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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Bericht der Superintendentin
vor der Kreissynode am 26. November 2008

Superintendentin Annette Kurschus
28.11.2008 12:24

Seid stets bereit, Rede und Antwort zu stehen,wenn jemand von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.
1.Petrus 3,15 Übersetzung der Zürcher Bibel 2007

Verehrte Synodale, liebe Schwestern und Brüder,
es ist Sonntag, der 7. September 2008, in Bagamoyo, unmittelbar am Indischen Ozean.
Die Sonne scheint, am frühen Morgen sind die Temperaturen noch gut erträglich.
Zu dritt haben wir fast zwei Wochen in Tansania verbracht und unsere Partnerkirchengemeinden im Kirchenkreis Magharibi besucht.
Magharibi: der neue Name ist noch nicht geläufig, an Kibaha hatten wir uns immerhin seit fast dreißig Jahren gewöhnt.
Gleich ist Gottesdienst. Und dann soll es wieder nach Hause gehen, die Koffer sind bereits gepackt.
Zwei Stunden werden wir mitfeiern können – dann müssen wir los.
Der Gottesdienst wird dann noch lange nicht zu Ende sein, viereinhalb Stunden waren es am Sonntag zuvor in Tumbi.
Und heute ist ein besonderes Ereignis: Die Missionswoche soll eröffnet werden.Deshalb ist der stellvertretende Bischof da – und der Superintendent; die Pfarrerinnen und Pfarrer der umliegenden Gemeinden in ihren weiß-roten Talaren sind da – und verschiedene Chöre in farbenfrohen Gewändern. Ein ehemaliger Pfarrer von Bagamoyo ist da, seit Jahren emeritiert – ihn haben sie zur Festpredigt eingeladen.
Zahlreich sind die Menschen gekommen, aus Bagamoyo und aus der Umgebung.
In ihrer festlichsten Kleidung.
Die Kirche fasst alle diese Menschen nicht.
Also sitzen wir draußen, unter einer riesigen Plane; die Klänge der Posaunen und Trompeten schallen weit durch den Ort; die vertrauten Choralmelodien von „Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren“ und „Geh aus mein Herz, und suche Freud“ muten in ihrer Vertrautheit beinahe seltsam an in dieser afrikanischen Umgebung. Zeitweise müssen sie gegen das Rufen der Muezzin ankämpfen, das aus den Lautsprechern der Moscheen in unmittelbarer Nachbarschaft dringt.

Bevor wir zum Flughafen nach Dar es Salaam aufbrechen, haben wir noch Gelegenheit zu einem Gruß. Ich nehme das Wort aus dem Ersten Petrusbrief:

Seid stets bereit,
Rede und Antwort zu stehen,
wenn jemand von euch Rechenschaft fordert
über die Hoffnung, die in euch ist.

So lässt sich das Wesen von Mission beschreiben.
Und Kirche ohne solche Mission ist nicht Kirche.
In Deutschland nicht – und in Tansania nicht.„This is a strong message“ – „Das ist eine starke Botschaft“, finden sie.
Vielleicht auch, weil der Gruß davon redet, was wir bei unserem Besuch erlebt haben:Wir sind afrikanischen Christen begegnet, Männern und Frauen, Jugendlichen und Kindern, die mit ihrer Art zu leben, mit ihrer Art zu feiern, mit ihrer Art zu beten, mit ihrer Art sich zu freuen, mit ihrer Art, vom Glauben zu sprechen und zu singen, sehr eindrücklich Rede und Antwort stehen über die Hoffnung, die in ihnen ist.
Berührende Erlebnisse gab es da – und auch befremdliche.
Faszinierende Begegnungen hatten wir – und auch erschütternde.Da war Ermutigendes – und Trostloses.Verbindendes – und Trennendes.
Aufrecht und selbstbewusst ließen sie uns teilhaben an ihrem Leben. Mit allem, was dazu gehört.

Unsere Begegnung mit diesen Menschen auf der anderen Erdhalbkugel war Zeugnis der Hoffnung für unsere Welt, in der wir gemeinsam zu Hause sind.Tief in uns wohnt diese Hoffnung – und sie kommt doch nicht aus uns heraus.Dort in Afrika ist deutlicher als bei uns zu spüren, wie entschlossen und im wahrsten Sinne des Wortes unverschämt die christliche Hoffnung ihr „Dennoch“ gegen die Unbilden des Alltags setzt: Gegen Armut und Krankheit und Tod; gegen Unrecht und Benachteiligung; gegen den täglichen Kampf ums Überleben.
Als eine Kraft Gottes, die stärker ist als alle Mächte der Welt und jenen Mächten unermüdlich den Kampf ansagt.
Um Gottes und der Menschen willen.

Seid stets bereit,
Rede und Antwort zu stehen,
wenn jemand von euch Rechenschaft fordert
über die Hoffnung, die in euch ist.

Es ist Sonntag, der 9. November 2008, 70 Jahre nach der Reichspogromnacht. Bei strömendem Regen haben wir uns am Obergraben eingefunden – dort, wo in Siegen früher die Synagoge stand.
Viele sind gekommen.
Alte Menschen – und auch ganz junge; Zeitzeugen – und die vielen, die nur noch vom Hörensagen um das Grauen wissen, das in jener Nacht vor 70 Jahren von Menschen unseres Volkes ausging.
Wir stehen da und wissen: Die Schandtaten, die von Deutschen systematisch an Juden verübt wurden, kann kein Mensch je wieder gut machen.
Auch unsere Kirche hat als Ganze angesichts der Shoa versagt; selbst die Theologische Erklärung von Barmen schweigt zur bleibenden Erwählung Israels und der Judenverfolgung, die bereits 1934 deutlich erkennbar ihren Lauf nahm.70 Jahre liegt die Reichspogromnacht heute zurück.
Wir entfernen uns immer weiter von den schrecklichen Ereignissen jener Zeit – und ahnen doch zugleich: Wir werden sie nie mehr los.
Denn hier wurden Menschen ihrer Würde beraubt – als seien sie niemand und nichts. Als hätten sie nie ein menschliches Antlitz gehabt.
Dieses unsägliche Geschehen von damals braucht einen Platz in unserer Erinnerung. Damit es sich nie wieder ereignet.
Niemand stand da bei der Gedenkfeier am Platz der ehemaligen Synagoge, der oder die sich in allem Erinnern und Erschrecken hätte freisprechen können von der insgeheimen beklommenen Frage: „Wie hätte ich mich verhalten? Was wäre meine Rolle gewesen in diesem grausamen Vernichtungswahn?“

Seid stets bereit,
Rede und Antwort zu stehen,
wenn jemand von euch Rechenschaft fordert
über die Hoffnung, die in euch ist.

