Bookmark and Share

Kontakt    

Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

OKR Dr. Thorsten Latzel in Bad Laasphe
Heute Entscheidungen treffen für die missionarische Kirche von morgen

Oberkirchenrat Dr. Thorsten Latzel
19.03.2008 15:36
Selbst Orkantief „Emma“ konnte etliche Gemeindeglieder aus den Kirchenkreisen Siegen und Wittgenstein nicht davon abhalten, an der Reformierten Konferenz Südwestfalen im evangelischen Gemeindehaus Bad Laasphe teilzunehmen. „Missionarische Gemeinde – heute! Chancen und Aufgaben im Wandel kirchlicher Wirklichkeit“ lautete das Thema, das dem Referenten OKR Dr. Thorsten Latzel, EKD Hannover und gebürtiger Wittgensteiner, gestellt war.
Dass die beiden großen Volkskirchen zu Beginn des dritten Jahrtausends besonderen Herausforderungen gegenüber stehen, ist kein Geheimnis. Demographie, Überalterung der Gesellschaft und zurück gehende Kirchenbindung machen der evangelischen Kirche noch etwas mehr zu schaffen als der katholischen Kirche. Jedes Jahr verliert die evangelische Kirche 285.000 Menschen. Also fast genau so viele, wie die Einwohnerzahl des Kreises Siegen-Wittgenstein. „Die Menschen in unserem Land entdecken neu die Religion – und – die Kirchenmitglieder werden weniger, älter und sozial begrenzter“, skizziert der Referent die Wirklichkeit.
Der Rückgang der Kirchenmitglieder ist zu zwei Drittel bedingt durch demographische Entwicklung. Die Volkskirche ist überaltert. Jede zweite Amtshandlung ist heute eine Trauerfeier. Hinzu kommen die nicht gering zu achtenden Kirchenaustritte, die zumeist in Wellenbewegungen erfolgen, wie beispielsweise Ende der 60er Jahre und nach der Wiedervereinigung. Dem gegenüber treten etwa 65.000 Menschen jährlich in die evangelische Kirche ein oder wieder ein.
Kirchenmitgliedschaft wird heute nicht mehr sozial vererbt, sondern im Laufe eines Lebens zu einer bewussten Entscheidung. Kirchenaustritte sind heute kein Tabu-Thema mehr, weiß der Oberkirchenrat aus Hannover. Latzel: „Meines Erachtens befinden wir uns gegenwärtig in einer Art „Schlüssel-Zeit“, in der sich entscheidet, ob sich die Kirchenaustritte zu dauerhafter Konfessionslosigkeit verfestigen und so im negativen Sinne sozial weiter gegeben werden – oder ob es gelingt, Menschen neu einen Weg zu ihrer Kirche zu eröffnen“. Wenn man davon ausgehe, dass die beiden großen Austrittswellen in den vergangenen 35 Jahren entstanden seien, so hätten diese geschätzten 5 Millionen Menschen noch einen lebensbiographischen Bezug zur Kirche durch Taufe, Konfirmation oder kirchliche Trauung. Diese Menschen böten ein Wachstumspotential, wenn es gelänge, ihnen einen neuen Zugang zur Kirche zu eröffnen, bevor sich die Konfessionslosigkeit verfestigt habe.
Deutlich machte der Pfarrer, dass die evangelische Kirche in einem Bildungsdilemma stecke. Die Kirche sei auf Bildung angewiesen, die Gebildeten kehrten ihr aber den Rücken. Dies habe unlängst die vierte Kirchenmitgliedschaftsstudie der EKD gezeigt. Um die Einstellungen der Kirchenmitglieder besser begreifen zu können, erhebt die EKD im Abstand von 10 Jahren jeweils sehr eingehend das, was die Menschen innerhalb wie außerhalb über Kirche, Glaube und Gott denken. Herausgebildet wurden sechs Typen von Lebensstilen, die unterschiedlich in die Kirche eingebunden sind: hochkulturell, einfach-bürgerlich, jugendkulturell, liberal-urban, praktisch-gesellig und gering gesellschaftlich integriert. Am stärksten ausgeprägt ist eine Austrittsneigung bei den jugendkulturell ausgerichteten jungen Menschen. Latzels Fazit anhand der Untersuchungsergebnisse: Bestimmte Milieus und Lebensstile haben schon jetzt fast keinen Raum mehr in der Kirche. Ihnen sollte sich die Kirche besonders zuwenden.
