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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Ökologie, Theologie und Ökonomie
Naturnahe Waldwirtschaft bereichert das Leben

Im Bild von links: Alfred Becker, Kurt Görzel, Martin Sorg und Siegfried Hein
23.07.2008 13:54

„Vor einigen Jahren haben wir im Presbyterium der Kirchengemeinde Kreuztal beschlossen, bei der Bewirtschaftung des Kirchwaldes der Bewahrung der Schöpfung einen höheren Stellenwert einzuräumen, als der Gewinnmaximierung.“ Neben mir steht Forstamtmann a.D. Kurt Görzel, seinerzeit Presbyteriumsmitglied der Kirchengemeinde Kreuztal und ehemals als Förster zuständig für das Revier Kindelsberg, jetzt Beauftragter der Kirchengemeinde für den Kirchwald. Gemeinsam mit seinem Nachfolger im Amt, Forstoberinspektor Martin Sorg, Siegfried Hein, Naturliebhaber und Mitglied des Arbeitskreises Waldwirtschaft der Kirchengemeinde Kreuztal, und Forstdirektor a.D. Alfred Becker, ehemaliger Forstamtsleiter des Forstamtes Siegen, besichtigen wir die naturnahe Waldwirtschaft der Kirchengemeinde Kreuztal. Wir befinden uns im Ernsdorfer Bruch, einer Waldfläche am Fuße des Kindelsbergs. Hier gehören der Kirchengemeinde Kreuztal 3,5 ha Wald. Von alters her haben die Kirchengemeinden im Siegerland Waldbesitz. Der Wald war Brennholzlieferant für die Kirchen und Schulen, die vormals mit Holz geheizt wurden. Der Kirchwald wurde nicht in den Haubergswald eingegliedert und konnte sich daher zum Hochwald entwickeln. Von den 1.440 ha Waldbesitz in der Evangelischen Kirche von Westfalen fallen 315 ha, 22%, auf den Kirchenkreis Siegen.

Im Januar 1993 entschloss sich die Kirchengemeinde Kreuztal, in ihren Waldparzellen eine naturnahe Waldwirtschaft zu betreiben. Naturnah, dass heißt mit der Natur unter Einbeziehung ihrer Kräfte und Wirkungen. Zur Orientierung dienen die natürlichen Abläufe im Wald. Störungen des Wald-Ökosystems werden weitgehend vermieden.

Naturnahe Waldwirtschaft hat viele Gründe. Einer davon ist der Artenschutz. Auf einer Lichtung von etwa 1.500m² wird das deutlich. Hier wachsen etwa 100 verschiedene Pflanzen. Sie gedeihen so gut, weil das Sonnenlicht den Waldboden erreicht. Die Artenvielfalt ist augenscheinlich: Eibe, Fichte, Lärche, Eiche, Eberesche, Stechpalme, Erle, Esskastanie, Wildkirsche und vieles mehr wächst bunt durcheinander heran. Inmitten von großen Stämmen, die sich bereits an die 100 Jahre an ihrem Standort behaupten. Die heranwachsenden Bäume wurden nur zum Teil gepflanzt. Der Wind, Vögel oder Eichhörnchen haben den Baumsamen vieler zusätzlicher Arten verbreitet. Teurer Ankauf von Pflanzen und das aufwändige Pflanzen von Menschenhand ist bei einer naturnahen Waldbewirtschaftung nicht immer erforderlich.

An anderen Stellen stehen die jungen Pflanzen sehr dicht. Das ist so gewollt, erklärt Alfred Becker. Junge Bäume werden durch Dichtstand oder den Halbschatten älterer, höherer Bäume zu langsamerem und schlankerem Jugendwachstum und damit zur Bildung wertvolleren Holzes veranlasst. In einem Flyer hat die Kirchengemeinde ihre Waldwirtschaftsgrundsätze publiziert. Hier heißt es: „Der Halbschatten bewirkt die Feinästigkeit des Nachwuchses und führt durch natürliche Selektion zu kostenfreien oder zumindest kostengünstigeren Stammzahlverminderungen ohne aufwändige Pflegeeingriffe.“ Die Waldbesitzer wünschen sich feinastige Bäume, gerade gewachsen mit dickem Stamm. Das ist wertvolles Holz und kann beispielsweise in der Möbelindustrie für kostbare Furniere Verwendung finden. Bis es jedoch soweit ist, vergehen mitunter über 200 Jahre. In einem Mehrschichtenwald werden beispielsweise zuerst Eichen gepflanzt. Das sind langsam wachsende Bäume mit hartem Holz. Sie bekommen 60 bis 80 Jahre Vorsprung z.B. vor schneller wachsenden Buchen. Ohne die Zeitvorgabe würden die Buchen die Eichen verdrängen.

Der Ernsdorfer Bruch ist, wie alle anderen Brüche auch, ein nasser Standort. Bäume mit Neigung zu flachen Wurzeln, wie die Fichte, stehen hier sehr instabil. Stürme der vergangenen Jahre wie Kyrill oder Emma hatten mit diesen Bäumen leichtes Spiel und verursachten im Kreis Siegen-Wittgenstein große Wald- und Wirtschaftsschäden. Schäden sind auch im Kirchwald entstanden, sie fielen aber deutlich geringer aus als im umgebenden Wald, dank der standortgerechten Baumwahl und der Mehrschichtigkeit des Waldes.

