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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Gemeindeleitung als Dienst am Wort Gottes
Prof. Dr. Otfried Hofius auf der Reformierten Konferenz Südwestfalen

Prof. Dr. Otfried Hofius
22.03.2006 17:10

„Gemeindeleitung und Kirchenleitung nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes“ lautete das Thema, das der Trägerkreis der Reformierten Konferenz Südwestfalen dem emeritierten Theologieprofessor Dr. Otfried Hofius gestellt hatte. Der gebürtige Siegener, der heute in Tübingen lebt und dort einen Lehrstuhl für Neues Testament inne hatte, machte anhand ausgewählter Texte aus der Apostelgeschichte und neutestamentlichen Briefen jetzt im Jugendheim Erndtebrück deutlich, was das Neue Testament theologisch zu Leitungsaufgaben ausführt. Er betonte, dass das Leitungsamt in der Kirche auf das Christuszeugnis der Apostel bezogen und an dieses Zeugnis gebunden wurde. Die Apostel selbst sieht der Theologe als vorkirchlich, auf deren „Fundament“ die Kirche gebaut sei, ausgerichtet am „Eckstein“ Jesus Christus. Es sei allein der gekreuzigte und auferstandene Herr Jesus Christus selbst, der die Kirche als ganze wie auch einzelne Gemeinden leite. Dieses Regiment übe er durch Menschen aus, denen er das Amt der Leitung anvertraue. „Leitung durch Lehre“ laute das neutestamentliche Leitungsprinzip. Hofius: „Verantwortliche Gemeinde- oder Kirchenleitung im Sinne des Neuen Testaments geschieht nur da, wo das für die Kirche aller Zeiten und aller Orte verbindliche Christuszeugnis der Apostel Grundlage und Richtschnur des Redens, Handelns, Planens und Entscheidens bildet. Die erste und wichtigste Sorge der zur Leitung Berufenen muss deshalb die sein, dass das Evangelium von Jesus Christus recht verkündigt und gelehrt wird, dass falsche Lehre in Predigt und Unterweisung keinen Raum findet und dass die Glieder der Gemeinde dazu ausgerüstet werden, als mündige Christen jedermann über ihren Glauben Auskunft zu geben und die Wahrheit des Evangeliums von aller Menschenlehre zu unterscheiden.“

Aus der Apostelgeschichte (Apg 14,23; 20,17–38) entnimmt der Theologe, dass die Gemeinden Kleinasiens von „Ältesten“-Kollegien geleitet werden. Die Gemeindeältesten hätten die von Paulus bezeugte Heilsbotschaft weiterhin unverkürzt zu verkündigen und zu lehren. Es werde unmissverständlich ausgeschlossen, dass Gemeindeleitung Ausübung von Herrschaft sein könne. Hofius: „Als Träger der Verkündigung des Evangeliums steht das Amt der Leitung zwar der Gemeinde gegenüber, es ist jedoch keineswegs ein ihr übergeordnetes Amt und verfügt auch nicht über eine Autorität, die zwischen der Gemeinde und den Kyrios Jesus Christus tritt. Der „Gehorsam“, den die Gemeinde der Weisung von Hebr 13, 17 zufolge den mit dem Amt der Leitung Betrauten leisten soll, kann von daher grundsätzlich nur der Gehorsam gegenüber dem von ihnen bezeugten Wort Gottes sein. Er findet deshalb notwendig da seine Grenze, wo Amtsträger Entscheidungen treffen, die vor dem Evangelium nicht verantwortet werden können und wo sie durch Wort oder Tat in einem offenkundigen Widerspruch zu der Wahrheit des Evangeliums und damit zu dem Auftrag des Amtes treten.“ Hofius weiter: „Wann oder wo dies der Fall ist, das zu beurteilen ist die auf das Wort Gottes hörende Gemeinde sowohl berechtigt wie auch befähigt. Denn sie besitzt das Neue Testament, in dem das apostolische Christuszeugnis für jedermann wahrnehmbar seinen gültigen Niederschlag gefunden hat. Sie kann deshalb prüfen, ob ihr in Verkündigung und Lehre dieses Zeugnis ausgerichtet wird und ob das Kirchen- oder Gemeinde leitende Handeln diesem Zeugnis entspricht.“