Dass wir dort in Siegen zum Gedenken versammelt waren an jenem 9. November 2008 – wie so viele Menschen an so vielen anderen Orten unseres Landes:
Ein Zeichen der Hoffnung?
Ein Versuch, Rede und Antwort zu stehen im Blick auf die Schuld, die nicht ungeschehen zu machen ist – und über das Leben in Fülle und in Frieden und Gerechtigkeit, das Gott uns dennoch verheißen hat? Uns – und zuallererst seinem auserwählten Volk Israel?

Seid stets bereit,
Rede und Antwort zu stehen,
wenn jemand von euch Rechenschaft fordert
über die Hoffnung, die in euch ist.

Es ist Montag, der 10. November 2008.
In Bielefeld beginnt die Landessynode der Evangelischen Kirche von Westfalen.
„Globalisierung gestalten. Staat und Kirche: Herausgefordert zu Recht und Frieden in der einen Welt“: So wie der Titel der Hauptvorlage heißt auch unser Hauptthema in diesen Tagen – neben Wahlen in die Kirchenleitung und allerlei weiteren inhaltlichen Schwerpunkten.
Während der gesamten fünf Synodentage ist unser Blickfang an der Stirnseite im Assapheum in Bethel ein Einkaufswagen.
Das Symbol ist ebenso schlicht wie sprechend.
Ein Symbol, mit dem die Globalisierung – jenes Phänomen einer beständig näher zusammen rückenden Welt – unmittelbaren Zugang zu unserem Alltag beansprucht.
Ein Einkaufswagen.
Einer unserer ökumenischen Synodengäste, aus der Evangelischen Kirche am La Plata in Argentinien kommt er, sagt in seinem Grußwort:„…das lässt mich nicht los, wenn ich auf den Einkaufswagen schaue: Was sehen wir, Sie und ich, wenn wir uns den Wagen ansehen? Sicher ein paar Flaschen Milch, Brot, Gemüse, Fleisch, Waschpulver, vielleicht sogar einmal ein Elektrogerät … Das ist auch in meiner Familie so.
Wenn ich stattdessen nachmittags durch die Straßen meines Vorortes in Quilmes gehe, dann sehe ich plötzlich etwas ganz anderes: Tausende von Armen klauen die Einkaufswagen von unseren Supermärkten, um damit die Müllsäcke vor den Häusern zu durchsuchen. Leere Flaschen, Papier, Pappe, Holz, Metall; alles, was zum Wiederverkauf nützlich ist, wandert in die geklauten Einkaufswagen, die Polizei und Supermärkte zurückzuerobern suchen … Die Armen versuchen schneller zu sein, denn Müll ist ein lebenswichtiger Überlebensschatz: Sie versuchen damit schneller auf die Müllhalde zu kommen, die ihr Heim ist.Sie leben auf dem Müll, sie leben vom Müll, für dieses Finanz-, Politik- und Sozialsystem sind sie Müll.“

Wir diskutieren in Arbeitsgruppen zu Fragen einer liberalen Wirtschaftsordnung, bei der die Schwachen auf der Strecke bleiben; über den gegenwärtigen Zusammenbruch der Kapitalmärkte;über die Herausforderungen von Migrationen und den damit verbundenen Begegnungen zwischen Völkern, Kulturen und Religionen; über die bedrohlichen Veränderungen des Klimas, deren Leidtragende ungerechterweise insbesondere die Menschen in den armen Ländern des Südens sind;über die Armut, die auch in unserm Land ganz neue, bedrückende Gesichter hat; über mangelnde Teilhabe an Bildungsprozessen, wodurch die Armut zu einem tückischen Teufelskreis wird, aus dem es für viele kaum ein Entrinnen gibt.

Seid stets bereit,
Rede und Antwort zu stehen,
wenn jemand von euch Rechenschaft fordert
über die Hoffnung, die in euch ist.

Wie sollen wir in all diesen Herausforderungen Rede und Antwort stehen als einzelne Christen, als Kirche?
Wie gewinnt unsere Hoffnung konkrete Gestalt?
Wie kann das, was wir als Evangelium hören und glauben und sagen, zu mutigem Handeln führen – von der Gewissheit getragen und genährt, dass die Erde Gottes gute Schöpfung ist, und jeder Mensch auf ihr ein Ebenbild Gottes, unendlich wertvoll und bedingungslos geliebt?

Tansania.
Reichspogromnacht.
Weltwirtschaftskrise, Klimawandel, Migration, Armut, Bildungsgerechtigkeit …
Und irgendwo dazwischen, irgendwo da mitten drin – betroffen, beteiligt, darein verstrickt, mit verantwortlich – der Kirchenkreis Siegen mit seinen dreißig Kirchengemeinden, seinen übergemeindlichen Diensten und Einrichtungen, seinen vielen Menschen, die sich unermüdlich einsetzen für die Kirche und für die Welt, in der wir leben.
Ein bunter Haufen, groß, liebenswert, von lebhafter Vielfalt geprägt, von einander widerstreitenden Interessen auch; bisweilen sehr (zu sehr?) mit sich selbst und den eigenen Sorgen beschäftigt – und doch sich selbst nicht genug.

Seid stets bereit,
Rede und Antwort zu stehen,
wenn jemand von euch Rechenschaft fordert
über die Hoffnung, die in euch ist.

