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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

"Unternehmer und Polizisten ärmste Schweine in Deutschland“Roland Sagasser beim Bunten Sofa
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08.05.2003 14:56
„Unternehmer und Polizisten sind die ärmsten Schweine in Deutschland“, so äußerte sich Arbeitsamtdirektor Roland Sagasser scherzhaft beim letzten Bunten Sofa, einer Diskussionsveranstaltung im Gemeindehaus der evangelischen Christuskirchengemeinde am Wellersberg. „Polizisten sollen Ordnung schaffen, dürfen aber nicht, Unternehmer sollen Arbeit schaffen, können aber nicht!“ Keine guten Ergebnisse seien hinsichtlich der Arbeitsmarktlage zu verzeichnen. Dies zeige die letzte Arbeitslosenstatistik, aus der hervorgehe, dass die Zugänge an Arbeitslosen hoch wie nie, hingegen die Zugänge an offenen Stellen niedrig wie nie seien. „Wir sind durch das Tal noch lange nicht durch“, so Sagasser. Die Arbeitsämter befänden sich unterdessen in der prekären Situation, die Diskrepanz von fehlenden offenen Stellen und Arbeitssuchenden in den Griff bekommen zu müssen. Neuere Maßnahmen wie die Zusammenarbeit mit Leihfirmen oder Jobbörsen sowie privaten Dienstleistern als Jobvermittler beurteilte der Referent positiv. „Wie die Leute in Arbeit und Brot kommen, ob durch die Arbeitsämter oder anderweitig, ist uns letzlich egal. Erfolgreiche Arbeitsvermittler sehen wir nicht als Konkurrenz an. Das Ergebnis zählt!“ Inwieweit die Politik in der Lage sei, am Konjunkturrad zu drehen, bleibe abzuwarten, hieß es. „Die ökonomischen Rahmenbedingungen müssen stimmen, wenn ein Wirtschaftswachstum angeregt werden soll.“ Besondere Anstrengungen erfordere die Lösung des Problems Jugendarbeitslosigkeit. Etwa die Hälfte aller Jugendlichen in der Region sei ohne Ausbildungsplatz. Ein großer Teil davon habe mit Vermittlungshemmnissen zu kämpfen. „Wir erwarten bis zum Jahr 2010 eine steigende Anzahl von Schulabgängern. Leider gibt es immer mehr Jugendliche mit sogenannten handycaps. Lernbehinderungen, Mängel im Sozialverhalten und psychische Auffälligkeiten häufen sich.“ Arbeits- und Ausbildungsstellen für diese Jugendlichen seien kaum zu finden. Dabei sage der schulische Mangel der Personen wenig über deren Qualität im Arbeitsleben aus. „Früher haben wir das Defizit solcher Jugendlicher mit Geld für Beschäftigungsmaßnahmen ausgeglichen. Viele konnten sich handwerklich profilieren. Heute haben wir es mit einer gesellschaftlichen Zeitbombe zu tun, wenn wir hier nichts unternehmen“, zeigte sich der Arbeitsamtsdirektor besorgt. Das Landesarbeitsamt habe inzwischen leider Mittel für diese Maßnahmen gestrichen. So geschehe mit der betroffenen Personengruppe, die zahlenmäßig angewachsen sei, nichts. Die Bundesregierung schaufle allerdings zur Zeit wieder Gelder frei, um Benachteiligten zu helfen. „Wenn die Ausnahme jedoch zur Normalität wird“, merkte Sargasser kritisch an, „und das Defizit an regulären Beschäftigungsverhältnissen lediglich mit Geldmitteln ausgeglichen werden soll, ist das ein Schritt in die falsche Richtung. Diesen Automatismus können wir uns nicht mehr leisten.“ Allein in einem mittleren Einzugsgebiet wie Siegen-Wittgenstein-Olpe seien die Ausgaben beträchtlich. Im Jahr 2001 habe man insgesamt rund 678 Millionen DM an Leistungen und zusätzlich rund 78 Millionen DM für Förderungs- und Eingliederungsmaßnahmen aufgebracht.Die Instrumente des Staates seien als Notfallinstrumente zu betrachten, deren Anwendung nicht in einen Automatismus übergehen dürften. Die langfristig bessere Richtung gehe aus dem letzten Wirtschaftsgutachten der 5 Weisen hervor, die mit Sargassers Einschätzung der Situation übereinstimme. So seien die Lohnnebenkosten zu hoch, die Lohnentwicklung müsse an die Produktivität gekoppelt sein und vor allem müsse der Niedriglohnbereich stärker ausgebaut werden, denn Arbeitsplätze für theoretisch arbeitende Menschen seien zu finden. Darüber hinaus befürworte er die Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe und die Kürzung der Bezugsdauer von Arbeitslosengeld. „Bei 36 Monaten Arbeitslosengeld riskiert man leichter seinen Arbeitsplatz.“ Auch die Ausbildungsvergütungen seien mittlerweile zu hoch und ein Einstellungshemmnis für ausbildende Betriebe. Dass solch ein Richtungswechsel die Gewerkschaften auf den Plan riefen, sei ihm klar. Diese trügen allerdings ebenfalls ihren Teil dazu bei, die Dinge zu verkomplizieren. „In den siebziger Jahren war das Arbeitsgesetzbuch eine dünne Broschüre. Heute haben wir einen Wälzer von ca. 50 cm Durchmessern in der Hand.“ Die wirtschaftliche Zukunft des Landes beurteilte Roland Sagasser beim Bunten Sofa skeptisch: „Wir können entweder alles kaputtgehen lassen und dann neu aufbauen oder einen neuen Weg gehen.“ Radikale Reformen seien notwendig, müssten dann aber auch gerechterweise auf allen Ebenen der Bevölkerung mitgetragen werden. „Da muss selbstverständlich auch oben zugelangt werden,“ äußerte Sargasser kritisch mit Blick auf die Agenda 2010. „Das Beste wäre, man ließe Bundeskanzler Schröder jetzt einfach mal durcharbeiten. Auch wenn es erst mal wehtut – vielleicht hilft es langfristig!“ Das nächste Bunte Sofa findet am Donnerstag, 8. Mai, 19.30 Uhr, im Gemeindezentrum der Ev. Christuskirchengemeinde am Wellersberg in Siegen, Obenstruthstraße 8, statt. Zu Gast bei Pfarrer Ulrich Weiß ist diesmal Magnus Reitschuster, Künstlerischer Leiter des Kulturkreises Siegerland e.V. Er berichtet unter anderem über Kultur im Siegerland, insbesondere über die Faustaufführung in der Siegener Martinikirche. Ch.St.Text zum Bild (Ch.St.):Pfarrer Ulrich Weiß (links) hatte Arbeitsamtsdirektor Roland Sagasser (rechts) zum Thema „Zukunft auf dem Arbeitsmarkt“ auf dem Bunten Sofa. Am Donnerstag, 8. Mai, 19.30 Uhr, wird Magnus Reitschuster im Gemeindezentrum der Ev. Christuskirchengemeinde zu Gast sein.

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