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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Verschiedenheit ist Reichtum
Laborschule Bielefeld auf Südwestfälischem Pädagogischen Tag vorgestellt

Prof. Dr. Susanne Thurn
31.10.2006 16:54

Eine in vielerlei Hinsicht außergewöhnliche Schule lernten jetzt Pädagoginnen und Pädagogen auf dem Südwestfälischen Pädagogischen Tag in der Arche des Evangelischen Gymnasium in Weidenau aus erster Hand kennen: Die Laborschule Bielefeld. Vorgestellt wurde das nordrhein-westfälische Dauerexperiment von Prof. Dr. Susanne Thurn, einer gebürtigen Siegerländerin und Leiterin eben dieser Schule. Die Bielefelder Laborschule ist eine staatliche Versuchsschule des Landes Nordrhein-Westfalen. Sie wurde 1974 nach den Vorstellungen und unter der Leitung des Pädagogen Hartmut von Hentig gegründet und hat den Auftrag, neue Formen des Lehrens und Lernens sowie des Zusammenlebens zu entwickeln.
Das augenscheinlich Besondere der Angebotsschule vorneweg: Es gibt keine Klassen wie im Regelschulsystem, keine Noten und keine Stundenpläne, aber es gibt eine sehr individuelle Beschreibung des Lernerfolgs der Schülerinnen und Schüler.
„Es ist die einzige finnische Schule, die sich die Bundesrepublik Deutschland leistet,“, stellte die Schulleiterin ihre Schule vor, die nach besonderen Prinzipien arbeitet.

Prinzipien der Laborschule
Verschiedenheit ist Reichtum, lautet eins der Schulprinzipen. Die Verschiedenheit garantiert ein Aufnahmeschlüssel, wonach die Hälfte der Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Familien kommen. 15 % der Kinder stammen aus Migrantenfamilien und sind zumeist Kurden oder armenische Christen. Aus den etwa 200 Anmeldungen werden jährlich rund 60 Kinder ausgewählt, so dass eine repräsentative Mischung einer deutschen Großstadt entsteht. Darunter Kinder mit Sonderförderungsbedarf, etwa 10 %, sowie sehr leicht lernende Schülerinnen und Schüler. „Dieser Bandbereite von Schülern kann die Schule nur gerecht werden, wenn sehr individualisiert auf die Kinder eingegangen wird“, machte die Hochschulprofessorin und Schulleiterin deutlich.
Als weiteres wichtiges Prinzip nannte Thurn die Gemeinschaft. Die Regeln für das Zusammenleben würden immer wieder neu verhandelt. Die Kinder lernten: Es gibt Konflikte, aber sie sind friedlich lösbar. An der Schule werde sozusagen entsprechend einem Buchtitel „Ein Zipfel der besseren Welt“ erlebt und erprobt.
Erfahrungslernen hat an der Laborschule Bedeutung. Es gibt möglichst viel Erfahrung und wenig Belehrung. Erfahrungsbereiche sind als Lernorte eingerichtet. Darunter beispielsweise ein Schulzoo, ein Garten, ein Bauspielplatz, eine Holzwerkstatt, eine Metallwerkstatt und eine Textilwerkstatt. Die Sporthalle sei natürlich in den Pausen offen, betont Thurn. Auch die große und gut ausgestattete Bibliothek sei offen und frei nutzbar.

