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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

12 Strophen nach 25 Melodien
Ein Lebenslied auf verschiedenen Melodien am Reformationstag

Generalsuperintendent i.R. Dr. Rolf Wischnath, Gütersloh
14.11.2007 16:21
Das Psalmwort „Befiel dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn; er wird’s wohl machen“ ist vielen Menschen bekannt. Dazu hat nicht unerheblich der berlin-brandenburgische Pfarrer Paul Gerhardt beigetragen, der einen der wichtigsten Choräle des Protestantismus „Befiel du deine Wege“ dichtete. In diesem Jahr wird an den 400. Geburtstag des Dichters von 139 heute bekannten Liedtexten gedacht.
Generalsuperintend i.R. Dr. Rolf Wischnath, Gütersloh, legte seinem Reformationsvortrag in der Siegener Martinikirche am vergangenen Mittwoch eben dieses bekannte Paul-Gerhardt-Lied zugrunde. In diesem Lied, so Wischnath, ist jedes einzelne der dreizehn Wörter dieses Verses 5 aus Psalm 37 je an den Anfang von 12 Strophen gestellt. Viele ältere Gemeindeglieder mussten dieses Lied im Konfirmandenunterricht ganz auswendig lernen. Die Besucher des Reformationsvortrages erfuhren, dass dieses Lied nicht nur nach der im Evangelischen Gesangbuch zugeordneten und abgedruckten Melodie von Bartholomäus Gesius gesungen werden kann, sondern, dass das Versmaß der Strophen auch auf andere überwiegend bekannte Melodien innerhalb und außerhalb des Gesangbuches passt. 25 Melodien hat Wischnath bislang zusammengetragen. Die gängige Melodie sei verhalten und ernst, nicht übermäßig fröhlich. Sie spiegelt sozusagen die oft mühsamen alltäglichen Situationen wieder. Dem Herrn im Alltäglichen und Mühsamen die Wege zu befehlen, bedeute ein gehöriges Stück Arbeit. Dies machte er am Leben Paul Gerhardts deutlich, der dies in reicher und bitter Weise erfahren hat. Sein Leben lag im Schatten der wohl furchtbarsten innerdeutschen Katastrophe, dem dreißigjährigen Krieg. In Berlin griet er 1657 in die konfessionellen Streitigkeiten seiner Zeit. Weil er unbeugsam in seinen lutherischen Überzeugungen war und die Reformierten ihm regelrecht zuwider waren, musste er auf Geheiß des Großen Kurfürsten, der reformiert war und somit anders dachte als Paul Gerhardt, sein Berliner Amt räumen. Aber auch im Privaten traf es Paul Gerhardt hart. Kurz vor dem beruflichen Aus starb seine Frau. Von den fünf Kindern musste er vier zu Grabe tragen. Er hat ein schweres, konflikt- und entbehrungsreiches Leben gelebt. Anhand des Kirchenjahres hatte Wischnath nun Lieder ausgesucht, deren Melodien auf die Strophen des Liedes „Befiehl du deine Wege“ passten. Adventlich wurde es bei der Melodie „Wie soll ich dich empfangen“. Wischnath: Unser Leben sind „Jahre auf den Herrn Jesus Christus zu. Und wir dürfen gewiss sein: Wir warten nicht vergeblich. Er wird einmal kommen: zu seiner Zeit! Und das wird dann das schlechterdings Entscheidende sein, auf das hin wir unsere Jahre zu zählen haben. Das allein wird wirklich zählen.“ In der Passionsmelodie „O Haupt voll Blut und Wunden“ sangen die Menschen in der Martinikirche die Strophe „Weg hast du allerwegen“ und anschließend die nächste Strophe im österlichen „Auf, auf mein Herz mit Freuden“. Das Paul-Gerhardt Lied lässt sich sogar auf den Gassenhauer „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten, nach Pankow war sein Ziel“ singen. Dies ließ der Theologe dann aber doch nicht ausprobieren. Das könnte einigen zu weit gehen – in der Kirche. Das könnte Streit geben. Für den eloquenten Redner ein eleganter Übergang zum Streit in der Kirche und den heftigen, notwendigen Streit, der durch Luthers Thesenanschlag zur Reformation führte. Blieb noch übrig, auf eine Abschiedsmelodie hinzuweisen, wenn einmal völlig Zeit und Atem ausgehen und das menschlich gesehen endgültige Ende in Sichtweite kommt. Eine Melodie für das Ende des Kirchenjahres. Die Strophe „Mach End, o Herr, mach Ende“ sang die Gemeinde nach der Melodie „Valet will ich dir geben“. Valet, der alte lateinische Abschiedsgruß, der den Zurückbleibenden Kraft, Stärke, Gesundheit und Wohlergehen wünscht. Beendet wurde die Melodienreise durch das Kirchenjahr mit der Melodie eines Liedes, das mitten im dreißigjährigen Krieg gedichtet wurde: „Nun jauchzet all ihr Frommen, zu dieser Gnadenzeit, weil unser Heil ist kommen, der Herr der Herrlichkeit.“ Die erste Strophe des Paul-Gerhardt-Liedes erklang in dieser adventlichen Melodie in der alterwürdigen Siegener Martinikirche: „Er wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann“.

Dr. Rolf Wischnath ist in den Siegener Gemeinden kein Unbekannter. Er arbeitete an der Universität Siegen als Assistent am Lehrstuhl von Prof. Dr. Ingo Baldermann.
Wischnath war von 1995 bis 2004 als Generalsuperintendent für die Leitung des Kirchensprengels Cottbus zuständig und damit Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Kirchenleitung. Er gilt, so Pfr. Raimar Leng, der den Reformationsgottesdienst leitete, als pointierter Redner der klaren Bibelauslegung.

KMD Ulrich Stötzel begleitete den gemeinsamen Gesang auf der Orgel. Ein Ensemble des Bach-Chores Siegen unter der Leitung von Ulrich Stötzel bereicherte die Reformationsveranstaltung mit zwei Liedbeiträgen.
kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Generalsuperintendent i.R. Dr. Rolf Wischnath nahm die Menschen in der Siegener Martinikirche anhand des bekannten Liedes von Paul Gerhardt „Befiehl du deine Wege“ mit auf einen melodienreichen, besinnlichen und interessanten Streifzug durch das Kirchenjahr.

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