Anhand Eph 4,7–16 zeigte der Theologieprofessor die Ämter auf, die der auferstandene Jesus Christus eingesetzt hat: Dazu zählten die der vergangenen Gründungszeit angehörenden „Apostel“ und „Propheten“ als das Fundament der Kirche. Dazu zählten übergemeindlich wirkende „Evangelisten“ und in jeder Gemeinde „Hirten und Lehrer“. Sie seien der Gemeinde gegeben, damit in ihr stets das Evangelium laut werde mit der in diesem Textabschnitt beschriebenen Zielsetzung zu der der Aufbau der Kirche, die Einheit im Glauben und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, die Mündigkeit der Gemeindeglieder und das innere Wachstum gehören.
Nach dem Hebräerbrief sollten die Gemeindeleiter die Gemeinde immer neu auf Jesus Christus und das durch ihn eröffnete Heil hinweisen, sie zum Glauben und Festhalten am Bekenntnis ermutigen sowie vor „fremden“, dem Christuszeugnis widerstreitenden Lehren bewahren. Die Autorität der Gemeindeleiter werde durch die Bindung an das Wort Gottes begründet. Die Briefe an Timotheus und Titus machten deutlich, dass Gemeindeleiter „zum Unterricht geschickt“, also ausgebildet sein müssten. Nur denen dürfe das Amt der Gemeindeleitung anvertraut werden, denen eine Verkündigung nach dem Lehrverständnis der kirchlichen Überlieferung am Herzen liege und die willig und fähig seien, die „Wahrheit des Evangeliums“ in Predigt und Lehre darzulegen. Der Ordinierte sei an die apostolische Lehrtradition gebunden. Jesus Christus sei in der Kirche gegenwärtig als der von den Aposteln bezeugte Herr, machte Hofius deutlich. Wo das Evangelium in Treue zu dem apostolischen Zeugnis verkündigt werde, ergreife Christus immer aufs neue selbst das Wort, um seine Person und sein Werk zu erschließen, und durch den Heiligen Geist Menschen zu erleuchten, so dass sie nicht nur zum Glauben an ihn kämen, sondern auch in diesem Glauben erhalten würden. Durch die immer neue Ausrichtung auf das Evangelium werde die Gemeinde dazu ausgerüstet, das zu tun, was Aufgabe aller Gemeindeglieder sei: „die großen Taten dessen zu verkündigen, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht berufen hat.“ (1. Petr 2,9b) und „allezeit bereit zu sein zur Verantwortung gegenüber jedem, der Rechenschaft über die Hoffnung fordert, die in euch ist (1. Petr 3,15).

Nach dem Vortrag entstand eine angeregte Fragerunde, in die sich etliche der über 120 Teilnehmenden einbrachten. Dabei kam die Reduzierung von Pfarrstellen zur Sprache, die der Referent als ernste Anfrage bezeichnete. Nach dem Willen Gottes müsse es Pastoren in der Kirche geben. Dem heutigen Pfarramt sei jedoch zu viel aufgeladen worden. Die Pfarrer müssten Zeit haben, sich ordentlich auf ihre Predigt vorzubereiten. Es gäbe keine unterschiedlichen Christuszeugnisse im Neuen Testament, so Hofius. Alle neutestamentlichen Schriften bezeugten Christus als die Gegenwart Gottes, als wahren Menschen und wahren Gott. Allerdings gebe es unterschiedliche Akzentsetzungen. In der Menschwerdung, in Tod und Auferstehung sei das Heil von Juden und Heiden geschaffen. Ohne Jesus Christus werde niemand selig.
kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Prof. Dr. Otfried Hofius zeichnete anhand des Neuen Testamentes auf, dass Gemeindeleitung in erster Linie Verkündigung des Wortes Gottes ist, so wie von den Aposteln bezeugt und im Neuen Testament festgehalten.


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