Ja, wir stehen allesamt Rede und Antwort, Tag für Tag und auf mancherlei Weise.
Als Gemeindeglieder, als Presbyterinnen und Presbyter, als Pastorinnen und Pastoren, als Mitarbeitende in mancherlei Funktion.
Die Berichte aus Gemeinden und Referaten, aus Beauftragungen und Fachbereichen und besonderen Diensten zeugen davon.
Beredte Rechenschaft geben sie über das, was war im vergangenen Jahr.
Und neben mancher Bedrängnis, neben mancher Not, die schmerzliche Veränderungsprozesse an allen Orten bereiten, neben allerlei Befürchtungen für die Zukunft spiegelt sich doch auch Hoffnung in den Berichten.
Starke Hoffnung, die in uns ist durch den, der verheißen hat, dass er Grund und Ziel der Kirche bleibt. Treu und ganz gewiss.
In allen Herausforderungen und durch alle Veränderungen hindurch.

Kirchengemeinden

Ein bedeutsames Ereignis im zurückliegenden Jahr waren die Presbyteriumswahlen am 24. Februar 2008.
Die Zahl der Gemeinden, in denen es tatsächlich Wahlen gab, ist verschwindend gering; an vielen Orten konnten nicht einmal genügend Kandidatinnen und Kandidaten für das gemeindliche Leitungsamt gefunden werden, so dass zahlreiche Stellen in den Presbyterien unbesetzt bleiben mussten. Es scheint zur Zeit keine reizvolle Aufgabe zu sein, Verantwortung in der Leitung einer Kirchengemeinde zu übernehmen. Ob es die Fülle an unattraktiven Aufgaben ist, mit denen sich Menschen schlicht überfordert fühlen? Da müssen weiterhin gemeindliche Gebäude geschlossen, Mitarbeitende entlassen, Haushaltssicherungskonzepte erstellt werden; da gilt es, ungewohnte neue Wege einzuschlagen und sie in der Gemeinde allem Widerstand zum Trotz aufrecht zu vertreten; da ist Überzeugungsarbeit nötig und die Bewältigung manches mühsamen Trauerprozesses unumgänglich.
Um wichtige Arbeitsbereiche zu sichern – wie zum Beispiel Kindergärten in kirchlicher Trägerschaft und professionelle, hauptamtlich geleistete Arbeit vor allem mit Kindern und Jugendlichen – , hat die Synode Finanzierungsmodelle beschlossen, die alle Gemeinden durch Pauschalabgaben in die Pflicht nehmen. Für zahlreiche Gemeindehaushalte bedeutet dies erheblich weniger Spielraum in den eigenen Gestaltungsmöglichkeiten. Auf der anderen Seite stehen der Erhalt von Arbeitsplätzen und qualitativ hochwertige kirchliche Angebote, die der Ausstrahlungskraft der Gemeinden zugute kommen und auf die wir als Kirchenkreis nicht verzichten möchten.
Es gibt Signale, die mir deutlich zeigen, dass wir uns gegenwärtig auf einer Gratwanderung befinden, was die finanzielle Ausstattung unserer Gemeinden betrifft. Die Botschaft, die den KSV durch den Brief einer Gemeinde erreichte, nimmt eine Stimmung auf, die ich vielerorts wahrnehme und die sinngemäß lautet: „Gebt uns als Gemeinden wenigstens so viel, dass wir noch leben und hier und da selbst etwas gestalten können!“
Nun betone ich noch einmal, dass Ihnen durch die von uns allen gemeinsam beschlossenen solidarischen Finanzierungen nicht einfach etwas weggenommen wird. Im Gegenteil: Was wir dadurch sichern, geschieht ausschließlich zugunsten der einzelnen Gemeinden.
Die Hilferufe werden dennoch gehört und ernst genommen.
Mit Sorge stelle ich fest, wie finanzielle Engpässe hier und da derart bestimmend werden, dass sich eine deprimierte Grundstimmung ausbreitet und jegliches Vorwärtsdenken lähmt.
Hier werden wir als Kirchenkreis alles tun, um beratend und unterstützend zur Seite zu stehen.

Was in den Gemeindeberichten des vorigen Jahres noch eher als lästige Hausaufgabe beschrieben wurde, scheint gerade auf dem wenig ermutigenden finanziellen Hintergrund für viele zu einer hoffnungsvollen Herausforderung zu werden: Das gemeinsame Erarbeiten einer Gemeindekonzeption.
Der ursprünglich anberaumte Abgabetermin ist längst verstrichen.
Nur wenige konnten ihn einhalten, bei einigen ist die „Konzeption“ in der Kürze der Zeit zu einer schlichten Bestandsaufnahme des gegenwärtigen status quo geraten.
Inzwischen ist mir selbst deutlich, dass die Frist bis Ostern 2008 zu knapp angesetzt war. Bis Ostern 2009 sollte es allerdings für alle Gemeinden zu schaffen sein.
Es braucht Zeit, sich miteinander über Schwerpunkte und Ziele der eigenen Gemeinde mit Blick auf die Region und den Kirchenkreis zu verständigen; es braucht Zeit, miteinander ins Gespräch zu kommen über ein anzustrebendes Gemeindeprofil, das sich von dem der Nachbargemeinde unterscheiden darf. Es braucht Zeit, die neuen Presbyterinnen und Presbyter dabei mit ihren Anregungen und Ideen mit ins Boot zu nehmen. Es braucht Zeit, verantwortlich zu beschreiben, in welcher unverwechselbaren Weise die eigene Gemeinde heute und in Zukunft Rede und Antwort stehen soll, wenn jemand nach ihrer Hoffnung fragt.
Ja, all das braucht Zeit – und es mag zugleich neuen Mut und neuen Schwung geben, auch und gerade unter schwierigen und deutlich veränderten Bedingungen der evangelischen Kirche vor Ort ein lebendiges, originelles, einladendes Gesicht zu verleihen.