Jahrgangsübergreifende Lerngruppen
Die Schulzeit ist für die rund 660 Schülerinnen und Schüler in vier Stufen aufgeteilt. Mit fünf Jahren kommen die Kinder in die Schule. „Dann sind sie so unterschiedlich wie später nie wieder“, so Thurn. Die Fünfjährigen werden mit einem Fest begrüßt und bekommen einen älteren Partner aus dem dritten Jahrgang an die Hand, der ihnen zeigt, wie es in der Schule zugeht. An der Ganztagsschule gibt es keine Stundenpläne, sondern einen Tagesverlauf und Wochenpläne. In den ersten drei Jahren leben und lernen die 5- bis 8-jährigen zusammen. Die Kleineren lernen nicht nur von den Erwachsenen, sondern auch von den Größeren. Jedes Kind lernt nach seinem eigenen Arbeitsrhythmus, ohne Zeit-, Leistungs- und Zensurendruck. Thurn: „Wir glauben an die Lernlust der Kinder und lassen sie selbstständig lernen.“ Nachmittags kommen Erzieherinnen zur Betreuung hinzu. In der Stufe III (Jahrgang 5-7) kommt als zweite Fremdsprache entweder Französisch oder Latein hinzu. Das Lernen erfolgt in den Erfahrungsbereichen: Umgang von Menschen mit Menschen (Sozialwissenschaft); Umgang mit Sachen: erfindend, gestaltend, spielend (Künste), Umgang mit Sachen: beobachtend, messend, experimentierend (Naturwissenschaft); Umgang mit Gedachtem, Gesprochenem und Geschriebenem (Sprache/n, Mathematik); Umgang mit dem eigenen Körper (Sport und Spiel). Die Schülerinnen und Schüler können in Wahlgrundkursen ihre besonderen Neigungen erproben und ausbilden. Außerdem lernen sie nach einem mehrstufigen Lehrplan die Grundlagen der Selbstversorgung. Sie müssen beispielsweise Kochen, Putzen, Haushalten und Zeit einteilen ebenso lernen, wie die Grundlagen der Ernährung.

In der vierten Stufe ermöglichen Wahl- und Leistungskurse, dass jedes Kind für sich das eigene Leistungsprofil herausfindet. Im 8. bis 10. Schuljahr fertigen die Schüler drei größere theoretische oder praktische Jahresarbeiten an und machen je ein Praktikum in einem Produktionsbetrieb, in einem Dienstleistungsbetrieb und in einem Betrieb nach eigener Wahl und besuchen für eine Woche die Schule, die sie später besuchen werden. Zum Ende des Jahrgangs 10 gibt es dann erstmals Noten entsprechend dem Regelschulsystem. Es wird danach geschaut, was der Schüler kann und was wir ihm zutrauen. 50 % der Schulabgänger gehen auf die gymnasiale Oberstufe. Thurn: „Die Rückmeldungen unserer Schülerinnen und Schüler machen deutlich, dass sie auf den weiterführenden Schulen gut zurecht kommen. Die anderen wissen vielleicht etwas mehr als wir, aber wir können mehr. Das können wir leicht wettmachen, lautete eine der Rückmeldungen.“ Thurn weiter und sehr überzeugt: „Offenbar brauchen wir den ganzen Notenzirkus nicht, von dem wir wissen, was er den Kindern antut. Es stimmt nicht, dass Kinder nichts mehr tun, wenn es keine Noten gibt. Die Kinder müssen begreifen, dass es um sie geht und um ihr Leben, für das sie verantwortlich sind.“

Im Rahmen der anschließenden Diskussion wurde von den Pädagoginnen und Pädagogen kritisch angemerkt, dass sehr wenig von den Erkenntnissen und Erfahrungen der Versuchsschule in den Alltag der Regelschulen Einzug hält. Die Professorin: „Wir werden mit dem jetzigen System keinen Erfolg haben. Wir müssen neue Wege gehen. An der Laborschule sind die Lehrer zwar mehr belastet, aber auch zufriedener. Und die Jahrgangsmischung hat für das
Sozialverhalten der Schülerinnen und Schüler viel gebracht.“
Mit einem musikalischen Programm, gestaltet von Christof Mann (Keyboard und Gesang)und Ann-Kristin Barth (Querflöte und Gesang) sowie einem Imbiss ging eine neue Form des Südwestfälischen Pädagogischen Tags zu Ende. Er findet nicht mehr während der Dienstzeit statt, weil neue Regelungen die Unterrichtsbefreiung von Lehrkräften strenger regeln als bisher. Um so mehr freute sich die Schulreferentin des Kirchenkreises Siegen Pfrn. Evelyne Dzaak über den überaus guten Besuch der qualifizierten Fortbildung.
kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)

Auf dem Südwestfälischen Pädagogischen Tag stellte Prof. Dr. Susanne Thurn die Laborschule Bielefeld vor.

Im Bild (von rechts) Prof. Dr. Susanne Thurn, Leiterin der Laborschule Bielefeld, Pfrn. Evelyne Dzaak, Schulreferentin des Kirchenkreises Siegen und Dorothea Woydak, Leiterin des Evangelischen Gymnasiums in Weidenau


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