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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Und was kommt danach?
Evangelische Seelsorge hinter Gefängnismauern hilft Vergebung und Lebensperspektive zu finden

Seelsorge hinter Gefängnismauern
12.08.2008 15:49

Es ist Sonntagmorgen, 9.30 Uhr. Die Mauern sind dick, die Fenster vergittert in der Justizvollzugsanstalt Attendorn, Zweigstelle Siegen. Hier sind zurzeit etwa 60 Männer inhaftiert. 60 von rund 19.000 Menschen in Nordrhein-Westfalen. Ich drücke den Klingelknopf und sage wer ich bin. Der Türsummer signalisiert, dass ich eintreten kann. Pfarrer Lutz Greger erwartet mich schon. Er ist Anstaltspfarrer in Attendorn und Siegen. Seit 18 Jahren. Ein evangelischer Gottesdienst ist für 9.45 Uhr geplant. Ich darf daran teilnehmen, unter gewissen Auflagen fotografieren und berichten. Die Leitung der Justizvollzugsanstalt hat es genehmigt. Lutz Greger holt mich im Warteraum ab. Er hat Schlüsselgewalt. Wir gehen gemeinsam durch etliche verschlossene Gittertüren und erreichen einen kleinen alten Turnhallenraum. Dort ist alles schlicht aber liebevoll vorbereitet. Ein kleines Holzkreuz hängt an der kahlen Wand. Ein Abendmahlstisch mit Tischdecke steht an einer Längsseite des Raumes. Die Stühle sind im Kreis angeordnet. In der Mitte liegt ein kleines grünes Tuch, in das ein Kreuz und zwei Fische eingewebt sind. Darauf stehen eine Kerze auf einem hölzernen Kerzenhalter und eine aufgeschlagene Bibel auf einem Lesepult. Ein dickes Seil liegt im Rund auf dem Boden. Die Enden sind fest verknotet. Ich höre Schließgeräusche. Gefangene kommen herein. Lutz Greger hat sich zwischenzeitlich den Talar angezogen: „Der ist für mich eine Uniform in einer uniformierten Welt und weist mich aus als Beauftragter der evangelischen Kirche.“ Bis auf einen kennt er die 15 teilnehmenden Gefangenen mit Namen. Er heißt alle herzlich willkommen und stellt mich kurz vor als besonderen Gast in diesem Gefängnisgottesdienst. Die Atmosphäre ist freundlich und entspannt. Der Gottesdienst beginnt. Pfarrer Greger betont: „Wir feiern diesen Gottesdienst nicht im Namen des Volkes, sondern im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Mit dem Namen des Volkes haben die Gefangenen vor Gericht ihre unliebsamen Erfahrungen gemacht. Haben sie auch schon Erfahrungen gemacht mit dem Namen Gottes, frage ich mich? Es folgt eine Psalmlesung. Dann die Bitte, einmal aufzustehen und in das Innere des Seiles zu treten. Wir alle lassen uns erwartungsvoll auf das Geschehen ein. Das Seil wird hinter dem Rücken in Hüfthöhe angehoben. Der Pfarrer: „Jetzt gehen sie mal mit dem Gewicht in das Seil. Wenn Sie wollen, können Sie dabei die Augen schließen.“ „Das Seil trägt sie, weil alle sich einbringen. Jeder ist wichtig, damit eine ausgeglichene Balance besteht. Tragen und getragen werden.“ „Angenehm“, sagt ein Gefangener spontan. Tragen und getragen werden. Es ist schmerzlich, wenn jemand herausfällt. Das Ganze wird instabil. Für den Herausgefallenen ist ein Neuanfang möglich, betont Pfarrer Greger. In der Bibel steht, einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Tragen und getragen werden. „Gesetz“, ein belastetes Wort hinter Gefängnismauern. Das Gesetz Christi ist nicht das Gesetz im Namen des Volkes. Bei Jesus Christus gelten andere Regeln. Regeln, die aufhelfen. Vergebung und Neuanfang ist möglich. Aber wie kann so ein Neuanfang gelingen?



Ein evangelischer Gottesdienst in der Justizvollzugsanstalt in Siegen.