Anhand von Leitthesen zeigte der Referent auf, vor welchen Herausforderungen gegenwärtig missionarische Arbeit auf Gemeindeebene steht. Alle diese Thesen setzen ein Vertrauen voraus, dass das Leben, Reden und Tun der Kirche, sich gründet auf Gottes Geist, der die Gemeinde Jesus Christi beruft, sammelt, begabt und bis an das Ende der Zeiten erhält. Dies entbinde die Gemeinden jedoch nicht davon, die Einladung zum Glauben und zur Teilnahme am Leben der Kirche zu fördern und zu entfalten. In diesem Vertrauen, so Latzel, müssten heute die Menschen in jeweiligen sozialen Milieus offen wahrgenommen werden. Es gelte, das Evangelium einladend zu bezeugen und biblische Texte sowie kirchliche Traditionen verstärkt im Horizont der Gegenwart und auf klar verständliche Weise neu zu vermitteln. Die „Sprachfähigkeit des Glaubens“, die von der Hoffnung des eigenen Lebens zu erzählen wisse, müsse gefördert werden. Zu den überzeugendsten Botschaften des Evangeliums gehöre das Leben der Glaubenden und der Gemeinde, geprägt vom befreiten, glaubwürdigen Umgang mit eigenen Stärken und Schwächen sowie der unbedingten Annahme Gottes. Dem Gottesdienst komme für den Zuspruch des Evangeliums eine besondere Bedeutung zu. In den Amtshandlungen erführen Menschen in „Schlüsselzeiten“ ihres Lebens kirchliche Begleitung. Die Mitarbeitenden gehörten zu dem größten Schatz, den die Gemeinden besäßen. Sie würden künftig noch stärker an der Vermittlung des christlichen Glaubens beteiligt sein. Dafür bedürfe es jedoch einer Kultur der Anerkennung, Wertschätzung und Förderung.
Zum Schluss gab Thorsten Latzel einige konkrete Hinweise zu verändertem kirchlichen Handeln. Häufig orientiere man sich in der Kirche an der „gefühlten Situation“ und damit an der Binnensicht derjenigen Menschen, die die so genannte Kerngemeinde bildeten. Hier gelte es einen Perspektivenwechsel zu vollziehen und Kirche einmal aus der Sicht der 90 Prozent der Kirchenmitglieder zu sehen, die nicht in der Kerngemeinde auftauchen. Ein Pfarrer habe das bei einer Visitation einmal so ausgedrückt: Ich arbeite in einer Stadt mit 10.000 Einwohnern, 3000 gehören davon der evangelischen Kirche an, ca. 150 Menschen tauchen davon im engeren Kreis der Gemeinde auf, und 10 Menschen legen dann ausgerichtet an den 150 Menschen fest, was die Ziele sind. Aber eigentlich müssten wir doch auf die 10.000 zielen. Latzel: „Wer die eigene Wahrnehmung verändert und über die Ziele der eigenen Arbeit klar wird, der steht damit dann irgendwann vor der Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen darüber, was wir als Kirche tun wollen - und ebenso wichtig: was wir als Kirche zukünftig lassen wollen. Dabei gilt es zu fragen, wie Sie sich in 20, 30 Jahren die Kirche unter den veränderten Rahmenbedingungen wünschen und vorstellen. Und was müssen Sie heute tun, um in Zukunft so oder noch besser dazustehen?“ kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Dr. Thorsten Latzel zeigte in Bad Laasphe auf, was es heute heißen kann, missionarisch Kirche zu sein.

zurück zur Übersicht



Archiv:
2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003