Für die Presbyterinnen und Presbyter unserer Gemeinden – insbesondere für die neu hinzugekommenen, aber auch für die seit langem in diesem Ehrenamt tätigen – hat im Oktober 2008 eine Reihe von Fortbildungsveranstaltungen begonnen. Diese von der Landeskirche angeregte und von mir verantwortete Initiative wird durch unseren neuen synodalen Ausschuss für Gemeindeentwicklung mit viel Schwung und guten Ideen ins Werk gesetzt.
An sechs Abenden, die jeweils unabhängig voneinander besucht werden können, wird Raum gegeben für Informationen, zum Gespräch und zum Austausch über geistliche Themen– ein Raum, den Presbyterinnen und Presbyter im gewöhnlichen Alltagsgeschäft ihrer Sitzungen oft schmerzlich vermissen.
Zur Stärkung der Gemeinden dienen laut Kirchenordnung regelmäßige Visitationen durch den Kirchenkreis.
Über viele Jahre hinweg haben wir dieses wichtige Leitungsinstrument des Wahrnehmens und Unterstützens gänzlich vernachlässigt; dafür gab es gute Gründe – aber die Gemeinden mahnen seit langem deutlich und zu Recht an, wie sehr sie die Visitationen als intensive Aufmerksamkeit und Begleitung durch den KSV vermissen. In den vergangenen Monaten hat sich eine kleine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der beiden Kreissynodalvorstände in Siegen und Wittgenstein daran begeben, eine praktikable Visitationsordnung für unseren Gestaltungsraum zu entwickeln. Es ist geplant, dass wir im kommenden Jahr die Praxis der Gemeindevisitationen wieder zuverlässig aufnehmen.

Pfarrstellensituation

Im Jahr 2008 hat es ausgesprochen viel Bewegung im Kreis unserer Pfarrerinnen und Pfarrer gegeben. Vor allem durch die Vorruhestandsregelung, die es Pfarrerinnen und Pfarrern der EKvW noch bis Ende 2009 ermöglicht, ab der Vollendung des 58. Lebensjahres mit vollem Pensionsgehalt den aktiven Dienst zu beenden, aber auch durch einige Abberufungsverfahren und ganz gewöhnliche Pfarrstellenwechsel wurden und werden immer wieder Pfarrstellen frei, die in vollem Umfang neu zu besetzen sind – mittlerweile wieder durch freie Ausschreibung im Gebiet der gesamten Landeskirche. Dies ist eine belebende, bereichernde Entwicklung für unseren Kirchenkreis.Allein im Jahr 2008 habe ich drei neue Pfarrer und eine Pfarrerin in den Gemeindedienst eingeführt; am kommenden Sonntag stehen zwei weitere Einführungen bevor.
Was mich zunehmend nachdenklich stimmt, ist die Eile, durch die nahezu alle Wiederbesetzungsverfahren geprägt sind. Diese Eile ist ebenso verständlich wie schädlich. Die Presbyterien setzen in der Regel alles daran, eine Vakanzzeit so kurz wie möglich zu halten. Entsprechend schnell werden die Ausschreibungen formuliert, entsprechend knapp werden die Bewerbungsfristen gehalten, entsprechend rar sind die eingehenden Bewerbungen, entsprechend hastig entscheidet man sich – weil ja sonst möglicherweise gar kein Bewerber mehr übrig bleibt.
Ein wenig mehr Mut und Muße zum Abwarten scheinen mir hier dringend geboten.
Wenn ein Pfarrer, eine Pfarrerin die Gemeinde verlässt, muss durchaus nicht übermorgen der Nachfolger oder die Nachfolgerin auf der Matte stehen.
Im Gegenteil: Es ist für die Gemeinde wichtig und heilsam, eine Übergangszeit des Innehaltens, des Atemholens und der Neuausrichtung zu haben. Der oder die Neue kann und soll doch nicht einfach alles so weiterführen, wie es war.Es braucht Zeit, um in Ruhe ein Profil zu erarbeiten: Welche Schwerpunkte soll ein neuer Pfarrer setzen, was brauchen wir in unserer Gemeinde in der gegenwärtigen Situation von einer neuen Pfarrerin; wie soll er oder sie beschaffen sein?
In unserer Partnerkirche in den USA, der United Church of Christ, gibt es die so genannten „interim ministers“: Personen, die in einer vorgeschriebenen (!) Vakanzzeit ohne jeden eigenen Nachfolgeanspruch vertretungsweise den Dienst in einer Gemeinde übernehmen – so lange, bis ein neuer Pfarrer / eine neue Pfarrerin gefunden ist. Dieses Modell könnte durchaus nachahmenswert für unsere Kirche sein. Erste Schritte zur Verwirklichung sind auf landeskirchlicher Ebene bereits eingeleitet.

Der Kreis unserer Laienpredigerinnen und Laienprediger (auf landeskirchlicher Ebene ist man dabei, eine Alternative für diese unschöne Bezeichnung zu etablieren) hat sich im Jahre 2008 deutlich vergrößert. Die Liste derjenigen Männer und Frauen aus unseren Kirchengemeinden, die eine Ausbildung zum ehrenamtlichen Predigtdienst absolviert haben und darin zum Teil regelmäßig aktiv sind, umfasst inzwischen annähernd vierzig Namen; weitere Personen sind derzeit in der Ausbildung oder stehen noch auf der Warteliste.
Dieses bemerkenswerte ehrenamtliche Engagement ist erstaunlich und sehr zu begrüßen. Menschen ohne volles Theologiestudium haben beim Predigen sicher einen ganz anderen, vielleicht unmittelbareren Zugang zur Alltagswelt vieler Gemeindeglieder. Das wird in zahlreichen Rückmeldungen zum Ausdruck gebracht und geschätzt. So kommt der ehrenamtliche Predigtdienst mit seinem eigenen Akzent als eine Bereicherung ergänzend zum Verkündigungsdienst der Pfarrerinnen und Pfarrer hinzu. Er ersetzt diesen aber nicht. Und er soll das auch in Zukunft trotz reduzierter Pfarrstellenzahl nicht tun.

