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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Der Klimawandel hat uns schon erreicht
Landeskirchlicher Umweltausschuss tagte im Forsthaus Hohenroth

Landeskirchlicher Umweltausschuss über Kyrillschäden informeirt
04.10.2007 15:52
Wie und vor allem womit können die enormen Schadensflächen, die Kyrill im Siegerland und Wittgenstein hinterlassen hat, wieder klimaverträglich aufgeforstet werden? Von dieser Fragestellung ausgehend ließ sich kürzlich der Landeskirchliche Umweltausschuss der Evangelische Kirchen von Westfalen von sachkundiger Seite im Siegerland unterrichten.
Die Tagung begann mit einer Exkursion in die Wälder des Siegerlandes. Unter fachkundiger Führung von Forstdirektor Diethard Altrogge vom Forstamt Siegen-Wittgenstein erfuhren die aus vielen Teilen Westfalens stammenden Ausschussmitglieder und die Gäste aus den Kirchenkreisen Siegen und Wittgenstein etwas über die Bedeutung des Waldes und sahen die verheerenden Schäden, die der Sturm Kyrill zu Beginn des Jahres verursacht hat.
Die Exkursionsteilnehmer lernten ein besonderes Schätzchen von Altrogge kennen, den „Seelenpfad“. „Wer im Wald innere Ruhe sucht, der ist hier richtig“, so der Forstbeamte überzeugend. Von den 6000 ha Staatsforst wird eine Fläche von 60 ha nicht bewirtschaftet. Durch diese Fläche windet sich inmitten zauberhafter Waldstrukturen der 3 km lange Seelenpfad, den man am besten schweigend beschreitet. Entlang des Pfades, der auch durch das Quellgebiet der Eder führt, sind Holztäfelchen an Bäumen befestigt, die tiefsinnige Erkenntnisse über den Wald von Dichtern, Philosophen und Theologen vermitteln. „Wenn man in den Wald eintritt, so ist es, als träte man in das Innere einer Seele“ (Paul Claudel).

Im Forsthaus Hohenroth erfuhr der Umweltausschuss unter dem Vorsitz von Sigrid Beer, MdL und kirchenpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion der Grünen, dass es in NRW und besonders in Ostwestfalen in den letzten Jahrzehnten nasser und wärmer geworden ist mit Auswirkungen für die Wald- und Forstwirtschaft. Auch im Siegerland müssen sich die Menschen auf extremere Klimaereignisse einstellen. Deutlich formulierte es Oberforstrat Klaus Münker vom Forstamt Siegen-Wittgenstein: „Nichts ist mehr so wie es seit hunderten von Jahren war.“ Über 1000 Jahre bestanden konstante Temperaturen mit lediglich geringen Ausschlägen in der nördlichen Hemisphäre. Seit 1900 geht die Kurve steil nach oben. 0,8 Grad misst der mittlere Temperaturanstieg. Waren es früher noch 160 Frosttage im Jahr, sind es heute nur noch rd. 70. Im vergangenen Jahr habe im Hochsauerland kaum zwei Tage eine geschlossene Schneedecke bestanden. Hinzu kommt ein deutlich nasseres Klima. Dies alles hat Folgen.
Die Buchenstämme sind über das erwünschte Maß hinaus mit dem Zunderschwamm, einer Baumpilzart, befallen und sterben vermehrt ab. Durch die geringere Anzahl der Frosttage hat der Pilz stärkere Schädigungsmöglichkeiten. Durch das trockene Frühjahr ist der Befall durch den Borkenkäfer angestiegen. Während der kleine Kupferstecher eher die jüngeren Bestände befällt, schädigt der Buchdrucker den unteren Teil von Fichten.
Im Kreis Siegen-Wittgenstein steht 78.000 ha Waldfläche. Etwa 7.000 ha mit 1,7 Mio. Kubikmeter Holz hat der Sturm Kyrill umgeworfen. Die wirtschaftlichen Schäden sind enorm. Der Nettoerlös pro Kubikmeter Holz fiel von 60 Euro auf 25 Euro. Wie sollen die Flächen unter Berücksichtigung der veränderten Standortbedingungen wieder aufgeforstet werden? Münker: „Unsere Erkenntnisse auf die veränderten Standortbedingungen im Wald sind nur bruchstückhaft. Bei Windgeschwindigkeiten von 200 km/h fallen auch die ansonsten standhaften Buchen.“
Die Anforderungen an eine Wiederbewaldung nach Kyrill seien extrem hoch, machte Oberforstrat Manfred Gertz deutlich. So müssen beispielsweise die Baumarten eine hohe Toleranz hinsichtlich der zu erwartenden Klimaveränderungen mit all den daran hängenden Folgen aufweisen, Stabilität und Vitalität sind gefordert, standortgerechte Baumarten müssen ausgewählt werden und das Nutzholz soll möglichst vielfältig verwertbar sein. Um Erfahrungswerte zu sammeln, hat das Forstamt Siegen-Wittgenstein im Staatswald Fellinghausen für NRW ein Pilotprojekt zur Wiederbewaldung begonnen. Deutlich wurde bereits, dass man nur eine Teilfläche aufforsten muss. Auf anderen Flächen wächst es schon durch natürliche Vermehrung. Gepflanzt werden trockenheitsrelevante Baumarten wie Alpe, Erle oder Lärche, wärmeliebende Baumarten wie die Traubeneiche, die Hainbuche, die Roteiche oder der Ahorn. Aber auch fremdländische Baumarten wie die Douglasie oder die Küstentanne werden angepflanzt. Insgesamt wird das Baumartenspektrum erweitert, Nadelholzreinbestände werden vermieden und die Anpflanzung von Mischwald wird gefördert. Bereits 1880 habe man gewusst, dass das Rätsel der forstlichen Produktion in der Harmonie aller im Wald wirkenden Kräfte liegt (Gayer 1880).
In der lebhaften Fachdiskussion wurde deutlich, dass die privaten Waldbauern es sich nicht leisten können, mit der Waldbewirtschaftung kein Geld zu verdienen. Deutlich wurde aber auch, dass im Zuge der Globalisierung die heimische Waldwirtschaft kein sicheres Einkommen mehr garantiert. Importiertes Holz aus beispielsweise Neuseeland ist trotz der Transportkosten deutlich kostengünstiger als Holz aus eigenen Beständen. Als Optionen sollen nicht nur in der Pflanzungsart gesehen werden, sondern auch in der grundsätzlichen Nutzungsart der Flächen. Im Ausschuss konnte das Thema in der Kürze der Zeit nur angerissen werden. Deutlich wurde allerdings, dass Zieldefinitionen für künftige Waldwirtschaft fehlen. Es ist heute nicht bekannt, was künftig tragfähig sein wird.
kp

Text zum Bild: (Fotos Karlfried Petri)
Über den Seelenpfad erkundete der Landeskirchliche Umweltausschuss unter sachkundiger Führung von Forstdirektor Diethard Altrogge ein naturbelassenes Waldgebiet im Siegerland. Die Exkursion führte auch entlang großer von Kyrill verwüsteter Waldflächen.

Weitere Informationen über das Forsthaus Hohenroth, das Waldinformationszentrum und Wandermöglichkeiten sind zu finden unter: www.waldland-hohenroth.de

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