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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

„Eine Kirche, die nicht mehr wachsen will, will nicht mehr Leben“
Pfarrer Dr. Peter Böhlemann auf der Reformierten Konferenz Südwestfalen

Pfarrer Dr. Peter Böhlemann
12.03.2007 15:34
„Leben bedeutet Wachstum. Eine Kirche, die nicht mehr wachsen will, will nicht mehr leben, sie stirbt. Eine Kirche, die Leib Christi ist, lebt und wächst. Gott hat das Leben für sie gewählt.“ Aufbauend auf diesen Grund entfaltete Dr. Peter Böhlemann, Villigst, jetzt auf der Reformierten Konferenz Südwestfalen im Zinzendorfhaus der Siegener Erlöserkirchengemeinde vor Presbyteriumsmitgliedern, Gemeindegliedern und Theologen neun Faktoren, die seines Erachtens zu einer wachsenden Kirche beitrügen, wenngleich sich Wachstum unter der Herrschaft Gottes nicht machen ließe. Wachstum bezog er dabei aber nicht nur auf die Menge, sondern auch auf Tiefe und Qualität.

Als einen bedeutenden Wachstumsfaktor nannte der Referent das Ergriffensein von einer Vision für die Gemeinde, entstehend aus biblischen Hoffnungsbildern. Die Kirche lebe nicht von Macht, Einfluss und Kirchensteuern, sondern aus der Wirklichkeit Gottes.
Zudem, so der Theologe, sei die Kirche auf Beziehungen gegründet und gebaut – auf Gottes Beziehungen zu den Menschen und den Beziehungen untereinander. Die Pflege der Beziehungen sei eine lebenserhaltende Maßnahme einer Kirche, die wachsen wolle. Und dies lasse sich am besten in kleinen Gruppen, in Zellen praktizieren, die sich gegenseitig trügen. Solche Zellen teilten sich, wenn sie zu groß würden. So wachse Kirche weltweit. Der Leiter des Pastoralkollegs der westfälischen Kirche plädierte für ein neues Pfarr- und Gemeindebild. Es gehe nicht an, dass der Pfarrer gleichzeitig den Chor leite und mitsinge, die Mannschaft trainiere und die Tore schieße. Es gelte, in den Gemeinden die verschiedenen Charismen zu entdecken und die geistliche Leitungsverantwortung gemeinsam wahrzunehmen. Als Wachstumsfaktor der Gemeinde benannte er Mission und Kultur. Es sei und bleibe Aufgabe der Kirche, so Böhlemann, in alle Welt zu gehen und den Missionsauftrag umzusetzen. Dazu gehöre auch zu lehren. Missionsauftrag und Bildungsauftrag gehörten zusammen. Die Menschen hätten einen Anspruch darauf, zu wissen, zu verstehen und zu erleben was Glauben bedeute. Böhlemann: „Der missionarische Erfolg von Kirche ist nicht primär von Geld und Mitgliederzahlen abhängig. Geld kann wie Doping wirken. Es pumpt kurzfristig die Muskeln auf und ruiniert langfristig die Gesundheit.“ Die Kultur des Evangeliums bezeichnete er als angstfrei, visionär, gastfreundlich und festlich, partizipatorisch und kinderfreundlich.
Besonders betonte der Pfarrer als Wachstumsfaktor geistliche Leitung und Teamarbeit. Dazu gehöre auch, die Bedeutung der biblischen Botschaft für die gegenwärtige Situation und die kirchliche Struktur aufzuzeigen. Geistliche Leitung habe eine Vision von der Richtung, in der sich Kirche entwickele, sie habe eine Inspiration von dem, was Gott wolle. Sie kontrolliere nicht, sondern ermögliche, befähige und setzte frei. Leitung in der Kirche sorge für Transparenz und Kommunikation, achte auf das „Wie“ der Veränderungsprozesse. Sie ermögliche Partizipation und gebe Hoffnung, Richtung und Motivation.
Weitere Wachstumsfaktoren seien die Armut als Herausforderung wahrzunehmen, aber auch Gottesdienste mit ihrer therapeutischen Kraft neu zu entdecken. Der Referent sprach sich dafür aus, behutsam neue Formen auszuprobieren, ohne das Alte aufzugeben. Nicht zuletzt betonte Böhlemann die Macht des Gebetes: „Beten Sie mit und füreinander. Gebet ist nicht unsere letzte Chance, – es ist unsere einzige Chance.“

Nach dem Vortrag war Raum für Rückfragen, Anregungen und Diskussion. Altkirchmeister Erhard Krämer war überzeugt, dass man sich über Strukturen nicht mehr zu unterhalten brauche, wenn die innere Erneuerung nicht gelinge. Altsuperintendent Ernst Achenbach machte deutlich: „Was wir haben, ist das Wort Gottes. Was wir brauchen, sind Geist erfüllte Persönlichkeiten, die das Wort predigen.“ Ergänzend dazu Peter Böhlemann: „Es reicht nicht, nur richtig zu predigen in der Hoffnung, dass dann die Kirchen wieder voll werden. Man muss auch die Lebensgewohnheiten und das Freizeitverhalten der Menschen zur Kenntnis nehmen.“
Superintendentin Annette Kurschus sah eine Gefahr darin, dass innerhalb der Kirche die, die Visionen hätten, gegen die ausgespielt würden, die für die Verwendung des Geldes und die Gestaltung von Strukturen zuständig seien. Beides müsse zusammengebracht werden.

Wohin kann und soll sich die Volkskirche entwickeln? Diese Frage habe sich auch der Kirchenkreis Wittgenstein gestellt, berichtete Pfr. Dieter Kuhli, Vorsitzender der Trägerkreises der Reformierten Konferenz Südwestfalen. Hier sei man zu der Auffassung gelangt, eine mündige Beteiligungskirche im ländlichen Raum anzustreben.
kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Der gebürtige Neunkirchener Pfarrer Dr. Peter Böhlemann, Leiter des Pastoralkollegs der westfälischen Landeskirche, benannte auf der Reformierten Konferenz Südwestfalen Faktoren, die kennzeichnend für wachsende Gemeinden sind.

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