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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

„Gerechtigkeit ist ein Name Gottes“ – Frauensonntag zur „Bibel in gerechter Sprache“
Luise Metzler
27.09.2006 15:18
Luise metzlerGanz im Zeichen der zur Frankfurter Buchmesse im Oktober erscheinenden und vielerorts mit Spannung erwarteten „Bibel in gerechter Sprache“ stand der diesjährige Frauensonntag, der vom Frauenreferat des Kirchenkreises Siegen am 17. September veranstaltet wurde.
Der Frauentag – diesmal zu Gast in der Ev. Nikolai-Kirchengemeinde in Siegen - begann mit einem Gottesdienst am Vormittag, der gemeinsam von Frauen der Nikolaigemeinde und dem Beirat des Frauenreferats gestaltet wurde. „Gerechtigkeit ist ein Name Gottes“, so lautete das Motto und die gut 150 Besucherinnen und Besucher – darunter auch Superintendentin Annette Kurschus, die im Anschluss an den Gottesdienst auch ein Grußwort sprach, sowie eine Delegation muslimischer Frauen aus Siegen und Geisweid, die auf Einladung von Frauenreferentin Silke Panthöfer am Gottesdienst teilnahmen - konnten sich bereits hier einen ersten Höreindruck von schon veröffentlichten Texten verschaffen.
Vertieft wurde dieser Eindruck am Nachmittag in Workshops, wo einzelne Texte im Vergleich mit dem vertrauten Luthertext besprochen wurden. Höhepunkt des Frauentages war aber zweifelsohne der Vortrag von Luise Metzler, Evangelische Theologin und Mitarbeiterin des Projekts „Bibel in gerechter Sprache“, die am Nachmittag vor 35 Zuhörerinnen und einem Zuhörer in die neue Bibelübersetzung einführte. Wer nun vermutet, dass dies ein staubiges Unterfangen gewesen sei, das sich nur Menschen mit Theologiestudium erschließen würde, täuscht sich: Die „Bibel in gerechter Sprache“ ist ein lebendiges, innovatives Projekt, das mit wenigen Mitteln, vielen beteiligten Menschen und hohem ehrenamtlichen Engagement Großes geleistet hat.
52 Übersetzerinnen und Übersetzer, allesamt lehrend an Universitäten tätig, darunter viele bekannte Autoritäten von Kirchentagen, haben in einem 5jährigen Übersetzungsprozess die gesamte Bibel in ehrenamtlicher Arbeit nach aktuellem fachwissenschaftlichem Stand neu übersetzt – dies jedoch nicht „im stillen Kämmerlein“, wie die Referentin erläuterte, sondern die Übersetzung ist in vielen Diskussionsprozessen unter Fachkolleginnen und –kollegen wie auch in Gemeindegruppen gereift - basisdemokratisch. Die vieldiskutierte Bezeichnung „Bibel in gerechter Sprache“ besage keineswegs, dass alle anderen gängigen Übersetzungen „ungerecht“ seien, erläuterte Luise Metzler, sondern gebe lediglich die Zielsetzung der Übersetzung vor. Das besondere dieser Bibel sei, dass das biblische Grundthema „Gerechtigkeit“ als Grundton durch die neue Übersetzung klinge und deren Sprachgestalt bestimme. Die Referentin wies darauf hin, dass jeder Übersetzungsprozess, bewusst oder unbewusst, ein subjektives Moment enthalte. Die „Bibel in gerechter Sprache“ bemühe sich in der Übersetzung zum Beispiel um Geschlechtergerechtigkeit und um Sensibilität für das christlich-jüdische Gespräch. So verzichte diese Bibel auf antijudaistische Interpretationen der Texte und mache Frauen auch in denjenigen Texten sichtbar, die sie zwar mitmeinen, aber nicht ausdrücklich nennen. Martin Luthers Übersetzung des Anfangs von Römer 12 „Darum ermahne ich euch, liebe Brüder…“ klingt beispielsweise in der neuen Bibelübersetzung so: „Darum ermutige ich euch, Geschwister …“.
An vielen Beispielen zeigte die Referentin auf, wie notwendig eine ergänzende Neuübersetzung der Bibel ist.
Dass z.B. der Begriff „Sünde“ erst bei der Geschichte von „Kain und Abel“ – also für den Mord an Abel - verwendet werde und nicht schon bei der Schöpfungserzählung im Paradies, erstaunte nicht wenige Zuhörerinnen. Luise Metzler erläuterte, dass diese irrige Annahme durch eine Kapitelüberschrift in der Lutherübersetzung zustande kommen konnte. „Der Sündenfall“ ist dieser Abschnitt überschrieben. Von „Sünde“ sei im biblischen Text der Schöpfung aber nirgends die Rede, sondern frei erfundene theologische Interpretation. Herzsstück der neuen Übersetzung, so Metzler in ihrem Vortrag, sei, dass sie die Heiligung des Gottesnamens neu Ernst nehme. Diese stehe im „Vater Unser“-Gebet an zentraler Stelle und die Unaussprechbarkeit des Gottesnamens sei fest im jüdischen Glauben verwurzelt. Statt wie Luther den Gottesnamen ausschließlich mit „HERR“ zu übersetzen, biete die neue Bibel in einer Kopfzeile mehrere Varianten zum übersetzten Namen an: beispielsweise „GOTT“, „der Ewige“ das hebräische „HaSchem“ und „die Lebendige“ und ermutige dadurch auch die Leserinnen und Leser, Gott nicht auf ein bestimmtes Bild festzulegen.

Das Projekt „Bibel in gerechter Sprache“ ist auch in finanzieller Hinsicht erfolgreich verlaufen. Mit nur einer hauptamtlichen Stelle kam das Projekt in fünf Jahren zum Ziel. 400.000 € an Spendengeldern konnten gesammelt werden – die Spenderinnen und Spender beteiligten sich quer durch alle kirchlichen Milieus und über alle Kirchengrenzen hinweg. Auch die Referentin selbst stellt ihre Arbeitskraft als Spendenbeauftragte ehrenamtlich zur Verfügung. Dass eine so hohe Summe an Spenden zusammengekommen ist, ermöglicht, dass die neue Übersetzung zu einem sehr erschwinglichen Preis im Buchhandel erhältlich ist.
Am Ende des Nachmittags gingen viele der Zuhörerinnen beeindruckt und mit Lust auf die neue Bibel nach Hause. Die Referentin verstand es trefflich - um eine biblisches Bild zu verwenden - „neuen Wein in neue Schläuche zu füllen“ und den ZuhörerInnen einen neuen zeitgemäßen Zugang zu der tiefen spirituellen und befreienden Kraft der Bibel zu eröffnen.
In einer Zeit, in der die Kirche eher mit sich selbst und den Finanzen beschäftigt ist, könne diese Bibel nach Einschätzung der Veranstalterinnen für die eigentlich so dringend benötigte innere Erneuerung der Kirche innovative Impulse geben. Gut, dass Martin Luther endlich eine Gesprächspartnerin bekommen hat!

Silke Panthöfer

Text zum Bild: (Fotos Silke Panthöfer)
Die Theologin Luise Metzler erläutert das Projekt „Bibel in gerechter Sprache“

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