann Kirche sich und die Botschaft, von der sie selber lebt, angesichts solcher Zeitanalyse bewähren? Weiß antwortete: durch den Rückgriff auf das Beste, das ihr zu eigen ist. Das Beste aber sei immer noch das Evangelium selbst. Viele Aufbrüche hätten die Kirchen der Reformation in ihrer Geschichte nicht aufzuweisen. Einer dieser Aufbrüche seien Pietismus und Erweckungsbewegung gewesen, deren Einsichten es heute aufzugreifen gelte.

Fünf Punkte nannte der Referent, die gleichermaßen für die Erweckungsbewegung kennzeichnend und für die Gegenwart neu zu beleben seien: Die Erweckungsbewegung war eine Christusbewegung. Und der Glaube an Christus war anders als im Rationalismus nicht der Glaube an ein Vorbild, dem es nachzueifern galt, sondern der lebendige Glaube an den Gekreuzigten. Weiß erinnerte an den Ausspruch Zinzendorfs: "Er, Christus, er ist meine Passion!". Die Väter der Erweckungsbewegung konnten zum Teil in sehr einfachen Formulierungen diesen Glauben aussprechen. Das gab ihrer Verkündigung Klarheit. Solche Klarheit gilt es wiederzugewinnen, ohne in den Formeln von gestern zu erstarren.

Die Erweckungsbewegung war eine Buß- und Bibelbewegung. Sie gab sich nicht mit der bloßen Schilderung des Christusgeschehens zufrieden, sondern brachte die geschehene Versöhnung als Lebenswirklichkeit des Glaubenden zur Sprache. Sie machte Ernst damit, dass die Bibel in die Hand eines jeden Christen gehöre. So wurde der Einzelne in seinem Glauben argumentationsfähig und gerüstet, die Welt neu zu sehen.

Die Erweckungsbewegung war eine evangelistische Bewegung. Evangelisation geschah nicht in Massenveranstaltungen, sondern im Kontext des Alltags. Auf dem oft weiten Fußweg zur Fabrik, am langen Arbeitstag auf dem Feld, nach dem Ausstieg aus dem Bergwerk sprachen die Menschen das aus, was sie bewegte. Sie lernten miteinander den Glauben im vertrauten Austausch und in der Sprache des Herzens.

Die Erweckungsbewegung war eine seelsorgerliche Bewegung. Die Menschen wurden nicht über einen Leisten geschlagen, sondern ernst genommen. Bekehrungen folgten weder einem Schematismus noch unterlagen sie einer festen Norm. Manche Erfahrungen späterer Zeitgenossen, die von einer sie bedrängenden, sie ihrer Freiheit beraubenden und am Ende krank machenden Verkündigung berichten, gründen nicht in der Theologie etwa eines Tillmann Siebel. Siebel konnte warten und den Menschen Zeit lassen. Und er selbst war viel zu sehr in der reformierten Erwählungslehre verwurzelt, um das Heil der Menschen an irgendwelche Vorleistungen zu knüpfen. Für ihn galt: Gott handelt, und Du wirst leben.

Die Erweckungsbewegung war eine wachsende Bewegung. Aber ihr Wachstum orientierte sich nicht an quantitativer Größe. Wenn das Neue Testament von Wachstum spricht, dann meint es das Wachsen an Erkenntnis oder an Gemeinschaft. Und die Apostelgeschichte spricht davon, dass das Wort Gottes sich ausbreitet und die Gemeinde infolgedessen zunimmt. Ein kirchlicher Reformprozess, der das Ziel "Wachsen gegen den Trend" ausgibt, muss aufpassen, dass solches Wachsen nicht Selbstzweck oder gar um den Preis der Wortvergessenheit erkauft wird. Denn nur wo Geist und Wort regieren, entsteht und wächst Gemeinde.

Die angeregte Diskussion, die sich an den Vortrag anschloss und in der sich viele Teilnehmer dankbar für die aufgewiesenen Impulse zeigten, beendete der Referent mit dem Fazit und dem Wunsch, von der Erweckungsbewegung sei "die Hoffnung zu lernen, dass Gott nicht nur mit der Kirche, sondern auch mit unserer Welt noch etwas vorhat".

Michael Becker

Text zum Bild: (Foto Michael Becker)
Pfr. i.R. Ulrich Weiß referierte über die Erweckungsbewegung im Siegerland.

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