So genanntes Totholz, also abgestorbene Bäume oder Baumteile, verbleibt im Wald. Es versorgt den Boden mit Humus und Nährstoffen und bietet vielen Tier- und Pflanzenarten, vor allem den Pilzen, Lebensraum. Ein natürlicher Kreislauf entsteht. Die intakte Lebensgemeinschaft sorgt für ein natürliches Gleichgewicht. Auf Biozide aller Art sowie auf den Einsatz von Düngemitteln kann weitestgehend verzichtet werden.
Welche Bäume gepflanzt werden, hängt nicht zuletzt vom Boden ab. Aber auch andere Überlegungen spielen eine nicht unwichtige Rolle. Martin Sorg: „Wir produzieren heute für den Markt in über 100 Jahren. Welches Holz dann gerade benötigt und von der Möbelindustrie nachgefragt wird, weiß niemand. Daher ist eine breite Palette von Bäumen Risiko minimierend.“ Hinzu kommt der prognostizierte Klimawandel. Schon heute wird bei Neupflanzungen darauf geachtet, welche Baumarten den sich verändernden Klimabedingungen und den damit einhergehenden möglichen Schädlingsveränderungen am ehesten gewachsen sind.

Schädlinge, wie die Borkenkäfer, machen Waldbesitzern und Förstern zu schaffen. Mischwald ist weniger anfällig für Schädlinge als Monokulturen, beispielsweise aus Fichten. Auch in diesem Jahr machen den Waldbesitzern der Buchdrucker und der Kupferstecher, zwei Borkenkäferarten, die die Fichten befallen, Sorge. „Wir haben mit einem hohen Potential holz- oder rindenbrütender Borkenkäfer zu rechnen“, weiß Revierförster Martin Sorg. „Es hängt nun von der Witterung ab, wie sich die Käfer entwickeln und welchen Schaden sie anrichten.“

Wie aufwändig eine Aufforstung ist, verdeutlichen Zahlen. Von 15.000 gesetzten Eichen pro ha bleiben nur etwa 100 nach etwa 150 Jahren übrig. Immer wieder wird der Bestand durchforstet. Dabei wird auf ein schonendes Entfernen der Bäume aus dem Wald geachtet, um keinen Schaden an den verbleibenden Bäumen oder am Boden zu verursachen. Große Maschinen, wie sie bei einem Kahlschlag eingesetzt werden, können nicht zum Zuge kommen. Vorbei sind allerdings auch die Zeiten, wo Pferde, so genannte Kaltblüter, im Wald die Rückearbeiten verrichteten. Das rechnet sich heute nicht mehr.

Verluste hat die Kreuztaler Kirchengemeinde in den Jahren ihrer naturnahen Waldwirtschaft nicht gemacht. „Mit etwa 5.000 Euro sind wir in den schwarzen Zahlen“, so Görzel. „Naturnaher Waldbau bringt nicht das schnelle Geld, gewährt jedoch eine höhere Sicherheit.“ Dass das Wirtschaftsergebnis so positiv ausfällt, liegt nicht zuletzt an den ehrenamtlich Mitarbeitenden wie Siegfried Hein, durch deren Einsatz teuer zu bezahlende Waldarbeit eingespart werden kann.

„Wir leben in einem System, in dem die Ökonomie einen Absolutheitsanspruch erhebt, der keine ethischen oder gar theologischen Erwägungen zulässt.“ Diesen Satz formulierte vor Jahrzehnten der schweizer Kapuzinermönch Anton Rotzetter. Die Kirchengemeinde Kreuztal hat sich bei ihrer Waldbewirtschaftung darauf festgelegt, der praktischen Theologie und der Ökologie einen höheren Stellenwert einzuräumen als der Ökonomie. Dafür hat die Kirchengemeinde in 2007 den Salzkornpreis der westfälischen Landeskirche erhalten. Mit dem Förderpreis würdigt die Evangelische Kirche von Westfalen seit 1994 jährlich Gruppen und Projekte, die sich ehrenamtlich in beispielhafter Weise für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetzen.

Das Kreuztaler Vorgehen macht mittlerweile Schule. Benachbarte Waldbesitzer sehen den Nutzen und die Erfolge der Kirchengemeinde – und orientieren sich daran.
kp

Fotos: Karlfried Petri

Foto oben
Nicht nur der Mischwald ist Kennzeichen einer naturnahen Waldbewirtschaftung. Die Bäume sind unterschiedlich alt und wachsen mehrschichtig. Hier wächst auf einer Lichtung ein Mischwald heran, der sich weitgehend selbst gesämt hat.Im Bild von links: Alfred Becker, Kurt Görzel, Martin Sorg und Siegfried Hein

Artenvielfalt ist ein Kennzeichen der naturnahen Waldwirtschaft.

 



Fingerhut entfaltet im Sonnenlicht seine rote Farbenpracht.



Anpflanzungen werden geschützt, damit das Wild sie nicht zerstört. Hier im Bild eine Rosskastanie. Sie war der Baum des Jahres 2005.



Ein Sturm hat die Fichte entwurzelt und umgeworfen. Deutlich ist auf dem Bild die Flachwurzel der Fichte zu sehen. Der nährstoffarme, oft flachgründige Boden um den Kindelsberg in Kreuztal ist nicht für alle Baumarten gleichermaßen gut geeignet.Im Bild: Oberförster Martin Sorg.



Totholz verbleibt im Wald. Es dient so manchem Lebewesen als Lebensraum. Zudem versorgte es den Boden mit Nährstoffen und Humus.Im Bild (von links): Siegfried Hein und Kurt Görzel.





Ein Hinweisschild mahnt zur Vorsicht bei der Begehung des Waldabschnittes.





Ein großes Exemplar einer Waldameise auf einer Borkenunterseite.


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