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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Aufbruchstimmung in Wittenberg
Superintendentin Annette Kurschus auf dem Zukunftskongress der EKD

Superintendentin Annette Kurschus (links) in Wittenberg
15.02.2007 11:49
So etwas hat es in der evangelischen Kirche noch nie gegeben. Ein Spitzentreffen mit mehr als 300 Vertretern aus allen 23 Landeskirchen der EKD. Dies fand vom 25. bis 27. Januar im geschichtsträchtigen Wittenberg statt, wo vor fast 500 Jahren die Wiege der Reformation stand. Beraten wurde das Impulspapier der EKD mit dem bezeichnenden Titel „Kirche der Freiheit“. Bevölkerungsrückgang, weniger Mitglieder und schwindende Finanzkraft drängen die Kirchen zum Handeln.
Die Evangelische Kirche von Westfalen nahm mit 15 Personen an dem Kongress teil, darunter Siegens Superintendentin Annette Kurschus.

Am Auftrag der Kirche orientiert
Das Impulspapier war schon während der letzten Monate heftig umstritten. Die einen begrüßten das Papier, andere fanden es theologisch zu dürftig, andere wiederum zu wirtschaftssprachlastig. Die Siegener Superintendentin hält es grundsätzlich für wichtig, dass es endlich ein Papier der EKD gibt, das positiv in die Zukunft blickt und nicht alles nur finster sieht und beklagt. Auch wenn die Sprache des Papiers für Kirchenleute befremdlich anmutet, weil die Begriffswelt aus der Betriebswirtschaft stammt – der Grundzug des Papiers ist der, dass sich die evangelische Kirche positiv auf ihren Kernauftrag besinnt, orientiert an der Formulierung der 6. These der Barmer Theologischen Erklärung. Danach besteht der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, darin, an Christi statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.
Diese Rückbindung der Kirche an ihren eigenen Auftrag hält Annette Kurschus für den Weg in die Zukunft für unerläßlich. Aus solcher Rückbindung erwächst die Freiheit, neue Wege und Gemeindeformen und Gestalten der Verkündigung des Evangeliums mutig und besonnen auszuprobieren.
In dem EKD-Papier wird ihr die gegenwärtige Situation zu einseitig als Sackgasse dargestellt. Als müsse auf Biegen und Brechen alles anders werden. Vieles, was in der westfälischen Landeskirche vorhanden sei und praktiziert werde, sei gut und verdiene es, bewahrt zu werden. Effizienz und Erfolg werden zu groß geschrieben, dadurch erhalte das Papier einen stark gesetzlichen Charakter. Kurschus: „Wir müssen sehr sensibel und theologisch genau unterscheiden zwischen dem, was wir Menschen tun können, und dem, was sich Gott zu tun vorbehalten hat. Beides gehört zwar untrennbar zusammen, darf aber gerade deswegen nicht miteinander vermischt werden.“

Stärkung von geistlichem Leben und Glaubenskraft
Nach Wittenberg ist die Siegenerin mit einer Portion Skepsis gefahren. Alle Gremien, in denen sie bisher Beratungen des EKD-Papiers erlebt habe, hätten an erster Stelle kritisiert, was fehle, was theologisch zu dürftig sei und was man stattdessen eigentlich erwartet hätte. Diese Abwehrhaltung, die einer konstruktiven Beschäftigung mit den gegebenen Impulsen ausweicht, hätte sich allzu leicht auf einem solchen Kongress potenzieren können. Dies ist jedoch erfreulicherweise nicht geschehen. Im Gegenteil, in Wittenberg sei eine wirkliche Aufbruchstimmung zu spüren gewesen. Der Kongress habe für die Evangelische Kirche eine Stärkung von geistlichem Leben und innerer Glaubenskraft bewirkt.
Die im Vorfeld geäußerten Befürchtungen, dass nunmehr sozusagen überstülpend alles „von oben her“ hierarchisch verändert werden solle, hätten sich in Wittenberg als unbegründet herausgestellt. Es sei vielmehr deutlich geworden, dass die regionalen Besonderheiten der einzelnen Landeskirchen beachtet werden müssten. Auch die Befürchtung, die Kirche wolle sich zunehmend aus der Fläche, aus den Gemeinden auf dem Land zurückziehen, sei sehr ernst genommen worden. Bewährte und haltbare Strukturen sollen nicht prinzipiell von neuen Entwicklungen abgelöst werden.
Es würden aber einheitliche Maßstäbe und Orientierungspunkte in der EKD benötigt, an denen man sich und seine Arbeit messen könne. Wichtig ist der Superintendentin, dass die Frage nach der Qualität kirchlichen Handelns erstaunlich offen und ehrlich gestellt wurde. Kurschus: „Es ist zwar ganz sicher, dass wir die Auswirkungen kirchlichen Redens und Handelns dem Geist Gottes überlassen müssen. Das entbindet uns jedoch nicht davon, unsere Sache möglichst gut zu machen.“

EKD auf dem Weg
Allzu viele konkrete Ergebnisse konnten auf dem Kongress sicher noch nicht erwartet werden. Aber das große Schiff EKD mit den vielen eigenständigen Landeskirchen hat eine Richtung angepeilt und sich auf den Weg gemacht. Wichtig sind jetzt gesamtkirchliche Verabredungen. Um die zu erreichen, sind Stationen für das weitere Vorgehen festgelegt worden.
Der Kongress ist als Start einer Dekade bis zum Jahre 2017 zu sehen. Im Jahre 1517 hat einst Martin Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt. 2017 werden wir also das 500-jährige Jubiläum der Reformation feiern. Bis dahin werden weitere Beratungen und Diskussionen zum EKD-Papier stattfinden. Für September 2008 ist eine Zukunftswerkstatt geplant, die eventuell in Wuppertal-Barmen ausgerichtet werden soll, einem für die evangelische Kirche ebenso geschichtsträchtigen Ort. Hier entstand vom 29. bis 31 Mai 1934 die Theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen.
Zunächst sind aber die Landeskirchen am Zug. In der westfälischen Landeskirche findet am 15. September 2007 in Hamm eine große Tagung statt, auf der die Wittenberger Beratungsergebnisse konkret im Blick auf unsere westfälische Kirche aufgegriffen werden. Die 31 Kirchenkreise sind dann im Blick, und besonders die 589 Kirchengemeinden. Bei dieser Tagung werden auch Mitglieder aus den Presbyterien vertreten sein.

Die Wittenberger Kongressunterlagen, die Redebeiträge, Beratungsergebnisse, Berichte über die Tagung und auch das EKD-Papier „Kirche der Freiheit“ sind im Internet unter www.ekd.de zu finden.
kp

Text zum Bild: (Fotos Andreas Duderstedt)
Superintendentin Annette Kurschus (links) auf dem EKD-Kongress in Wittenberg mit Delegierten der westfälischen Landeskirche.

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