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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

"Die Kirche ist wie eine Burg"
Kirchengemeinde Ferndorf gewährt Tuan Ngo Van Kirchenasyl

Dr. Ludwig Brügmann, Tuan Ngo Van, Pfarrer Volker Bäumer
18.01.2006 12:35

Abgeschoben werden sollte der Vietnamese Tuan Ngo Van am Dienstag, 17. Januar ab 6.30 Uhr. Alle Besuche auf Ämtern, bei der Botschaft, bei Rechtsanwälten, Telefonate in Deutschland und in Vietnam konnten die geplante Abschiebung bisher nicht verhindern. Daher hat das Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Ferndorf am vergangenen Freitag in einer Dringlichkeitssitzung beschlossen, dem Vietnamesen ab Montag 8 Uhr im Gemeindezentrum Kredenbach Kirchenasyl zu gewähren. Pfarrer Volker Bäumer in der kurzfristig anberaumten Pressekonferenz: "Wir haben beschlossen, unseren vietnamesischen Christen vor der Abschiebung zu bewahren." Er sei gestern ins Kreishaus gefahren und habe Landrat Paul Breuer, Kreisdirektor Frank Bender sowie den Leiter der Ausländerbehörde beim Kreis Siegen-Wittgenstein Manfred Grünebach über die Situation informiert. Die Gespräche seien sehr herzlich verlaufen.
Man habe ihm jedoch deutlich gemacht, dass das Kirchenasyl keine aufschiebende Wirkung habe. Sollte Tuan Ngo Van außerhalb seiner Asylstätte angetroffen werden, werde er sofort in Abschiebehaft genommen. Ebenfalls habe der Leiter der Ausländerbehörde aufgezeigt, es entspreche nicht der Praxis seiner Behörde, gegen bestehendes Kirchenasyl polizeilich vorzugehen und in die Kirche einzudringen.
Die Kirchengemeinde ihrerseits habe betont, das Kirchenasyl sei keine Kampagne gegen die Ausländerbehörde, sondern richte sich gegen die bestehende Rechtslage in Deutschland hinsichtlich der Einschätzung der Religionsfreiheit in Vietnam. Rudolf Biermann, Bürgermeister der Stadt Kreuztal, habe sehr viel Verständnis für den Schritt der Kirchengemeinde geäußert.
Informiert worden sei die Superintendentin des Kirchenkreises Siegen Annette Kurschus, die die Unterstützung des Kirchenkreises zugesagt habe, und auch die westfälische Landeskirche in Bielefeld sei informiert worden. Am 26. Januar steht ein Anhörungstermin beim Verwaltungsgericht in Arnsberg an. Dem sieht man allerdings nicht gelassen entgegen, da im Vorfeld eine Prozesskostenbeihilfe bereits negativ vom Gericht beschieden worden ist.Die nächsten Schritte sollen zum Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe und, falls erforderlich, zum Europäische Gerichtshof für Menschenrechte führen. Ziel sei, zu erreichen, dass die Bundesrepublik Deutschland anerkenne, dass bekennende Christen wie Tuan Ngo Van in Vietnam verfolgt würden.

Kirchenasyl sehr schwerer Schritt
Zur menschlichen Begleitung ihres vietnamesischen Freundes und christlichen Bruders fanden sich in den letzten Monaten Mitglieder der Evangelischen Gemeinschaft, des Collegium Musicum Siegen und des Gemeindebezirkes Kredenbach der Kirchengemeinde Ferndorf zusammen. Dr. Ludwig Brügmann erläuterte die Überlegungen und das weitere Vorgehen der Gruppen, die sich jeden Montag um 11 Uhr im Gemeindezentrum Kredenbach treffen, um das Kirchenasyl zu organisieren.
Das Kirchenasyl sei ein illegaler und sehr schwerer Schritt. Brügmann: "Wir tun etwas, was gegen den Rechtsstaat ist, um dem Rechtsstaat zu helfen." Vom ehemaligen Innenminister des Landes NRW und Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages Burkhard Hirsch stamme der Satz: "Kirchenasyl ist nicht legal, aber legitim." Man habe bisher geglaubt, die Rechtsmittel noch nicht ausgeschöpft zu haben. Zwei mal sei die Abschiebung verhindert worden. Jetzt muss die Organisation des Asyls ordentlich geplant werden. Tuan Ngo Van muss betreut werden, Einkäufe sind zu erledigen, Wäsche ist zu waschen, es bedarf der regelmäßigen öffentlichen Information und für alles braucht es einen langen Atem.
Brügmann beschrieb die nicht zu begreifende Rechtssituation. Der Landtag NRW habe nach einer Petition die freiwillige Ausreise des Vietnamesen empfohlen. Dies geht aber nur, wenn Tuan Ngo Van einen gültigen Ausweis besitze. Den wiederum erhalte er nur persönlich in Vietnam. Er dürfe Deutschland aber nicht legal verlassen, da er keine Papiere habe. Mehrfach habe man in Hanoi angerufen und die Situation erörtert.

