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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Diakonie als christliches Unternehmen – Streitgespräch ohne Streit bei Theologischer Woche Siegen Süd

15.02.2006 11:27
„Versteht sich die Diakonie noch als kirchliches Unternehmen? Ist das christliche Selbstverständnis der Diakonie längst verschwunden?“, griff er Fragen auf, die seit dem Diakoniestreit im letzten Jahr vielen Siegerländern auf den Nägeln brennen. Für eine Antwort aus seiner Sicht führte Superintendent Hans-Werner Schneider, auch Vorsitzender in Aufsichtsgremien diakonischer Einrichtungen und im Verwaltungsrat des Ev. Johanneswerkes, Grundsätzliches an: Unternehmen zu sein sei nicht zwingend ein Gegensatz zu diakonischem Handeln. Vielmehr gelte der Grundsatz, als Unternehmen etwas gegen Not, Armut und Ausgrenzung für Hilfsbedürftige zu „unternehmen“. Diesem Maßstab seien zumindest die prägenden Väter der Diakonie wie Friedrich von Bodelschwingh (Bethelsche Anstalten) und Johann Hinrich Wichern (Begründer der Inneren Mission) zu Lebzeiten gefolgt. Auch Gott sei nach deren Verständnis ein „Unternehmer gegen die Not“ gewesen. Schon in den Anfängen der diakonischen Arbeit habe es einer Verlässlichkeit, Struktur und Kapitalausstattung für den Dienst am Menschen bedurft. Die eigentliche Frage laute für Schneider, ob ökonomische Gesichtspunkte bei längst veränderten Rahmenbedingungen inzwischen eine ungesunde Gewichtung zu Lasten der Menschen bekommen hätten. Im übrigen sei Diakonie - darin seien die Kirchengemeinden sich einig - unverzichtbarer Lebens- und Wesensausdruck von Kirche. Der Begriff „Diakonie“ allerdings definiere sich nicht ausschließlich als institutionalisierte Diakonie, sondern finde vielmehr seine Unterscheidung im allgemeinen „Diakonentum“ jedes Christen und jeder Christin im Alltag, auf der Ebene der Gemeinden, der Vereine, der fachlichen Einrichtungen und schließlich des Spitzenverbandes. Klar sei, dass auch die institutionalisierte Form der Diakonie als Unternehmen in christlicher Zielsetzung bleiben müsse. Gewinne seien in jedem Fall in den Dienst am Menschen zurück zu führen. Zukunftschancen sehe er in einer eindeutigen Prioritätensetzung. Kompetente, christlich motivierte Menschen in den Diensten für Hilfsbedürftige seien entscheidend für ein eindeutiges Profil und damit einem Vertrauensgewinn auf dem hart umkämpften Markt. Vor Missverständnissen solle man sich schützen: „Reine Ökonomie ist ohne Theologie orientierungslos“, so Schneider. Diakonie, Ökonomie und Theologie müssten künftig Hand in Hand gehen. Horst Klein, der sich Superintendent Schneider mühelos anschließen konnte, ging auf die Rahmenbedingungen ein, unter denen die Diakonie in Südwestfalen gGmbH heute arbeitet. „Das Fundament bleibt“, begann Klein, „die Rahmenbedingungen mitsamt den Gesetzen und Regulierungsmechanismen verändern sich ständig.“ Der Staat sei früher verlässlicher Partner gewesen, heute seien die Berechnungen weit komplizierter. Menschen würden nach Bedürftigkeitsstufen kategorisiert, nach denen die Kostenträger entsprechende Leistungen bemessen. Die Gemeinden - Keimzellen der Diakonie - hätten einst beschlossen, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Das Unternehmen als ausführendes Organ im Auftrag der Gemeinden müsse nun Sorge dafür tragen, dass die Zahlen stimmen. Um profitabel handeln zu können, seien entsprechende Strukturveränderungen notwendig, nichtsdestotrotz sehe man sich als Diakonie von Kirche und Gemeinden. Als Non Profit Unternehmen gelte der Grundsatz: Nicht Gewinnmaximierung sondern Hilfemaximierung. Um in diesem Sinne effizient handeln zu können, sei man in der jüngeren Vergangenheit stärker Verbünde und Vernetzungen eingegangen. „Die Wohnungslosenhilfe zum Beispiel ist chronisch defizitär“, erklärte Klein, „und kann nur durch andere Dienste getragen werden.“ Die durch das engere Rahmenkorsett entstehenden Engpässe - Träger drückten immer stärker die Kosten bei der Versorgung von Menschen - könnten in Zukunft womöglich durch Gemeindediakonie ergänzt werden. „Wir wollen auch keine ,satt und sauber-Pflege’ sondern Ganzheitlichkeit und Würde für Hilfsbedürftige“, hieß es. „Wir wollen die enge Anbindung an die evangelische Kirche, denn es geht um Menschen, denen geholfen werden soll.“ Wo schließlich der Streitpunkt zwischen Kirche und Diakonie genau zu suchen ist, konnte anhand der Statements der Referenten kaum noch ausgemacht werden. Vertretende aus den Gemeinden im Plenum betonten im Grunde das, was Klein und Schneider als zukunftsweisend erläutert hatten: „Kirche und Diakonie soll im Vergleich mit anderen Gemeinnützigen im Profil klar erkennbar sein“. Der evangelische Geist sei zwar nicht messbar, müsse aber spürbar sein. Dies gehe ausschließlich über Menschen. Auf die Frage, ob es deshalb nicht sinnvoller sei, kleiner statt größer zu werden, führte Schneider an: „Nicht kleiner werden, sondern besser werden halte ich für richtig. Die fachliche Kompetenz in der Breite ist die Grundlage für die Handlungsfähigkeit in der Gesellschaft.“ Klein: „Dazu engere Beziehungen herstellen zwischen diakonischen Einrichtungen und Gemeinden kann eine gute Maßnahme gegen Perspektivverengung und darüber hinaus eine Bereicherung für beide Seiten sein.“

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