Regionen

Während die Pfarrstellensituation sich allmählich klärt und stabilisiert, haben die sieben Regionen unseres Kirchenkreises gegenwärtig im Blick auf die hautamtliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bzw. die Gemeindepädagogik einen neuen schwierigen Prozess zu gestalten. Was wir als Konzept auf der Sommersynode 2008 beschlossen haben, muss nun auf angemessene Weise in die Tat umgesetzt werden. Ein ungeahnt kompliziertes Unterfangen! In jeder Region sollen zukünftig zwei Hauptamtliche tätig sein, so dass wir alle vierzehn Personen, die bisher ausnahmslos auf Gemeindebene angestellt waren, zuverlässig weiter beschäftigen können. Der jeweilige Stellenumfang bemisst sich dabei nach der Zahl der Gemeindeglieder. Wie dieses Konzept im Einzelnen auszugestalten ist und welchen örtlichen und inhaltlichen Schwerpunkte gesetzt werden sollen, bleibt der verbindlichen regionalen Absprache anheim gestellt. Dabei kommen nicht nur die unterschiedlichen Begehrlichkeiten der Gemeinden innerhalb der Regionen einander ins Gehege; dabei stoßen auch Erwartungen der Gemeinden und Vorstellungen der hauptamtlichen Kräfte bisweilen empfindlich konträr aufeinander.
Wir haben uns nach Kräften und größtenteils auch mit Erfolg bemüht, diesen Prozess als KSV unterstützend zu begleiten.
Dennoch bleibt es an einigen Stellen spannungsreich; die jeweils erforderliche Umstellung der einzelnen Arbeitsverträge wird uns ab dem Beginn des Jahres 2009 intensiv in Atem halten.

Im Übrigen ist mein Eindruck, dass sich die Regionen nach anfänglichen Widerständen zunehmend als eine hilfreiche Größe im Kirchenkreis etablieren und hier und da sogar als eine wirkliche Chance und Bereicherung empfunden werden.
Die regionalen Pfarrkonferenzen haben neben den großen gemeinsamen Treffen der Pfarrerinnen und Pfarrer des Kirchenkreises längst ihren selbstverständlichen, regelmäßigen Rhythmus – und ihren eigenen guten Sinn. Zunehmend werden auch gemeinsame regionale Projekte gewagt, die mit den Kräften und in den Grenzen einer einzelnen Gemeinde gar nicht möglich wären.

Kinder und Jugendliche in unseren Gemeinden

„Mit Kindern neu anfangen“: So lautet ein Projekt der EKvW, in dessen Rahmen eine Fülle von Ideen und Vorschlägen erarbeitet wurde, um vor Ort in den Gemeinden Kindern und jungen Familien neue Zugänge zum christlichen Glauben und zum Leben in der Kirche zu ermöglichen.
Leider haben sich in diesem Jahr nur ganz vereinzelte Gemeinden aus unserem Kirchenkreis an diesem Projekt beteiligt und seine Chancen für sich fruchtbar gemacht. Aber dazu ist es ja nie zu spät; das bereitgestellte Material ist so vielfältig und anregend und hilfreich, dass ich Ihnen unbedingt empfehle, sich damit auseinander zu setzen.
Präses Alfred Buß hat, an dieses Projekt anknüpfend, für die nahe Zukunft ein landeskirchenweites „Jahr der Taufe“ ausgerufen.
Eine reizvolle Idee, die uns dazu helfen könnte, unser evangelisches Taufverständnis mit all den gesellschaftlichen Herausforderungen, vor die es in der gegenwärtigen Wirklichkeit der Volkskirche gestellt ist, theologisch, lebenspraktisch und ökumenisch noch einmal gründlich zu durchdringen und Klärungen voranzutreiben.
„Mit Kindern neu anfangen“ …- „und mit Jugendlichen zuverlässig weitermachen“: So haben während der diesjährigen Landessynode die beiden Jugenddelegierten, die zum ersten Mal dabei waren, unter großem Beifall der Synodalen den Titel des Projektes weitergeführt.
„Mit Jugendlichen zuverlässig weitermachen. Es reicht nicht, Menschen lediglich zu taufen und zu konfirmieren“: Ja, diese Sätze haben auch wir Siegener Delegierten mit Beifall bedacht – und dabei wohl alle im Sinn gehabt, wie intensiv uns gerade dieses zuverlässige Weitermachen nach Taufe und Konfirmation in unserm Kirchenkreis beschäftigt.

Dass Kinder und Jugendliche in unseren Gemeinden ein Zuhause finden können, wo sie willkommen sind, wo sie gefördert und angesprochen werden, wo sie in lebendigen Kontakt geraten mit dem christlichen Glauben und dadurch Orientierung erhalten für ihr Leben: Dieses Anliegen gehört elementar und unaufgebbar zu unserem Auftrag als Kirche.
Hier geschieht Gemeindeaufbau in seiner ursprünglichen Form.
Deshalb unterhalten wir Kindergärten in kirchlicher Trägerschaft; deshalb feiern wir Kindergottesdienste und veranstalten Kinderbibelwochen; deshalb probieren wir immer wieder neue Formen für einen zeitgemäßen Kirchlichen Unterricht aus; deshalb gibt es Jugendkreise und Freizeiten und die unterschiedlichsten offenen Angebote für verschiedene Altersgruppen.

Im Blick auf unsere Tageseinrichtungen für Kinder arbeiten wir uns tapfer in die neuen Regelungen ein, die das Kinderbildungsgesetz mit sich bringt.Hier sind wir alle noch in der Versuchs- und Lernphase. Das trifft selbst für die Expertinnen und Experten auf diesem Gebiet zu, die sich von Berufs wegen Tag für Tag damit auseinanderzusetzen haben.
Immer wieder gibt es veränderte Berechnungszahlen, immer wieder müssen einmal gemachte Angaben zurückgenommen und korrigiert werden, immer wieder gibt es neue Fragen und ungeklärte Situationen, was zu einem erheblich erhöhten Arbeitsaufwand und teilweise auch zu erheblichen Irritationen sowohl in den einzelnen Einrichtungen als auch in unserem Fachreferat und in der kreiskirchlichen Verwaltung führt.
9 Kirchengemeinden haben signalisiert, dass sie im kommenden Jahr ihre Einrichtungen in kreiskirchliche Trägerschaft übergeben wollen.

