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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Auferstehung der Toten
Von der diesseitigen Hoffnung auf das Jenseits

Prof. Dr. Michael Weinrich
27.09.2006 15:34
Zu ihrer Herbsttagung hatte die Reformierte Konferenz Südwestfalen in das Gemeindehaus Buschhütten eingeladen und mit dem Thema „Auferstehung der Toten. Von der diesseitigen Hoffnung auf das Jenseits“ ein gleichermaßen zentrales wie anspruchsvolles Thema gewählt.
Dabei ging es um das Verstehen des Satzes, den Christen im apostolischen Glaubensbekenntnis sprechen, wenn sie bekennen „Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.“
Mit Dr. Michael Weinrich, Professor für systematische Theologie in Bochum und Mitglied im Moderamen des Reformierten Bundes, war ein kompetenter Referent gewonnen worden, der sachkundig und verständlich in die nicht eben leichte Thematik einführte.
Schon in seiner Einleitung machte er deutlich, in welche Richtung Christen zu denken haben, wenn sie über das Thema „Auferstehung der Toten“ nachdenken. Infolge der gesamtbiblischen Überlieferung ist sie strikt zu verstehen als die Tat Gottes, mit der Gott auf den Menschen zukommt, nicht aber als eine dem Menschen innewohnende Möglichkeit oder als eine Wiederherstellung irdischen Glückes. „Es geht bei der Auferstehung der Toten nicht um menschliche Wünsche und Sehnsüchte, sondern um Gottes Absicht.“ Dabei muss der Christ der Tatsache eingedenk bleiben, dass sein Nachdenken und Hoffen auf das Jenseits in den Kategorien des Diesseits geschieht, d.h. dass seine Sprache und Vorstellungswelt unzulänglich sind für das, was ihm in der Botschaft von der Auferstehung der Toten als Hoffnung begegnet. In den christologischen Streitigkeiten der Alten Kirche hatte sich die Lehre durchgesetzt, dass Gott in Jesus Christus tatsächlich Mensch geworden war und nicht nur menschliche Gestalt angenommen hatte. Entsprechend betonte man die Leiblichkeit Auferstehung Jesu Christi, um ihre Wirklichkeit festzuhalten. In der zunehmenden Auseinandersetzung mit Gegnern des christlichen Glaubens meinte man die Wirklichkeit der Auferstehung dadurch sichern zu können, dass man ihre Körperlichkeit hervorhob. Das Interesse an der Leiblichkeit des Auferstandenen verschob sich zu Spekulationen über die Beschaffenheit des Leibes. Dies führte z.B. bei Augustin zu skurrilen Äußerungen, wenn er etwa über Alter, Körpergröße und die Beschaffenheit der Zähne des Auferstandenen spekulierte.
Demgegenüber verbietet sich Paulus jegliche Spekulation über die Auferstehung und den Auferstehungsleib. Er wahrt einerseits die Kontinuität zwischen dem Menschen in seiner irdischen und künftigen Gestalt und betont andererseits die Diskontinuität, indem er darauf besteht, dass es ausschließlich Gott ist, der den Menschen in sein neues Sein ruft. Auch das biblische Bild von dem Weizenkorn, das in die Erde gegeben wird um zu sterben und aus dem schließlich neues Leben erwächst, darf unter keinen Umständen im Sinne eines Automatismus verstanden werden. Die der Natur entnommenen Metaphern sind nur bedingt tauglich für das, was hinsichtlich der Auferstehung und dem ewigen Leben zu sagen ist. Dass ausschließlich Gott in einem Akt der Neuschöpfung die Kontinuität in der Diskontinuität verbürgt, gehört zum Geheimnis des Glaubens, das der Mensch nicht aufbrechen kann und darf. Dieser differenzierte Zusammenhang ist im Laufe der Theologiegeschichte zum Schaden des Auferstehungsglaubens vielfach verlorengegangen. In einem dritten Teil zog Weinrich die Linien seiner biblischen und theologiegeschichtlichen Erwägungen aus in die gegenwärtige Diskussion des Auferstehungsglaubens: Weil der Mensch unter dem Diktat ständig ablaufender Zeit lebt und von ihr beherrscht wird, ist er gezwungen, den Tod als seinen Herrn anzuerkennen. Diesem Herrschaftsanspruch ist mit allen diesseitigen Anstrengungen nicht beizukommen, so dass der Mensch mit der ablaufenden Zeit seiner definitiven Niederlage nur näher kommt. Der ablaufenden Zeit aber und dem Tod, dem der Mensch unterworfen ist, steht die Ewigkeit Gottes gnädig gegenüber. Sie ist folglich nicht die in die Zukunft hinein verlängerte Zeit, die dem Menschen gegeben wird. Sie ist überhaupt kein quantitativer, sondern ein qualitativer Begriff und verweist auf das Anderssein Gottes. In Gottes Ewigkeit findet die Zeit ihre Begrenzung und ihr Ziel. „Auferstehung heißt die Aufhebung der Macht des Todes über das Leben“, sagte Weinrich. Darum hat sie durchaus schon mit unserer Gegenwart zu tun und wird an ihr Ziel kommen, wenn dem bereits triumphierenden Tod seine Macht genommen wird. So steht Zeit nicht im Zeichen einer unbestimmten Zukunft, sondern im Zeichen des Adventes Gottes.
Dieser Denkbewegung auf der Sachebene entspricht die Denkbewegung auf der Erkenntnisebene: So wenig Ewigkeit die Verlängerung menschlicher Zeit in die Zukunft ist, so wenig gibt es einen „Weg von unserer Wahrnehmung der Zeit zur Ewigkeit Gottes“. Der Erkenntnisweg kann nur der sein, „dass uns die Ewigkeit in unserer Zeit erreicht, d.h. in ihr Gestalt annimmt“. Eben dies geschieht im Evangelium, das dem Menschen sagt, dass er „zum Verbleiben in Gottes uns zugewandter Ewigkeit bestimmt“ ist. „Gottes Ewigkeit bleibt nicht für sich, sie hat in Christus unauslöschlich die Gestalt eines Leibes angenommen, um auch uns, die wir alle leiblich sind, unauslöschlich in seine Ewigkeit hinein zu nehmen.“
Im Hören auf dieses Evangelium kann und darf der Mensch das ansonsten Unglaubliche glauben.
Dem ungemein dichten Vortrag folgte eine rege Aussprache, die einmal mehr unter Beweis stellte, dass nicht nur Pfarrer, sondern auch manche Gemeindeglieder nach theologischer Vergewisserung verlangen. Auch in dieser Hinsicht ist die Reformierte Konferenz Südwestfalen derzeit unersetzbar.
Michael Becker

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Dr. Michael Weinrich, Professor für systematische Theologie in Bochum und Mitglied im Moderamen des Reformierten Bundes sprach auf der Reformierten Konferenz Südwestfalen im Gemeindehaus Buschhütten.

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