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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Wie Holzhausen 1607 von Haiger zu Dresselndorf kam
Festvortrag von Pfr. i.R. Günther Albrecht im ev. Gemeindehaus Holzhausen

Pfr. i.R. Günther Albrecht
15.02.2007 11:43
Vor 400 Jahren wurde nicht nur der berühmte Liederdichter Paul Gerhardt geboren. Für den Siegerländer Ort Holzhausen hat das Jahr 1607 eine eigene, ganz besondere Bedeutung. Am 24. April 1607 erfolgte im Schloss zu Dillenburg eine Landesteilung, in deren Folge Holzhausen umgepfarrt wurde von Haiger nach Dresselndorf. Bis heute gehört der Ortsteil zur Kirchengemeinde Niederdresselndorf. Für die Holzhäuser Grund genug, dieses denkwürdige Ereignis jetzt zu feiern.
Als fast zu klein erwies sich das Gemeindehaus. Der Saal musste mit etlichen Stühlen ins Foyer hinein erweitert werden, um den Andrang aus der Bevölkerung zu fassen.
Obwohl er gesundheitlich etwas angeschlagen war, lies es sich Bürgermeister Christoph Ewers nicht nehmen, die Holzhäuser auf das Herzlichste zu grüßen. Als Bürgermeister des Ortes würde er es bedauern, wenn Holzhausen nicht zu Niederdresselndorf gekommen wäre. Es gelte, das geistige und geistliche Erbe als etwas Dauerhaftes zu bewahren.

Die vorreformatorische Zeit
Der langjährige Gemeindepfarrer Günther Albrecht, der von 1959 bis 1991 die Pfarrstelle in Holzhausen inne hatte, nahm die große Festgemeinde im ev. Gemeindehaus Holzhausen mit auf eine informative Reise von den Anfängen des christlichen Lebens in der Region bis in die heutigen Tage. Er hatte die Kirchenbücher durchforstet und so manche Information zur regionalen (Kirchen-) Geschichte ausgegraben.
Die christlichen Anfänge der Region liegen im Dunkeln. In Haiger erbaute König Konrad I. 913 eine Taufkirche und schenkte sie dem Stift Weilburg. In 1048 wurde die Kirche durch einen Umbau zu einer ordentlichen Pfarrkirche vergrößert. Der Umfang dieses großen Kirchspiels Haiger reichte von der Höhe zwischen Haiger und Donsbach, über den hohen Westerwald, die Nister, die Sieg bei Wissen, das Freusburger Gebiet und das südliche Siegerland bis zur Diezhölze. Im 12. Jahrhundert spaltete sich die umfangreiche Parochie Haiger in einzelne Kirchspiele. Darunter das Kirchspiel Dresselndorf mit den Ortschaften Niederdresselndorf, Oberdresselndorf und Lützeln. Holzhausen jedoch blieb bis zum Jahre 1607 bei dem Sprengel Haiger.

