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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Selbst- und Beziehungskompetenz ausbauen
Südwestfälischer Pädagogischer Tag bot kompetente Fortbildung

Dr. Reinhold Miller
14.11.2007 16:41
Ein guter Lehrer muss mehr können als Wissen vermitteln. Selbstkompetenz und Beziehungskompetenz sind im Schulalltag unerlässlich, sonst hält womöglich die eigene Psyche das Schulleben nicht aus und das Miteinander bleibt auf der Strecke. Wie Selbstkompetenz gestärkt und Beziehungskompetenz ausgebaut werden kann und worauf dabei zu achten ist, erfuhren jetzt 140 Lehrerinnen und Lehrer aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein im evangelischen Gymnasium in Weidenau. Das Schulreferat des Kirchenkreises Siegen hatte zum 12. Südwestfälischen Pädagogischen Tag eingeladen.

In einer Mischung von Vortrag, Rollenspiel, praktischen Impulsen und konkreten Beispielen aus dem Schulalltag brachte Dr. Reinhold Miller humorvoll, unterhaltsam, provozierend und pädagogisch-kompetent den ganz normalen Schulalltag in die Arche des evangelischen Gymnasiums. Miller, der Philosophie, Theologie, Pädagogik und Psychologie studierte, war selbst 15 Jahre lang Lehrer an einer Grund- und Hauptschule in Baden-Württemberg, bevor von 1989 bis zu seinem Ruhestand im Jahre 2006 die Lehrerfortbildung sein Berufsleben ausfüllte. Zudem war er als Schulberater, Publizist, Kommunikationstrainer, Supervisor und Coach tätig.

Ein Schüler hatte ihn als jungen und unerfahrenen Lehrer angelogen, worauf er diesen ohrfeigte, was in ihm als Pädagogen wiederum Verzweiflung, Scham und Wut auslöste. Damals, so Miller, habe er sich ernsthaft vorgenommen: Wenn das noch einmal passiert, kündige ich den Schuldienst. Er hatte doch Theologie und Pädagogik studiert. Wie konnte er sich so verhalten? Wie konnte man ihn als Lehrer anlügen? Er habe sich ohnmächtig gefühlt. Seit diesem Erlebnis vor 35 Jahren seien Macht und Ohnmacht eines seiner Themen geworden.
Seine damalige Reaktion sei eine Affekthandlung gewesen aus einem unkontrollierten Gefühl heraus. Miller erläutert den Pädagogen, was es bedeutet, nicht im Affekt zu handeln, sondern spontan, aus echten Empfindungen heraus. In verschiedenen Rollenspielen mit Tagungsteilnehmenden zeigt er anhand einiger Begebenheiten aus dem Schulalltag, wie zwischen Lehrern, Schülern und Eltern mit Erwartungen, Selbstansprüchen, Ärger und Kränkungen umgegangen werden kann und wie Grenzen zu setzen sind.
„Und wieder habe ich es nicht geschafft, dass ich alle meine Schüler durch das Abitur gebracht habe“, zitiert er einen Lehrer, der sich dieses „Versagen“ zuschrieb. In einer solchen Situation musste der Berater deutlich aufzeigen, dass ein Lehrer nicht die Verfügung hat, dass der Schüler etwas schafft. In einem anderen Fall erwartete ein Vater von einem Lehrer, dass dieser es schafft, dass das Kind das Klassenziel erreicht. Miller: „Ein Lehrer ist nicht dazu da, solche Erwartungen zu erfüllen.“ Er habe im Schuldienst festgestellt, dass Lehrer nicht selten glaubten, etwas für andere schaffen zu müssen. „Ich bin immer abhängig,“ so Miller, „wenn ich meinen Ärger am anderen festmache und es kränkt immer dann, wenn Ärger sich verstärkt.“

Wie Verstehensprozesse funktionieren und wie man in Auseinandersetzungen gemeinsame Berührungspunkte finden kann, erfuhren die Pädagogen ebenso das Hinterfragen von Sympathien und Antipathie. Gefühle sind der Motor unserer Handlungen. Man kann die Gründe für antipathisches Empfinden zu verstehen suchen und damit umgehen lernen. Lehrer sind nicht selten auch Kritik, Vorwürfen und Beschimpfungen ausgesetzt. Miller: „Ich bestimme wer mich beleidigt und ich bestimme was ich höre.“ Hinter mancher Kritik, hinter manchem Vorwurf und hinter manchen Beschimpfungen seien Probleme und Not verborgen.
Die Botschaft von Dr. Reinhold Miller, die fast als selbstverständlich geltende Fachkompetenz um die Selbst- und Beziehungskompetenz zu erweitern, war überdeutlich. Dass der Referent die Pädagoginnen und Pädagogen mit seinem Vortrag erreicht hat, zeigte der langanhaltende Applaus zum Schluss. kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Dr. Reinhold Miller zeigte in einer Fortbildungsveranstaltung des Kirchenkreises Siegen für Lehrerinnen und Lehrer auf, welche Kompetenzen Pädagogen für ihren Schulalltag brauchen.

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