Nach dem Gottesdienst kann ich kurz mit den Gefangenen reden. Auf meine Frage, was ihnen für die Zeit nach ihrem Gefängnisaufenthalt wichtig ist, erfahre ich: Eine Arbeitsstelle, die Familie, Urlaub. Einer sagt: „Unterstützung, damit man alles hinter sich lassen kann.“ Unterstützung ist nötig. Die Menschen in der eigenen Familie und im Freundeskreis, die nach einer Haftentlassung zur Seite stehen, werden weniger. Der Freundeskreis wird immer enger. „Und was kommt danach, nach der Inhaftierung?“ Diese Frage zu beantworten, hilft die Gefangenenseelsorge. Und das sind in Siegen und Attendorn nicht nur die beiden evangelischen Pfarrer oder ihr katholischer Kollege. Schon während der Inhaftierung werden im offenen Vollzug in Attendorn Kontakte geknüpft zu beispielsweise diakonischen Einrichtungen, wie dem Amalie-Sieveking-Haus in Lüdenscheid oder dem Bodelschwingh-Haus in Siegen. Es finden interne und externe Gottesdienstbegegnungen mit den umliegenden Kirchengemeinden oder mit der Siegerländer Gefangenenmission statt. Hier erfahren die Gefangenen Wertschätzung, lernen christliche Gemeinden kennen.

Großen Wert legen Lutz Greger und sein evangelischer Kollege Thomas Hölzer auf die Begleitung von Paaren und Familien. Seit der Einrichtung und Besetzung der zweiten Pfarrstelle durch Pfarrer Hölzer kann sich Lutz Greger verstärkt dieser Arbeit widmen.
Soziale Isolation, geringes Einkommen, schlechte Wohnsituation und hohe Verschuldung kennzeichnen in der Regel die Lage von Strafgefangenen – und auch deren Angehörigen. Von der Inhaftierung besonders betroffen sind nicht nur die inhaftierten Ehemänner, Väter oder Lebenspartner, sondern auch deren Ehefrauen, Kinder oder Verwandte. Wie kann mit der Situation umgegangen werden. Wie können Beziehungen durchgehalten, aufgebaut oder verstärkt werden.

Regelmäßig werden in den Anstalten Gesprächskreise angeboten, die Kontakte herstellen zu Beratungsstellen und deren Hilfen auch für die Zeit nach der Entlassung. Die Kontaktgruppe ermöglicht eine Einzelbegleitung durch ehrenamtlich Mitarbeitende der Straffälligenhilfe mit Verschwiegenheit.

Die christliche Straffälligenhilfe hilft den Inhaftierten, ihre Situation zu bewältigen und nach der Inhaftierung eine Lebens- und Berufsperspektive zu entwickeln. Sie weiß sich von dem Vergebungsangebot Gottes getragen. Bei Gott ist jedes menschliche Leben wertgeschätzt, einmalig und kostbar. Diese Würde kann durch eigenes Verhalten nicht verloren gehen. Von daher gibt es kein menschliches Leben ohne Hoffnung.

Nach dem Gottesdienst bringt Pfr. Greger als erstes das Seil weg. Seine Verwendung im Gottesdienst bedurfte einer Sondergenehmigung. Es könnte als Ausbruchswerkzeug missbraucht werden. Dann notiert sich Pfr. Greger die Namen der Gefangenen, die ein Gespräch wünschen. Es ist Sonntag, auch in der Justizvollzugsanstalt.

Weitere Informationen: www.offenes-attendorn.dekp

Karlfried Petri



Der Geistliche hat Schlüsselgewalt und Verschwiegenheitspflicht. Er steht zwischen dem Justizsystem und den Gefangenen.



Freiheit muss man lernen

Bernd W. steht am Fenster und schaut nach draußen. Die Stäbe vor der Scheibe stören ihn nicht mehr, er hat sich mittlerweile an seine vergitterte Aussicht gewöhnt. Seit 18 Monaten sitzt Bernd im Gefängnis, sechs Monate liegen noch vor ihm. Sein kostspieliger Lebensstil hat den 26-jährigen ins Gefängnis gebracht – verurteilt wurde er wegen mehrfachen Betrugs. Bernd hält Ausschau nach Heike Dreisbach. Mit der Sozialarbeiterin der Diakonischen Wohnungslosenhilfe in Siegen hat er einen Gesprächstermin vereinbart. Gemeinsam wollen sie eine Strategie für seine ersten Wochen in Freiheit erarbeiten. Für Bernd steht das oberste Ziel ihrer Zusammenarbeit bereits fest: „Ich will auf keinen Fall wieder ein krummes Ding drehen, unter keinen Umständen noch einmal straffällig werden. Deshalb plane ich schon seit zwei Monaten die ersten Schritte nach dem Knast. Auf diese vernünftige Idee hat mich ein Schulungsangebot der Diakonie für Straffällige gebracht.“

