Bookmark and Share

Kontakt    

Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Seismographen für gesellschaftliche Veränderungen
349 Selbsthilfegruppen in Siegen-Wittgenstein und Olpe

 Erika Heinbach, Heike Tönnes und Gabi Gaumann
03.05.2007 16:29
Selbsthilfegruppen erleben im Kreis Siegen-Wittgenstein und im Kreis Olpe einen regelrechten Boom, besonders wenn es um die Themenpalette Psycho-Soziales und Gesundheit geht. Das wissen Dipl. Sozialpädagogin Heike Tönnes und Dipl. Sozialarbeiterin Erika Heinbach von der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS) in der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle des Kirchenkreises Siegen sowie Dipl. Sozialarbeiterin Gabi Gaumann von der Koordinationsstelle für Selbsthilfegruppen der Diakonie in Südwestfalen. Gefragt wird beispielsweise um Beistand nach der Schockdiagnose Krebs, um Unterstützung auf dem Weg aus Alkoholsucht und Depression oder um Solidarität mit Mobbingopfern. Allein im vergangenen Jahr wurden in Begleitung durch die Selbsthilfekontaktstellen neue Gruppen zu Themen wie Borderline, Adoptierte Erwachsene, ADHS/ADS, Osteomyelitis, Borreliose oder Lebensmittelunverträglichkeiten gegründet. Im Kreis Siegen-Wittgenstein und Kreis Olpe haben sich derzeit 349 Selbsthilfegruppen zu 109 Themen organisiert. Nach Schätzung der nationalen Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen (NAKOS) in Berlin gibt es in Deutschland 70.000–90.000 Selbsthilfegruppen, in denen rund drei Mio. Menschen aktiv sind. Das entspricht etwa 5% der erwachsenen Bevölkerung.
Darunter sind auch Selbsthilfeangebote für ausländische Mitbürger. So werden in Siegen beispielsweise im Rahmen der Selbsthilfearbeit Informationsveranstaltungen in türkischer Sprache in Kooperation mit dem Migrationsfachdienst des Diakonischen Werkes für Migrantinnen angeboten.

Der steigende Bedarf an Selbsthilfe ist eine Konsequenz der gesellschaftlichen Entwicklung, in der Familienstrukturen zerbrechen und der Leistungsdruck rapide wächst. Umso wichtiger wird ein Ort, wo Menschen über ihre Probleme sprechen können, wo man sich noch füreinander Zeit nimmt und sich gegenseitig zuhört. Dies gilt in hohem Maße auch für die Angehörigen der Betroffenen. Selbsthilfegruppen sind Seismographen für gesellschaftliche Veränderungen.
Angestiegen ist in den letzten Jahren die Zahl der seelischen Erkrankungen. Angstzustände, Panikattacken, Depressionen und Essstörungen sind die traurigen „Spitzenreiter“. Zu Beginn dieses Jahres wurde entsprechend der großen Nachfrage in Olpe auch eine Selbsthilfegruppe für Depressive gegründet.
Erfreulicherweise findet die Selbsthilfe zunehmend mehr Partner bei Medizinern und Psychotherapeuten.

Angeboten werden Beratungsstunden durch betroffene Gruppenmitglieder für unterschiedliche Zielgruppen wie Angehörige und Freunde von Alkoholkranken, Betroffene von Asthma/Bronchitis, Stimmungsschwankungen/Depressionen nach der Geburt oder Alzheimer. Außerdem ist eine Beratungsstunde für psychisch kranke Mütter und Väter in Kooperation zwischen Psychiatrie, KISS sowie EFL eingerichtet worden. Diese Angebote können unabhängig vom Besuch einer Selbsthilfegruppe genutzt werden. Die enge Kooperation mit Fachleuten aus der Region ist den Mitarbeiterinnen der Selbsthilfekontaktstellen wichtig.

Die Selbsthilfekontaktstellen tragen in hohem Maße dazu bei, dass Selbsthilfe sich entfalten kann, dass interessierte Bürgerinnen und Bürger „Zugangswege“ zu Selbsthilfegruppen finden, Fachleute in der Region informiert werden, bestehende Selbsthilfegruppen ihre Potenziale nutzen können und ihre Arbeit unterstützt wird. Im vergangenen Jahr konnte gemeinsam mit der VHS der Stadt Siegen unter der Rubrik „Selbsthilfegruppen stellen sich vor“ eine Informationsreihe auf den Weg gebracht werden.
Etwa 1850 telefonische oder persönliche Kontakte registrierten die beiden Kontaktstellen im Kirchenkreis und der Diakonie im vergangenen Jahr.

Selbsthilfegruppen sind keine statischen Gebilde, sondern sie verändern sich. Manche Menschen brauchen während einer bestimmten Phase im Leben, beispielsweise einer Trennungs- und Scheidungsphase, die Unterstützung durch Gleichbetroffene. Die Menschen lösen sich irgendwann, wenn es ihnen besser geht, aus dem Gruppenzusammenhalt, neue Betroffene stoßen hinzu. Bei chronischen Erkrankungen oder speziellen psychosozialen Themen sind die Gruppen für die Betroffenen jedoch oftmals ein lebensbegleitender, stabilisierender Faktor.

Kontakt: Gabi Gaumann, Koordinationsstelle für Selbsthilfegruppen der Diakonie in Südwestfalen. Tel.: 0271/5003-102 oder Heike Tönnes/Erika Heinbach, KISS in der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle des Kirchenkreises Siegen, Tel.: 0271/250 28-50.
kp

Text zum Bild: (Foto: Karlfried Petri)
Von links: Erika Heinbach, Heike Tönnes und Gabi Gaumann von den Selbsthilfekontaktstellen des Kirchenkreises Siegen und der Diakonie helfen Betroffenen, die geeignete Selbsthilfegruppe zu finden.

zurück zur Übersicht



Archiv:
2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003