Bookmark and Share

Kontakt    

Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Ev. Kirchengemeinde Neunkirchen – seit 400 Jahren reformiert
Ev. Kirche Neunkirchen
15.08.2006 15:01

Seit 400 Jahren ist die evangelische Kirchengemeinde Neunkirchen reformiert. Dieses Jubiläum will die Gemeinde am kommenden Sonntag, 20. August 2006, 10 Uhr, mit einen zentralen Festgottesdienst feiern. Die Festpredigt hält Pfarrer Dr. Peter Bukowski, Moderator des Reformierten Bundes und Direktor des Seminars für pastorale Aus- und Fortbildung in Wuppertal-Barmen.

Die evangelische Kirchengemeinde Neunkirchen war nicht immer reformiert. Und „Reformiert“ war ursprünglich auch keine Konfessionsbezeichnung. Erst Ende des 16. Jahrhunderts wurden damit Kirchengemeinden bezeichnet, die der durch die Schweizer Zwingli (1448–1531) und Calvin (1509–1564) bestimmten Reformation folgten. Zwinglis große reformatorische Entdeckung war, zunächst ganz unabhängig von Luther, die Einzigartigkeit der Autorität der Bibel. Calvins Bemühungen galten der Ausarbeitung der reformierten Lehre und der Organisation der Kirche. In Deutschland haben im 16. Jahrhundert zur Reformationszeit die Landesherren dafür gesorgt, dass in vielen Territorien die Reformation eingeführt wurde. Und der Landesherr bestimmte auch, welche Konfession in seinem Land galt: die lutherische oder die reformierte. Im Freien Grund, so Aufzeichnungen von Helmut Krumm, gewannen die Grafen von Sayn (Hachenburg) und die von Nassau (Dillenburg) Einfluss. 1478 einigten sie sich, die Herrschaft gemeinsam auszuüben. Die Häuser von Zeppenfeld und Wiederstein wurden durch Losentscheid unter den beiden Grafen verteilt. Diese Doppelherrschaft war auch der Grund für manche Zwistigkeiten bei der Einführung der Reformation.
1530 führte Graf Wilhelm der Reiche von Nassau in seinem Teil des Freien Grundes die lutherische Lehre ein. Er beanspruchte das Recht der Pfarrstellenbesetzung und setzte in Neunkirchen einen lutherischen Pfarrer ein. Erst um 1550 wurde auch der saynische Teil lutherisch. Die Akten der Kirchengemeinde belegen, so die Ausführungen der Festschrift „100 Jahre Kirche Neunkirchen“, dass nacheinander zwei Pfarrer von 1550 bis 1605 die Lehre des Wittenberger Theologieprofessors Luther im Hellertal einführten. Es waren die Jahre, in denen Struthütten Ende des 16. Jahrhunderts nach Daaden umgeschrieben wurde, wohl um die inzwischen auch in Hessen verbreitete reformierte Lehre dort fern zu halten.
Im Jahre 1578 wurde in Burbach das reformierte Bekenntnis bestimmend. Die saynischen Untertanen in Zeppenfeld und Wiederstein waren lutherisch und mussten nach Neunkirchen in die Kirche, während die nassauischen Untertanen reformiert waren und weiter nach Burbach gehörten.1584 wurde der „Burbacher Vertrag“ geschlossen. Darin bekamen die Dillenburger das Recht der Pfarrstellenbesetzung in Burbach und die Hachenburger das Recht, in Neunkirchen die Pfarrer einzusetzen. Graf Wilhelm III. von Sayn führte ab 1605 die reformierte Konfession ein. Konsequent wurde der Pfarrer in Neunkirchen ausgetauscht. Er traute dem Lutheraner Johannes Grymeus nicht, der seit 1589 lutherischer Pfarrer in Neunkirchen war. Ihm folgte als erster reformierter Pfarrer Petrus Vigelius.Mit dem reformierten Bekenntnis kam als Bekenntnisschrift der Heidelberger Katechismus in Gebrauch. Er entstand 1563 in Heidelberg auf Veranlassung des Kurfürsten Friedrich III. Am Heidelberger Katechismus haben der Heidelberger Theologieprofessor Zacharias Ursin und der für den Kirchenaufbau im Siegerland bedeutsame Caspar Olevian mitgearbeitet. Olevian hat den Katechismus auch aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt.

