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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Impulstag des Kirchenkreises Siegen mit dem Theologen Prof. Dr. Michael Herbst aus Greifswald
Vielen Menschen viele Gelegenheiten geben, der vergebenden und aufrichtenden Liebe Gottes zu begegnen

Impulstag mit Prof. Dr. Michael Herbst
25.01.2006 17:34

Das Thema war so umfassend wie das Interesse vielfältig. Es ging um die Kirchengemeinden im Siegerland und Olper Raum. Denen geht es tendenziell nicht anders, als anderen Kirchengemeinden auch. Da wird von der Finanzkrise gesprochen, gefolgt von der Mitgliederkrise, manche sehen eine Orientierungskrise und andere wiederum eine Strukturkrise. Im Osten Deutschlands tritt das noch wesentlich drastischer zutage als im Westen. Was können wir heute tun, um Weichen für die Zukunft der Gemeinden richtig zu stellen? - lautete die Frage, die der Impulstag des Kirchenkreises Siegen jetzt im Stift Keppel in Hilchenbach-Allenbach stellte. Antwort auf die Frage sollte Prof. Dr. Michael Herbst von der Theologischen Fakultät Greifswald und Leiter des Institutes zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung geben.
Die Fähigkeit, anderen einen Wert beizumessen, gehört zu den kostbarsten Gaben der Welt. Gemeinschaft hat etwas damit zu tun, im anderen etwas Wertvolles und Kostbares zu sehen, behauptete der Referent vor seinen fast 200 Zuhörenden.

Abbau und mutig investieren

Für Prof. Herbst kann in der Verknappung der Mittel auch ein Anruf Gottes stecken. Als die Anglikanische Kirche fast bankrott gewesen sei, habe Bischof John Finney gemeint: Jetzt redet Gott in einer Sprache mit uns, die selbst wir Bischöfe verstehen: Geld. Die Anglikanische Kirche habe die Krise als Zeichen zum Aufbruch, zur Besinnung auf das, wozu Kirche da ist, verstanden. Bei allem notwendigen Abbau müsse aber auch gefragt werden, an welchen Stellen mutig zu investieren sei, auch finanziell, um den Neuanfang zu wagen. Seine Antwort auf die Frage was wir für die Zukunft der Kirche tun könnten, lautete: Nichts! Denn die Gemeinde lebe davon, was Gott tue. Prof. Herbst hält es für fatal, an Gemeinde zu denken, ohne mit Gott zu rechnen, so als könne Gemeindeaufbau ohne Gebet, ohne Zuversicht und ohne Verheißung geschehen. Herbst:"Hat die Gemeinde Jesu die Hoffnung auf Wachstum aufgegeben, dann ist sie bereits dabei sich zu verabschieden. Alles was lebt wächst - oder es stirbt." Es bestehe die Herausforderung darin, in der Krise nach Gott zu fragen, umzukehren von falschen Wegen, heimzukehren aus der Selbstmächtigkeit und neu zu fragen: Was willst du?
Prof. Dr. Michael Herbst sieht die entscheidende Herausforderung missionarischer Gemeindearbeit darin, Menschen so anzusehen und mit ihnen so umzugehen, dass für sie erfahrbar wird: Ich habe bei Gott Gewicht, Ehre, Anerkennung und Herrlichkeit. "Wie viele Menschen warten darauf, dass ihnen jemand sagt, dass sie etwas wert sind, und dass irgendjemand sie auch das Gewicht spüren lässt, das ihr Leben bei Gott besitzt, trotz und in Arbeitslosigkeit, zerbrochenen Beziehungen, Sucht, Gewalterfahrung und Leere."
Gemeindeentwicklung sei daher nicht die Anwendung einer bestimmten Methodik, sondern das Bemühen, möglichst viele Menschen möglichst viele Gelegenheiten zu geben, der vergebenden und aufrichtigen Liebe Gottes zu begegnen. Davon dürfe mit Gott gemeinsam geträumt werden, dass Gemeinde aufblühe, weil Menschen durch Vergebung und Erneuerung hindurch zu neuer Würde, neuer Liebe und phantasievollem Tun fänden. Dies sei, so Herbst, um so mehr nötig, weil Deutschland Missionsland geworden sei. Das Christentum müsse sich davon verabschieden, durch die umgebende Kultur selbstverständlich gestützt zu werden. Es könne nur noch "personengestützt" existieren , durch bewusste Wahl und Annahme des Glaubens.