Zum ersten Mal wurde in diesem Jahr vom Kirchenkreis unter Federführung des Jugendreferates ein „Konficamp“ durchgeführt. Sechs Kirchengemeinden beteiligten sich an dem spannenden Unternehmen, das für eine Woche während der Sommerferien nach Otterndorf in die Nähe von Cuxhaven führte.Eine neue Form, Akzente im Konfirmandenunterricht zu setzen, die sich offenbar bewährt und nach Fortsetzung verlangt. Bereits im nächsten Jahr am selben Ort.
In einer unserer Regionen organisieren einige Kirchengemeinden seit längerem Konficamps in Kroatien – hieraus hat sich inzwischen eine feste Institution entwickelt, die aus den Gemeinden nicht mehr wegzudenken ist.
Wieder andere nutzen das Angebot des CVJM-Kreisverbandes, das sich „Conficastle“ nennt. Offensichtlich ist also im Blick auf neue Wege in der Arbeit mit Konfirmandinnen und Konfirmanden derzeit einiges in Bewegung.

Evangelische Erwachsenen- und Familienbildung

Der von unserer Synode aus finanziellen Gründen beschlossene Rückzug aus der Trägerschaft der Erwachsenen- und Familienbildung hatte intensive Verhandlungen mit unterschiedlichen Kooperationspartnern zur Folge. Mit dem Diakonischen Werk konnten wir schließlich zu einer Vereinbarung kommen. Diese sieht vor, sowohl die Erwachsenenbildung als auch die Familienbildungsstätte in Kooperation weiter zu führen, wobei im Bereich der Erwachsenenbildung ein Gestellungsvertrag ausgehandelt werden konnte und die Trägerschaft der Familienbildungsstätte im Sommer des Jahres 2009 an das Diakonische Werk übergehen wird. Wir sind froh und dankbar, dass diese wichtige Arbeit, mit der Menschen weit über die engen Grenzen unserer örtlichen Kerngemeinden hinaus erreicht werden, nicht abgebrochen und eingestellt werden muss.

Die Evangelische Familienbildungsstätte blickte im November 2008 auf ihr 15jähriges Bestehen zurück. Dieser Anlass verband sich mit einem Krabbelgottesdienst in der Siegener Martinikirche und einem anschließenden Laternenumzug.
Eine gute Gelegenheit für den offiziellen kreiskirchlichen Start der Kampagne gegen Kinderarmut „Lasst uns nicht hängen!“, die auf einem Kindergipfel der EKvW vor einem halben Jahr in Villigst ausgerufen wurde.
Lange haben wir beim Thema Armut sofort an die Menschen auf der anderen Seite der Erde gedacht, irgendwo im Süden, auf dem afrikanischen Kontinent, weit weg von uns.
„Lasst uns nicht hängen!“: Das haben wir lange wie selbstverständlich den farbigen Kindern in den Mund gelegt; denen, die anders aussehen als die Kinder bei uns.
Erst langsam beginnen wir zu ahnen, dass auch bei uns in Deutschland, ja, auch bei uns im Kirchenkreis Siegen die Zahl der Kinder erschreckend zunimmt, die so rufen: „Lasst uns nicht hängen!“
Wenn sie laut rufen, wenn sie ihre Stimme erheben, dann ist ja schon viel gewonnen. Die meisten jedoch schämen sich – weil Armut immer mit Scham zu tun hat – und sagen nichts.
Erzieherinnen in unseren Tageseinrichtungen erleben es, Lehrerinnen und Lehrer in den Schulen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Jugendreferentinnen und Jugendreferenten, Pastorinnen und Pastoren:Da kommen Kinder ohne Frühstück, in abgerissener Kleidung, mit zu kleinen Schuhen, ohne Hefte und Bücher.
Da melden sich Kinder urplötzlich krank, wenn eine Klassenfahrt oder eine Konfifreizeit geplant ist.
Da entschuldigen sich Jugendliche mit fadenscheinigen Gründen, wenn ein Besuch im Schwimmbad oder im Kino ansteht…
Armut kann einen Menschen entwürdigen. Sie erschöpft sich nicht darin, wenig Geld zu haben. Armut bedeutet mangelnde Teilhabe am Leben, im schlimmsten Fall den Ausschluss aus der Gesellschaft.
Kinderarmut ist ein Teufelskreis: Mangelernährung, schlechte Gesundheit, miese Wohnung, heruntergekommene Wohngegend, schlechte Bildung, fehlende Anerkennung, wenig Liebe, Mangel an Geborgenheit. Und dann keinen Abschluss, keinen Job, kein Geld, keine Perspektive.
Auch Kinder aus armen Verhältnissen müssen sich entwickeln, ihre Gaben entfalten und gleichberechtigt am wirtschaftlichen und sozialen Leben teilhaben können.
Dafür wollen auch wir als Evangelische Kirche im Siegerland einstehen.
Wir werden die Resolution des Kindergipfels in unsere Gemeinden tragen, in die Kindergärten und Schulen. Wir werden in Gottesdiensten daran erinnern, in besonderen Veranstaltungen darauf aufmerksam machen, unsere Kommunen zu Bündnisbildungen aufrufen, unsere eigene Aufmerksamkeit schärfen und konkrete Handlungsanregungen weitergeben.
Eine solche Kampagne kann nur erfolgreich sein, wenn viele Menschen an vielen Orten mit ihren vielen kleinen Möglichkeiten mitmachen.Es müssen keine riesigen Aktionen sein. Das, was an Ihrem Ort mit ein wenig Fantasie und Kreativität in dieser Sache gerade gehen mag: Das ist gut. Und das hilft.

Die Tagungsstätte „haus nordhelle“ bereitet den vier Trägerkirchenkreisen, zu denen auch wir gehören, weiterhin Kopfzerbrechen.Seit Jahren ist die wirtschaftliche Entwicklung defizitär; dies ließ sich auch durch den Einzug der Pfarrstelle und ein neues Nutzungskonzept nicht positiv verändern.
Wir würden das Tagungshaus mit seinen vielfältigen Möglichkeiten für eine lebendige Familien- und Erwachsenenbildung gern erhalten, sehen uns aber zukünftig ohne die tatkräftige Unterstützung der Landeskirche dazu nicht mehr in der Lage. Solche Unterstützung könnte zum Beispiel so aussehen, dass haus nordhelle in den Veranstaltungskalender landeskirchlicher Fortbildungen fest und regelmäßig mit einbezogen wird. Vor wenigen Tagen hat der Vorstand einen entsprechenden Brief an die Kirchenleitung geschrieben – wir warten nun auf die Reaktion.

Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle

Die Situation unserer Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle hat sich insgesamt durch den bemerkenswerten Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie durch die bereits geleistete und für die Zukunft verlässlich zugesagte Unterstützung verschiedener Sponsoren erfreulich stabilisiert.Weiterhin bleiben wir allerdings darauf angewiesen, noch einen großen Anteil der Kosten durch Einwerbung von weiteren Spenden und Sponsorengeldern aufzubringen.
Rückmeldungen aus der Bevölkerung unserer Region signalisieren uns immer wieder, welch hohen Stellenwert die Arbeit dieser Beratungsstelle bei Menschen weit über den kirchlichen Binnenraum hinaus einnimmt.
Eine Veränderung zeichnet sich für die Hauptstelle für Familien- und Lebensberatung der Evangelischen Kirche von Westfalen ab, die viele Jahre lang bei uns in Siegen angesiedelt war. Ab dem 1. Januar 2009 wird die Hauptstelle in der Geschäftsstelle des Diakonischen Werkes in Münster untergebracht sein. Dies bedeutet einen Wechsel in der Leitung für unsere kreiskirchliche Stelle, der gegenwärtig vom KSV geplant und vorbereitet wird.

Diakonie

Die Diakonie in unserm Kirchenkreis befindet sich nach wie vor in einer Phase des Umbruchs.
Auf unserer Sondersynode im September 2008 haben wir uns inhaltlich mit dem Thema Diakonie auseinandergesetzt und erstaunlich offen und konstruktiv, wenn auch noch nicht mir konkreten Lösungsvorschlägen, über die Gegenwart und Zukunft unserer diakonischen Arbeit nachgedacht.Der Krankenhausverbund, zu dem sich die drei evangelischen Krankenhäuser in Siegen, Freudenberg und Kredenbach mit den beiden Häusern des Siegener Kreisklinikums zusammenschließen sollten, schien bis zum Sommer 2008 eine ausgemachte Sache. Dann allerdings zerschlugen sich die Pläne aus Gründen, die bis heute schwer nachzuvollziehen sind und auch niemals richtig offen gelegt werden konnten. Der angestrebte Verbund, der nach wie vor als sinnvolle und zukunftsträchtige Lösung für die Krankenhauslandschaft in unserer Region zu betrachten ist, bleibt zunächst bis auf weiteres auf Eis gelegt.
Währenddessen ist das Ausmaß des finanziellen Defizits beim Diakonischen Werk in seinem bestürzenden Umfang deutlicher geworden; Immobilienveräußerungen an die Holding und andere Maßnahmen lassen sich nicht mehr vermeiden, um weiterhin Gehälter zahlen zu können und den Betrieb am Laufen zu halten. Ob die Immobilienübertragung das Diakonische Werk allerdings tatsächlich aus der aktuellen Liquiditätskrise zu retten vermag, bleibt zweifelhaft.
Es ist also wirklich höchste Zeit, um gemeinsam zu überlegen, wie die Strukturen der Diakonie in Zukunft aussehen können, damit Insolvenz vermieden, Vertrauen wieder wachsen und diakonische Arbeit so gestaltet werden kann, dass sie in aller Professionalität und Wirtschaftlichkeit als kirchlich verantwortet und gemeindenah empfunden wird.

Aus den Ergebnissen der Sondersynode hat der KSV auf einer Klausurtagung mit externer Beratung einen umfangreichen Beschlussvorschlag für die heutige Synode entwickelt. Darin sind konkrete Arbeitsaufträge formuliert, mit deren Hilfe das Ziel einer Strukturveränderung im Rahmen eines klaren Zeitrasters konzentriert weiter verfolgt werden soll.

Ausschussarbeit

Nach einem fehlgeschlagenen Versuch, unsere zahlreichen kreiskirchlichen Ausschüsse in Fachbereichen mit klar beschriebenen Kompetenzen zu bündeln und dadurch eine Entlastung für den Leitungsbereich zu erzielen, sind wir wieder zu unserer bewährten synodalen Ausschussstruktur zurückgekehrt.Die Arbeit in den Fachbereichen mit ihrer diffizilen Ordnung erwies sich in der Praxis als zu kompliziert und als nicht zielführend. Außerdem konnte der gewünschte Entlastungseffekt nicht erreicht werden.
Die Anliegen aus den einzelnen Ausschüsse ließen sich nicht mehr angemessen verhandeln; immer wieder kam es zu Interessenkonflikten und Frustrationen. Die meisten der ständigen synodalen Ausschüsse wurden auf der Sommersynode 2008 gewählt und haben ihre Arbeit inzwischen aufgenommen.Mir scheint, dass wir durch diese „Umkehr“ zu Bewährtem einen wirklichen Fortschritt erzielt haben.
Wichtig wird es sein, in Zukunft einen zuverlässigen, geregelten und regelmäßigen Austausch zwischen den Ausschüssen und dem KSV zu pflegen, in dem zeitnah berichtet wird, klare Aufträge ergehen und Ergebnisse gesichert werden.

„Unerreichte erreichen“

Menschen, die sich von den regulären Angeboten unserer Kirchengemeinden bisher nicht ansprechen ließen, gewinnen manchmal Zugang durch besondere Projekte und Aktionen.