Religionsfreiheit unterschiedlich bewertet
Die Grundproblematik, so der engagierte Mediziener, bestehe in der unterschiedlichen Einschätzung der Religionsfreiheit in Vietnam. Offiziell gelte Religionsfreiheit in Vietnam. Die tatsächliche Situation in dem Land sei jedoch nach Auskunft von Menschenrechtsorganisationen eine andere. Für bekennende Christen, zu denen Tuan Ngo Van gehöre, habe sich die Sachlage in den letzten 12 Wochen erheblich verschlechtert. Folterungen, Quälereien und Inhaftierungen seien nach Auskunft der Gesellschaft für bedrohte Völker zu verzeichnen.

Pfarrer Volker Bäumer ergänzt:"Christsein ist missionarisches Christsein. Dazu gehört, andern Menschen vom Evangelium weiterzusagen. Dies hat Tuan in Vietnam gemacht. Er ist in die Bergdörfer seiner Region gegangen, um den Menschen dort von Jesus Christus zu erzählen." Dies wird in Vietnam jedoch nicht geduldet. Möglich sei gegebenenfalls innerhalb der staatlich anerkannten protestantischen Kirche ein Christsein im stillen Kämmerlein zu führen ohne Außenwirkung . Dies sei jedoch nicht das Christsein wie er als Theologe und Tuan Ngo Van es verstehe.

Bekennender Christ und Berufsmusiker
Tuan Ngo Van ist 43 Jahre alt und Berufsmusiker mit Abschluss-Diplom der Musikschule Hanoi. Er war Angestellter im staatl. Sinfonieorchester.Er gehört aber auch zu einer der vielen vietnamesischen "Hauskirchen", die vom Staat nicht anerkannt werden. Man hat ihm, so Dr. med. Ludwig Brügmann, nachdem er Christ wurde, seine Geige konfisziert. Tuan Ngo Van musste seine Stellung im Orchester aufgeben, wurde gefoltert, gequält und verbrachte einige Tage im Gefängnis. Er wolle heute lieber in ein deutsches Gefängnis, als zurück nach Vietnam.

Tuan Ngo Van

Mit Hilfe von Schleppern floh er aus Vietnam und kam über Kambodscha, Russland, die Ukraine über westeuropäische Länder nach Deutschland. Nach Jahrelangen Verfahren in Dortmund und im Siegerland wohnte er seit sechs Monaten bei dem Ehepaar Brügmann in Kreuztal-Kredenbach. Bis zu seinem Kirchenasyl spielte Ngo Van Geige im Collegium Musicum, im Universitätsorchester, in Altenheimen, Kirchen und Schulorchestern. Es besuchte regelmäßig Gottesdienste und in Kreuztal die Gebetsstunde der Evangelischen Gemeinschaft. Dort treffen sich täglich Christen, die für ihren Mitbruder beten in der Hoffnung, dass Tuan Ngo Van künftig legal an den Zusammenkünften seiner christlichen Geschwister teilnehmen kann. In seiner Asylunterkunft hat er ein großes Puzzle zum Zusammenbauen auf dem eine Burg abgebildet ist. Von Dr. Brügmann darauf angesprochen brachte Ngo Van seine Hoffnung zum Ausdruck: "Kirche ist wie eine Burg. Hier fühle ich mich sicher."
kp

Text zum Bild: (Fotos Karlfried Petri)

1. Das Bangen und Zittern geht für alle Beteiligte weiter. Niemand weiß, wie das Kirchenasyl von Tuan Ngo Van ausgehen wird.Im Bild von rechts: Dr. Ludwig Brügmann, Tuan Ngo Van und Pfarrer Volker Bäumer.

2. Eine Geige hilft Tuan Ngo Van sein seelisches Gleichgewicht nicht völlig zu verlieren.


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