Die Reformation im Hickengrund
Die von Martin Luther ausgelöste Reformation fand in den Nassauer Landen nur zögernd Fuß. Graf Wilhelm der Reiche von Nassau hatte zum Hofe Kaiser Karl V. besondere Beziehungen, die er nicht gefährden wollte, denn der Kaiser stand den Protestanten feindlich gegenüber. Wilhelms Nachbar Philipp von Hessen ist ein Anhänger der Reformation und war der führende Kopf des Schmalkaldischen Bundes, dem militärischen Schutzbündnis der Protestanten gegen den Kaiser. 1536 trat Wilhelm der Reiche diesem Bündnis bei. Die evangelische Sache erlitt allerdings 1547 bei der Schlacht bei Mühlberg an der Elbe eine vernichtende Niederlage.
Kaiser Karl V. erließ in Augsburg eine Religionsdeklaration, das so genannte „Interim“, die die wichtigsten katholischen Lehren schützte. Auf einer Synode in Dillenburg ließ Graf Wilhelm der Reiche den dort versammelten Pfarren das Interim vorlesen. Die aber wollten lieber ihre Ämter niederlegen, als das Interim annehmen. In einem klugen Schachzug bat Graf Wilhelm, ihm geeignete Prediger zu senden, denn ohne diese könne er den Gottesdienst nicht nach dem Interim halten lassen. Dies war dem Erzbischof jedoch unmöglich. Die Pfarrer blieben somit in ihrem Amt.
Am 6. Oktober 1559 starb Wilhelm der Reiche. Mit Graf Johann VI. (der Ältere) kam die Einführung des reformierten Bekenntnisses in Nassau-Dillenburg. Eingeführt wurde die Heidelberger Kirchenordnung und der Heidelberger Katechismus.
1606 starb Graf Johann VI. und hinterließ ein geordnetes Land und ein blühendes Kirchenwesen reformierter Art. Das große Land wurde am 24. April 1607 im Schloss zu Dillenburg nach dem Testament des Grafen auf seine fünf Söhne aufgeteilt. Sein Sohn Wilhelm Ludwig erhielt unter anderem Haiger, sein Sohn Georg unter anderem den Hickengrund. Wilhelm Ludwig blieb kinderlos. Nach der Teilung war der kirchliche Amtsbezirk Haiger zu groß für die drei Pfarrer. Es wäre gut, so forderten sie, wenn Bereiche des Gebietes abgetrennt werden könnten. Und so wurde Wilgersdorf nach Wilnsdorf und Holzhausen nach Dresselndorf umgepfarrt.

Kriegszeiten und andere Nöte
In einem zweiten Teil seines Vortrags streifte der kundige Theologe die Geschichte des Ortes nach 1607 bis in die heutige Zeit. Viele Kriegseinflüsse wie Plünderungen und Brandschatzungen, die Rote Ruhr, die Pest, Hungersnöte und Brände suchten die Bevölkerung heim. Es muss wahrlich keine leichte Zeit gewesen sein. Von 1618–1648 wütete der 30-jährige Krieg. Zur Verteidigung schlossen sich die vier Dörfer bei Gefahr zusammen. Sie schlugen 1634 ein schwedisches Kommando zurück. Vom schwedischen Rittmeister Bergström sollen die Zeilen stammen: Ich fürchte einen Hicken mehr, als ein ganzes Söldnerheer – wär‘s auch bewaffnet bis zum Nabel, viel schlimmer ist ein Hick mit Gabel!
1815 erfolgte eine politische Neuordnung bei der der Freie- und der Hickengrund zu Nassau kamen. Gut ein Jahr später fielen beide der preußischen Krone zu. Vom Krieg Preußens gegen Österreich 1866, vom Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und von den beiden Weltkriegen blieb auch der Hickengrund nicht verschont. Am 2. August 1914, dem 1. Mobilmachungstag wollte die Gemeinde Niederdresselndorf ihr jährliches Missionsfest feiern. Der Missionsprediger telegrafierte am Abend zuvor wegen des bevorstehenden Kriegsausbruches ab. So musste am Morgen der Ortspfarrer die Kanzel besteigen und der tief erregten Gemeinde Gottesworte, Lebensworte und Trostworte zusprechen. Nachmittags um 17 Uhr fand eine Abendmahlsfeier für die ausziehenden Soldaten und deren Angehörige und Abends noch eine Kriegstrauung statt.

Dass Pfarrer Albrecht das Kultur und Vereinsleben des Ortes gut kannte und immer noch kennt, zeigten die vielen Vereine und deren Beiträge zum dörflichen Leben, die er zu nennen und zu beschreiben wusste. Musikalisch gestaltet wurde die Festveranstaltung vom Posaunenchor Holzhausen und vom Männergesangverein 1878 Holzhausen. Der Eine-Welt-Laden bot fair gehandelte Produkte an.
kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Pfarrer i.R. Günther Albrecht ließ in einem engagierten Vortrag die Kirchengeschichte und die Ortsgeschichte Holzhausens lebendig werden.

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