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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Spannung zwischen Gewissensentscheidung und Staat
Schulklasse informiert sich über Kirchenasyl in Kredenbach

Schulklasse des Flick-Gymnasiums Kreuztal informiert sich über Kirchenasyl
22.02.2006 15:26
Durch das Kirchenasyl im ev. Gemeindezentrum Kredenbach ist die Thematik in den Blickpunkt des Religionsunterrichtes an Schulen gerückt. Als freiwillige Projektarbeit setzte sich jetzt die Klasse 11 des Friedrich-Flick-Gymnasiums mit ihrem Lehrer Robert Gibbels im Rahmen des Grundkurses katholische Religion mit dem Kirchenasyl auseinander. Die Schülerinnen und Schüler informierten sich über Kirchenasyl im Allgemeinen und über das spezielle Asyl in Kredenbach.
Dr. Ludwig Brügmann erläutert kurz den Verfahrensstand und den Hintergrund des Kirchenasyls von Tuan Ngo Van, der in Vietnam drangsaliert und auch gefangen genommen worden sei, weil er als Christ Missionstätigkeit ausgeübt habe. Für bekennende Christen in den nicht registrierten Hauskirchen habe sich die Situation in Vietnam seit einigen Monaten dramatisch zugespitzt. Es gebe entsetzliche Berichte von Christenverfolgungen in diesem Land. Der totalitäre Staat Vietnam habe Angst, dass Mission gegen den Staat betrieben werde. Die Abschiebeproblematik liege jedoch darin, dass die hiesigen Behörden davon ausgingen, dass es Christenverfolgung in Vietnam nicht geben könne, da Vietnam ein Rechtsstaat sein und die Menschenrechtskonventionen unterschrieben habe.
Mehrere Abschiebungsversuche hätten bislang verhindert werden können. Das Verhältnis der Asyl gewährenden Kirchengemeinde zu den örtlichen Behörden im Siegerland sei gut. Man erhalte Unterstützung aus den Reihen der Politik. Wie lange das Asyl gewährt werden müsse, sei jedoch völlig ungewiss. Im Durchschnitt dauerten Kirchenasyle in Deutschland sieben Monate. Es könne sich aber auch auf Jahre ausweiten. Daher benötige der Betreuerkreis um Tuan Kraft und Geld. Finanziert werde das Asyl aus freiwilligen Spenden, es koste keine Steuergelder. Hoffnung mache, dass 75 % der Kirchenasyle in Deutschland positiv ausgingen.
Kirchenasyl, so Dr. Brügmann weiter, sei ein Rechtsbruch und gleichzeitig ziviler Ungehorsam. Für alle Beteiligten sei eine Spannung zwischen Gewissensentscheidung und Staat auszuhalten. Durch die Aktion sollten Staat und Gesellschaft an die Rechtstaatlichkeit erinnert werden. Kirchenasyl dürfe nicht leichtfertig gewährt werden, sondern nur in sehr begründeten Einzelfällen, wo Hoffnung auf Erfolg bestehe. Es müsse ganz konkret als Schutz vor der Abschiebung in eine Bedrohung gewertet werden können. Der Rechtsstaat werde nicht in Frage gestellt. Man setze sich auch nicht für eine Veränderung des Asylrechtes ein. Es gehe darum, dass der Deutsche Staat die Christenverfolgung in Vietnam und damit auch die Verfolgung Tuans anerkenne.

Tuan Ngo Van erzählte den Schülerinnen und Schülern, wie er in Vietnam Christ geworden ist. Ihn habe das besondere Leben der Christen in Vietnam beeindruckt. Als Christ sei er zufrieden und fröhlich geworden und habe sich geborgen gefühlt. Pfarrer Volker Bäumer ergänzend: "Auf seiner Geburtstagsfeier hat Tuan gesagt, die Liebe, die ich hier erfahre, gibt Gott für mich ein Gesicht."
Bäumer erinnert in dem Zusammenhang an den Theologen Bonhoeffer. Kirche, die sich nicht für Verfolgte einsetze, habe alles Recht verspielt, anders Gott zu loben. "In der Gestalt von Tuan hat Christus selbst an unsere Kirchen- und Herzenstür geklopft. Die Verantwortung für die Abschiebung konnten wir nicht tragen. Ich wäre meines Lebens nicht mehr glücklich geworden." Er sei sich bewusst, dass er als verantwortlicher Pfarrer mit rechtlichen Konsequenzen rechnen müsse. Die könnten beispielsweise in einem Bußgeld oder aber auch in einer Inhaftierung bestehen. Wenngleich letzteres seines Wissens nach in Deutschland noch nicht vorgekommen sei.

Die Schüler diskutierten sehr engagiert und offen. Sie waren beeindruckt von der Mühe, die das Presbyterium und der Helferkreis auf sich nehmen. Schülerin: "Ich finde es Klasse, was Sie machen." Es wurden aber auch kritische Anfragen gestellt: "Da könnte doch jeder kommen und behaupten er werde verfolgt." "Was passiert, wenn Tuan in Deutschland bleiben darf.? Wer kommt dann für ihn auf? Warum erhält er dann vielleicht einen Arbeitsplatz, während Deutsche vergeblich auf einen Arbeitsplatz hoffen?" In dem Zusammenhang wies Pfarrer Bäumer darauf hin, dass ihn bislang nur einige wenige kritische Stimmen und ein anonymer Brief erreicht hätten. Sehr viel Zustimmung erhielten sie aus der Bevölkerung. Der Betreuerkreis um Tuan wachse und sei nun ökumenisch aufgestellt. In den nächsten Tagen soll eine breit angelegte Unterschriftenaktion in möglichst allen Kirchengemeinden im Siegerland und darüber hinaus zur Unterstützung des Asyls initiiert werden.
kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Über Kirchenasyl informierte sich kürzlich die Klasse 11 des Friedrich-Flick-Gymnasiums mit ihrem Lehrer Robert Gibbels im Rahmen einer freiwilligen Projektarbeit innerhalb des Grundkurses katholische Religion im ev. Gemeindezentrum Kredenbach.

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