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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Vision vom eigenen Zuhause
Gehörlosengemeinde Siegen feierte Weihnachten und 25 Jahre Gehörlosenseelsorger Pfarrer Benno Weiß

Gehörlosenpfarrer Benno Weiß predigt in Gebärdensprache
13.12.2005 10:24
Gleich zwei Anlässe zum Feiern hatte jetzt die Gehörlosengemeinde Siegen: Die alljährliche Advents- und Weihnachtsfeier und 25-jähriges Dienstjubiläum ihres Seelsorgers Pfr. Benno Weiß.
Mit einem Gottesdienst in Deutscher Gebärdensprache begann die Weihnachtsfeier im Gemeindezentrum der Christuskirche am Siegener Wellersberg. Hier feiert die Gemeinde seit einem Jahr monatlich ihren Gottesdienst. Dabei geht es deutlich anders zu als in einem gewöhnlichen Gottesdienst für Hörende. Die über 120 Gottesdienstbesucher sind lebhafter, begrüßen einander fröhlich mit einer ausgeprägten Gestik und Mimik. Eine sich bewegende Glocke, auf eine Leinwand projiziert, läutet sozusagen geräuschlos den Gottesdienst ein.

Pfarrer Benno Weiß steht gut sichtbar vor dem Abendmahlstisch und spricht lautlos in Gebärdensprache. Ausgeleuchtet von einem hellen Strahler, damit die Gehörlosen seine Gebärden gut sehen können. Für die Hörenden übersetzt Gebärdendolmetscherin Jessica Pallaske die lautlose Gestik und Mimik. Selbst das gemeinsame Singen kommt in der Gehörlosengemeinde nicht zu kurz. Der Gehörlosenseelsorger hat eigens dafür mittlerweile an die 60 Gebärdenlieder geschrieben, die Eingang in den Gottesdienst gefunden haben. Gemeinsam "singt" die Gemeinde lautlos in der Gebärdensprache.In seiner Weihnachtspredigt erinnert Benno Weiß an die Engel, die den Hirten auf dem Feld das Evangelium verkünden. Euch ist heute der Retter geboren. Weihnachten, ein Fest für einfache Leute. Und die erleben die Befreiung Gottes. Was Befreiung bedeutet, haben viele Gehörlose erlebt, als sie die Gebärdensprache erlernten. "Lange Zeit dachten wir", so Benno Weiß, "Gott sei ein hörender Gott. Als ich vor 25 Jahren als Gehörlosenpfarrer meinen Dienst begann, sagtet ihr, Gebärdensprache in der Kirche - das geht doch nicht. Heute wissen wir, Gott versteht Gebärden. Gott hat uns Gehörlosen die Gebärdensprache geschenkt. Das war wie eine Befreiung." Zum Abschluss des Gottesdienstes erhielten die Gehörlosen eine spezielle Ausgabe der Herrnhuter Losungen 2006 für Gehörlose in verständlicher Schriftsprache mit Erklärungen.

Bibelübersetzung für Gehörlose

Nach dem Kaffeetrinken berichtete Benno Weiß aus seinem Dienst in der Gehörlosengemeinde. Bei der Gehörlosenweihnachtsfeier 1980 in der Haardter Kirche in Weidenau übernahm er die Gehörlosengemeinde von Pastor Hoppensack. Weiß war Berufschulpfarrer und bekam fünf Wochenstunden für die neue Aufgabe erlassen. 1988 kam die Gehörlosengemeinde Wittgenstein dazu mit vier Wochenstunden. 1990 wurde der Pfarrer, der als Hörender in einem Elternhaus mit gehörlosen Eltern aufwuchs, vollzeitlicher Gehörlosenseelsorger mit einer halben Stelle in den Kirchenkreisen Siegen und Wittgenstein und einer halben Stelle für die westfälische Landeskirche.
Vor 25 Jahren, so erinnerte sich Weiß, gab es ganz neu das Schreibtelefon. Es kostete, für viele unerreichbar, 2500 DM. Sie sammelten Spenden in der Bahnhofstraße, bei Nachbarn, bei Kirchengemeinden. Siegens Altbürgermeisterin Hilde Fiedler, den Gehörlosen immer sehr verbunden, unterstützte die Aktion. Über 100.000 DM kamen zusammen und jeder Gehörlose erhielt ein Schreibtelefon.
Spannend waren die Demonstrationen um den Erhalt der Beratungsstelle für Gehörlose. Zuschüsse sollten gestrichen werden. Mit Transparenten gingen die Gehörlosen ins Rathaus in die Sitzung des Sozialausschusses. Die Beratungsstelle konnte erhalten bleiben.
1992 hat Weiß begonnen, Bibeltexte in Gebärdensprache zu übersetzen. Daraus ist heute ein EKD-weites Bibelübersetzungsprojekt geworden. Aus seinen Gebärdenliedern erwuchs deutschlandweit eine reiche und lebendige Kultur der religiösen Gebärdensprachpoesie. Seit 1992 feiern die Gehörlosen ihre eigenen Gehörlosenkirchentage. Die westfälischen Gehörlosen trafen Christen aus Dänemark, Schweden, Finnland, Norwegen, Estland, Litauen, Uganda und Eritrea. Sie unterstützen drei Gehörlosenschulen in Eritrea und Tansania. In Gottesdiensten erlebten sie gebärdensprachliche Verständigung über Ländergrenzen hinweg.
Abschließend erzählt Benno Weiß von einem Traum der Gehörlosenvereine und der Gehörlosengemeinde. "Wir wünschen uns ein Zuhause, eigene Räumlichkeiten, die wir nach den Bedürfnissen gebärdensprachlicher Kommunikation gestalten können und in denen wir die Symbole unserer Gehörlosenkultur fest installieren." Geld für einen Hauskauf haben die Gehörlosen zwar nicht, aber sie können Miete bezahlen und für laufende Kosten aufkommen. Dann hätte die Gehörlosenkultur in Kirche und Gesellschaft auch in Siegen ihren festen, sichtbaren Platz.
Ehrengäste aus Kirche, Politik sowie die Gehörlosenvereine und Einrichtungen gratulierten Pfarrer Benno Weiß herzlich zu seinem 25-jährigen Jubiläum.
kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Gehörlosenpfarrer Benno Weiß predigt in Gebärdensprache.

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