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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Du bist mein Gott, den ich suche
Mit den Psalmen im Alltag der Kirche leben

KMD Ulrich Stötzel und Prof. Dr. Thomas Naumann
25.10.2007 13:02

Was für einen reichen Schatz die Psalmen der Bibel bieten, erfuhren jetzt die Teilnehmenden der Reformierten Konferenz in der Friedenskirche in Kreuztal-Fellinghausen. Der Trägerkreis der Reformierten Konferenz Südwestfalen hatte zu der Tagung eingeladen, bei der Theorie und Praxis gleichermaßen ihren Raum hatten. Prof. Dr. Thomas Naumann, Alttestamentler an der Universität Siegen, und Kirchenmusikdirektor Ulrich Stötzel, Kantor des Kirchenkreises Siegen, hatten sich zusammengetan, um die biblischen Psalmen und die damit in der reformierten Tradition verbundenen Psalmgesänge lebendig werden zu lassen im Hören und im Singen. Der in Siegen bekannte Prof. Ingo Baldermann, Fachmann für die biblischen Psalmen, hat sie als ein Haus bezeichnet, das zum Wohnen einlädt. Diese Einladung überbrachten Naumann und Stötzel gleichermaßen.
Welchen Lebensbezug die Psalmen haben können, hat Rainer Maria Rilke für sich entdeckt: „Ich habe die Nacht einsam hingebracht und ich habe schließlich die Psalmen gelesen, eines der wenigen Bücher, in denen man sich restlos unterbringt, mag man noch so zerstreut und ungeordnet und angefochten sein.“

Die Psalmen, so Naumann, sind das Gebetbuch Israels. Sie werden im Gottesdienst und in Familien gebetet. Als Gebete der jüdischen Menschen in der Nachfolge Jesu wurden die Psalmen auch Gebete der christlichen Tradition. Man findet sie als Anhang der Einzelausgaben des Neuen Testaments ebenso wie im Evangelischen Gesangbuch, das auch als Gebets- und Andachtsbuch dient. Die Psalmen lohnen so gelesen zu werden, dass sie ins Herz dringen. Sie sind keine theologische Lehre oder amtliche Verlautbarung, sondern spiegeln persönliche, lebendige und vielgestaltige Lebenserfahrung. Sie sind ein einziger großer Lobpreis des Gottes Israels. Über die Sprache der Psalmen, von ihrer Lyrik voller Metapher und Symbole, von dem Sinn hinter dem Sinn und der vieldeutigen Uneindeutigkeit erzählte der Theologieprofessor beispielhaft. Durch ihre sprachliche Offenheit, also nicht auf ein konkretes Ereignis zugespitzt, lassen sie sich in unsere Lebenswelt ziehen.
In den 150 Psalmen kommt die Sprache der Angst und der Gewalterfahrung ebenso zur Geltung wie die Sprache der Dankbarkeit und des Vertrauens auf erfahrene Gottesnähe sowie die Sprache der Freude, des Lobes und der Anbetung.
Prof. Naumann drückte sich nicht vor den schweren, dunklen Teilen der Psalmen, den Feindklagen und Rachegedanken. Sie erscheinen uns fremd, ekelhaft und als Zumutung. Im Gesangbuch sind diese Stellen weggelassen. Rachsucht bewirkt nichts Gutes. Was haben also solche Gedanken in unseren Gebeten zu suchen? Solche Vergeltungswünsche muss man nicht teilen, aber man kann versuchen, sie zu verstehen, so der Theologieprofessor. Hier gehe es um die Lebensangst der Beter, es gehe um Leben und Tod. Der Wunsch nach eigener Lebensenergie drücke sich in diesen Stellen aus. Es seien die Schrei der Opfer von Gewalt und Ungerechtigkeit. Wer selbst Gewalt in seinem Leben erfahren habe, könne sich in dieses Denken einfinden.Auch einen praktischen Tipp hat Prof. Naumann parat. Er empfiehlt den Zuhörenden den Tag am Morgen mit Einkehr, Andacht und Besinnung zu beginnen, sich morgens mit dem eigenen Leben in die Arme Gottes zu werfen und so in Gott geborgen in den Tag zu gehen.

Kirchenmusikdirektor Ulrich Stötzel zog die Theorie in die Praxis. A capella wurden Psalmen aus dem Evangelischen Gesangbuch ebenso gesungen wie mit Klavier- oder Orgelbegleitung. Darunter nicht nur Texte aus dem für die reformierte Tradition typischen Genfer Psalter aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, sondern auch neuere Texte und Melodien. Sogar eine für die reformierte Tradition fremd anmutende Antiphon, ein Wechselgesang, wie er in Klöstern gepflegt wird, übte Stötzel. Der versierte Musiker wusste in humorvoller Art zu den Tonsätzen die nötigen Hinweise zum Verständnis zu geben. Die Psalmlieder, so erfuhren die Gemeindeglieder, Presbyter und Pfarrer, wurden zur Zeit der Reformation einstimmig gesungen und zunächst nicht auf der Orgel, sondern auf Blasinstrumenten begleitet.

Der Beifall der Konferenzteilnehmenden aus den Kirchengemeinden machte deutlich, dass Referent und Kantor die Zuhörenden erreicht hatten.
kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)


Prof. Dr. Thomas Naumann (rechts) bot eine Fülle hilfreicher und interessanter Informationen zu den Psalmen. KMD Ulrich Stötzel (links) übte ausgewählte Psalmgesänge ein.



Psalmen und Psalmgesänge in Theorie und Praxis waren das Thema der Reformierten Konferenz Südwestfalen in dr Friedenskirche in Kreuztal Fellinghausen.


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