Zusammen mit ihrer Kollegin Stefanie Schneider bietet Heike Dreisbach in der Justizvollzugsanstalt Siegen seit Frühjahr 2007 Kurse an, die auf das Leben in Freiheit vorbereiten sollen. Hieran können die Strafgefangenen freiwillig teilnehmen. An sieben Abenden werden typische Situationen nach der Entlassung bearbeitet. „Wichtig ist, dass jeder nach seiner Haft möglichst kurzfristig eine bezahlbare und geeignete Wohnung findet. Häufig werden potentielle Stolpersteine bei der Wohnungssuche unterschätzt oder aber die Chancen, bei Freunden vorübergehend unterzukommen, überschätzt“, beschreibt Heike Dreisbach eine Herausforderung der Inhaftierten. Ein Kursabend beschäftigte sich deshalb intensiv mit dem Thema Wohnungssuche. Zunächst machte sich jeder bewusst, welche Wohnsituation ihn nach der Entlassung erwartet. In Rollenspielen übten die Teilnehmer den Umgang mit Enttäuschungen, z.B. nach wiederholten Absagen, weil man nicht an einen Hartz-IV-Empfänger oder einen Haftentlassenen vermieten möchte. Zugleich trainierten sie, sich bei einer Wohnungsbesichtigung engagiert und positiv zu präsentieren. Kommunikationsübungen sind darum ein wichtiges Element dieses Themenabends.

Weitere Schwerpunkte des Kurses sind der verantwortliche Umgang mit Geld und vernünftiges Wirtschaften, der Aufbau neuer sozialer Kontakte, eine sinnvolle Freizeitgestaltung, Gesundheit oder Berufsausbildung und Arbeit. Das Thema Arbeit, so konnten die Diakonie-Mitarbeiterinnen feststellen, brannte den meisten Kursteilnehmern offensichtlich unter den Nägeln. An diesem Kursabend erstellten die Häftlinge zunächst eine Übersicht über die eigene Berufslaufbahn, mit ihren individuellen Stärken, etwa einem Staplerführerschein oder einer abgeschlossenen Berufsausbildung, aber auch mit den persönlichen Schwächen, z.B. einer Suchterkrankung, die zuerst therapiert werden muss, oder ein fehlender Schul- bzw. Ausbildungsabschluss. Breiten Raum nahm das Problem Haftzeit im Lebenslauf ein. Gerade beim Thema Arbeit gilt es, intelligente Bewerbungskonzepte zu entwickeln, die einen potentiellen Chef trotz des einen oder anderen Mankos überzeugen. Neben der Kursteilnahme gehören auch individuelle Einzelgespräche zum Konzept der Diakonischen Wohnungslosenhilfe.

Nach zwei Kursdurchgängen ziehen Dreisbach und Schneider ein positives Fazit: „Unser Schulungsangebot geht auf die besonderen Probleme von Strafgefangenen direkt nach ihrer Entlassung ein und zeigt Wege auf, diese Herausforderungen konstruktiv und lösungsorientiert anzugehen. Damit treffen wir auf das Interesse und die Bedürfnisse unserer Kursteilnehmer. Und das ermutigt uns, den Kurs regelmäßig im Gefängnis anzubieten“.

Die Straffälligenhilfe ist der Teil der Beratungsangebote der diakonischen Wohnungslosenhilfe in Siegen. Für die evangelische Kirche und die Diakonie ist es selbstverständlich, für Gefangene da zu sein; mitzuhelfen, ihre Chancen nach der Haftentlassung zu verbessern. Eine wichtige Aufgabe, für die es keine öffentlichen Mittel gibt, deshalb finanziert die Siegener Diakonie diese Arbeit im Gefängnis ausschließlich durch Spenden und Kollekten.

Am Sonntag, dem 24. August, wird in den Gottesdiensten der Kirchengemeinden der Evangelischen Kirchen von Westfalen für die evangelische Seelsorge in den Gefängnissen gesammelt.

Dirk Hermann

Fotos Karlfried Petri


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