Alltagsmissionare

Herausgestellt habe sich, dass Menschen vor allem durch Beziehungen zu Christen gewonnen werden, die kontakt- und auskunftsfähig seien. Zu solchen Alltagsmissionaren gehöre die Mutter, die abends am Bett mit ihren Kindern bete, der Religionslehrer, der keine Angst vor kritischen Fragen habe und doch glaube, der Freund, der beharrlich zum Grundkurs des Glaubens eingeladen habe und die Nachbarin, die da gewesen sei, als der Mann starb.
Menschen, so habe sich zudem gezeigt, kämen leichter zum Glauben, wenn sie über längere Zeit begleitet würden und die Chance bekämen, in überschaubaren Gruppen das Evangelium selbst zu entdecken. Für den Glauben habe die Gemeinschaft Bedeutung, denn Glaube sei in einer gesellschaftlichen Minderheitensituation nicht überlebensfähig ohne regelmäßige Kommunikation unter Glaubenden. Herbst: "Es muss das Ziel der Kirche sein, dass Menschen das Evangelium als Lebensmacht ergreifen und sich der Gemeinschaft der Christen verbindlich anschließen."
Dies kann nach Ansicht des Theologieprofessors durch einen missionarisch verstandenen Plural erreicht werden. Da für viele Menschen heute nicht mehr der Wohnort als Lebenszentrum gelte, sondern unterschiedliche Orte im Leben Bedeutung hätten, könne die Ortskirchengemeinde nicht mehr das alleinige Gemeindemodell sein. In England habe man zusätzliche Gemeinden in Cafés, Schulzentren, sozialen Brennpunkten eingerichtet. An diesen Orten würden Gottesdienste gefeiert und Glaubenskurse angeboten. Herbst: "Es gibt keinen missionarischen Zauberschlüssel, der die Türen zu allen Menschen öffnet. Hier ist ein ganzes Schlüsselbund unterschiedlicher Angebote erforderlich." Dazu könnten Profilgemeinden in den Citykirchen, zusätzlich neue Gottesdienstformen in der Innenstadt, Neugründungen in den entkirchlichten Siedlungen und auch geistliche Leuchttürme im ländlichen Raum gehören. Die Mission der Kirche ziele darauf ab, möglichst vielen Menschen die Erfahrung zu gönnen, vom dreieinigen Gott gewollt und geliebt zu sein.
In besonderer Klarheit habe vor einigen Jahren die katholische Kirche die missionarische Aufgabe formuliert. Mission beginne danach mit dem Zeugnis des Lebens der Christen, gefolgt von dem Zeugnis des Wortes und der Zustimmung des Herzens, also einer persönlich verantworteten, in eigener Erfahrung verwurzelten Glaubensentscheidung. Dies führe zum Eintritt in eine Gemeinschaft von Gläubigen. An dieser Stelle schließe sich der Kreis und ein neues Zeugnis des Lebens beginnt.


In unterschiedlichen Gruppen hatten die Tagungsteilnehmenden nach dem Mittagessen die Gelegenheit, zu verschiedenen Unterthemen miteinander ins Gespräch zu kommen.
Annette Kurschus, Superintendentin des Kirchenkreises Siegen, entließ die Tagungsteilnehmenden in ihre Gemeinden mit einer Frage als Wort auf den Weg: Woran merken die andern, dass du Gottes Kind bist?
Für einen gelungen musikalischen Rahmen der Tagung sorgte die Frauen von "Ladypepper" und Kirchenmusikdirektor Ulrich Stötzel.
kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Um die Kirche Jesu Christi war es Prof. Dr. Michael Herbst nicht bang: Eine Kirche Jesu, die sich selbst als solche ernst nimmt, kann nicht aufhören, um Wachstum zu beten, für Wachstum zu arbeiten und Wachstum von Gott zu erwarten. Die Alternative besteht nur darin, als Kirche gottlos zu werden.


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