Reformiert

Die genaue Bezeichnung von „Reformiert“ lautet: Nach Gottes Wort reformiert. Darin wird die Erkenntnis deutlich, dass die Kirche immer der Erneuerung durch Gottes Wort und seinen Geist bedarf. Kirche ist danach nichts statisch gesetztes, sondern ein andauernder Prozess, der sich zu jeder Zeit und an jedem Ort am Wort Gottes orientieren muss. Charakteristische Merkmale der Reformierten sind beispielsweise ihre Gottesdienste. Sie sind schlicht, wie auch der Kirchenraum, und in ihnen nimmt die Verkündigung des Wortes Gottes, die Predigt, die beherrschende Stellung ein. Die Predigt ist das Kostbarste, was den reformierten Gottesdienst ausmacht und das Singen von Psalmen hat eine besondere Tradition. In reformierten Kirchen ist die Gemeinde um die Kanzel platziert. Es gibt keinen Altar, sondern einen Abendmahlstisch. Hier wird die Theologie deutlich, dass die Menschen nicht Gott etwas opfern können, sondern dass sich Gott für die Menschen dahin gegeben hat. Daher ist kein Altar, also eine Stätte, an der etwas geopfert wird, erforderlich. Das Kirchesein vollzieht sich in der Gemeinde, deren Haupt Christus ist. Die Gemeinde wird presbyterial, durch Älteste, geleitet. Es gibt kein Amt in einer Gemeinde, das dem anderen überlegen ist, und auch keine Gemeinde ist einer anderen vor- oder übergeordnet. Calvin benennt vier für die Gemeinde notwendige Ämter: Pastor, Lehrer, Presbyter und Diakon. Mit den anderen aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen bekennen die Reformierten die Rechtfertigung des Sünders allein aus Gnade durch den Glauben. Die durch den Heiligen Geist bewirkte Heiligung des Menschen wird als notwendige Antwort auf die empfangene Rechtfertigung betont.

Heute gehören lutherische, reformierte und unierte Gemeinden zur Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Manche lutherische und reformierte Gemeinden haben sich zu unierten Gemeinden vereinigt. Das Bekenntnis der Pfarrerinnen und Pfarrer ist übrigens an deren Beffchen zu erkennen. Während die Lutheraner ein zweigeteiltes Beffchen tragen, ist das der Reformierten ungeteilt. Die Unierten haben eine zur Hälfte geschlossene Halsbinde bei ihrer Amtstracht. Kirchengemeinschaft zwischen lutherischen, reformierten und unierten Kirchen in Europa gibt es erst seit 1973, als auf dem Leuenberg bei Basel eine Konkordie (ein gemeinsames Bekenntnis) unterzeichnet wurde.
Innerhalb der EKD stellen die Reformierten eine Minderheit dar. Es gibt zwei reformierte Kirchen: Die Evangelisch-reformierte Kirche im westlichen Ostfriesland mit Sitz in Leer und die Lippische Landeskirche. In Nordrhein-Westfalen gib es reformierte Gemeinden vor allem am Niederrhein und im Bergischen Land. Geschlossene reformierte Gebiete in Westfalen sind das Siegerland, Wittgenstein und Tecklenburg. Weltweit gibt es ungefähr 70 Mio. Lutheraner und 105 Mio. Reformierte, eingeschlossen so genannte Presbyterianer und Kongregationalisten.

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Seit 1606 wird das Gemeindeleben der evangelischen Kirchengemeinde Neunkirchen vom reformierten Bekenntnis geprägt. Im Bild die etwas über 100 Jahre alte evangelische Kirche in Neunkirchen.


zurück zur Übersicht



Archiv:
2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003