Zu diesen besonderen Aktionen gehört zum Beispiel „Der Grüne Hahn“, ein Projekt für Umweltmanagement in der Kirche.Wir nehmen an diesem Projekt mit unserem „Haus der Kirche“ teil; erfreulicherweise haben sich einige Gemeinden mit ihren Gebäuden ebenfalls angeschlossen. Hilfreich war eine ausnehmend kompetente und zuverlässige Beratung seitens landeskirchlicher Experten im Vorfeld.
Wir finden:
Es reicht nicht, von der Bewahrung der Schöpfung Gottes nur zu reden und sie einzufordern – wir möchten an unserem Ort mit unseren Möglichkeiten Verantwortung wahrnehmen und einen eigenen Beitrag dazu leisten. Dass sich dadurch vermutlich auf lange Sicht deutliche Einsparungen im Energiebereich erzielen lassen, nehmen wir als Nebeneffekt gern und dankbar an …
In den beteiligten Gemeinden fällt auf, dass sich für das Projekt „Der Grüne Hahn“ Menschen engagieren, die bisher noch keinen rechten Platz in der Gemeinde gefunden haben. Hier entdecken sie plötzlich ein Feld, auf dem sie mitarbeiten und sich einsetzen wollen. Erreichte Unerreichte …

Ein Zugewinn für Kirchenkreis und Kirchengemeinden ist der am 29. Februar 2008 in der Siegener Oberstadt eröffnete Kirchenladen „offenBar“.Kirche mitten in der Stadt bei den Menschen: So lautet das Konzept dieser Einrichtung, die von einem Team ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betrieben wird und in der es neben Gesprächsangeboten, Geselligkeit, Kaffeespezialitäten und dem Verkauf von Weltladenartikeln auch die Möglichkeit zum (Wieder-) Eintritt in die Evangelische Kirche gibt.Ein geräumiges Ladenlokal in der Kölner Straße haben wir für dieses Unternehmen (zunächst befristet) angemietet; die Sache begann als unkalkulierbares Wagnis – mir scheint, das Wagnis lohnt sich. Es wird zu überlegen sein, wie wir den Kirchenladen noch stärker ins Bewusstsein der Menschen bringen; dies könnte eventuell durch vermehrte Veranstaltungen wie Lesungen, kleine Konzerte und Ausstellungen geschehen, zu denen gezielt eingeladen wird.
Auch hier arbeiten bisher Unerreichte mit; auch hier finden bisher Unerreichte Kontakt zur Kirche. Gott sei Dank.

Mit Überzeugung sind wir als Kirchenkreis Träger des Evangelischen Gymnasiums. Diese Schule genießt in unserer Region ein hohes Ansehen und großen Zulauf; Kirche ist hier weit über den Radius der Kirchengemeinden hinaus mit einem unverwechselbaren Gesicht in der Gesellschaft präsent.Durch die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit auf acht Jahre hat sich in allen Gymnasien der Schulalltag erheblich verändert. Die Schülerinnen und Schüler verbringen mehr Zeit in der Schule. Dies hat einen erweiterten Raumbedarf zur Folge. Räumlichkeiten zur Freizeitgestaltung in den Pausen werden benötigt, ebenso eine Mensa und eine Bibliothek.
Ein Erweiterungsbau für das Evangelische Gymnasium erscheint uns unerlässlich, wenn wir die Schule attraktiv und zukunftsfähig erhalten wollen.Das Geld dafür können wir als Kirchenkreis allerdings nicht aufbringen.
Auch hier konnten bisher Unerreichte erreicht werden: Erstaunlich viele Eltern setzen sich ein, um Spender und Sponsoren zu aktivieren; Konzepte werden erstellt, Aktionen gestartet, Konzerte veranstaltet … Eine Menge Geld wurde bereits eingeworben. Aber es ist noch längst nicht genug. Wir sind als Träger in Verhandlungen mit dem Kreis und arbeiten gemeinsam mit Verantwortlichen der Schule intensiv in einer kleinen Arbeitsgruppe. Ob und in welchem Umfang ein Erweiterungsbau tatsächlich realisierbar sein wird, ist derzeit immer noch offen.

Ausblick

Seid stets bereit,
Rede und Antwort zu stehen,
wenn jemand von euch Rechenschaft fordert
über die Hoffnung, die in euch ist.

Rede und Antwort stehen im Blick auf das, was war;Rechenschaft geben von dem, was wir getan und versucht, erreicht und nicht geschafft oder versäumt oder verdorben haben:
Dies unternimmt der vorliegende Bericht.

Was aber ist mit der Hoffnung?

Den Reformationstag habe ich in diesem Jahr in Berlin erlebt.Im Anschluss an den festlichen Abendgottesdienst im Berliner Dom wurde erstmals die Martin-Luther-Medaille verliehen. Mit dieser Medaille soll bis zum Reformationsjubiläum 2017 jährlich herausragendes Engagement für den deutschen Protestantismus gewürdigt werden.
Diese erste Medaille erhielt der aus Thüringen stammende Theologe und Dichter Klaus Peter Hertzsch.
Die meisten von uns kennen sein Lied, das als letztes in unser neues Evangelisches Gesangbuch aufgenommen wurde – unter der Nummer 395: „Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist…“.Manche lieben vielleicht auch seine herrlichen biblischen Balladen, die in dem Bändchen „Der ganze Fisch war voll Gesang“ gesammelt sind.

Eine kurze Dankrede hielt der kleine, bescheidene, fast erblindete Mann in dem riesigen, dicht besetzten Berliner Dom.
Eine Dankrede, die auf berührende Weise dem eigenen Weg und dem Weg unserer Kirche in der Welt nachsann.
Nachdenklich, kritisch, dankbar, besorgt.

„Es geht mit uns … - Gott weiß, wohin.“
Damit endete die Rede.

„Gott weiß, wohin“:
Daraus spricht Hoffnung.
Feste, zuversichtliche, in allem Angefochtensein und Sorgen doch auf seltsame Weise unerschütterliche, unbeirrbare Hoffnung.
Hoffnung, die auch in mir ist.

Wir eilen als Kirchenkreis auf ein neues Jahr zu.
2009: Johannes Calvin wird 500, die Barmer Theologische Erklärung wird 75, wir planen einen großen Kreiskirchentag und haben manche neuen Wege vor uns…
Wohin es mit uns geht?
Es geht … - „Gott weiß, wohin“.
Von dieser Hoffnung leben wir.
In dieser Hoffnung lasst uns auch in Zukunft das Unsere versuchen.

Annette Kurschus


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