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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Die deutsche Einigung und ihre versäumten Chancen
Zeitzeuge Professor Klaus-Peter Hertzsch in der Martinikirche Siegen

Prof. Klaus-Peter Hertzsch, Jena
15.07.2009 14:59
War vor dem Mauerfall vor 20 Jahren in der Gesellschaftsordnung der ehemaligen DDR nur alles schlecht? War das gesellschaftspolitische System in der Bundesrepublik in allen Bereichen überragend? Ist bei der Wiedervereinigung die Chance eines gemeinsamen neuen Anfangs vertan worden? Diesen Fragen ging jetzt in der Siegener Martinikirche Prof. Klaus-Peter Hertzsch nach. Der Theologieprofessor aus Jena arbeitete in der ehemaligen DDR zunächst als Gemeindepfarrer, später als Studentenpfarrer und ab 1968 als Professor für praktische Theologie. Er erlebte den Umbruch und die friedliche Revolution in den Kirchen und seit 20 Jahren das Leben in der Bundesrepublik. Heute ist er ein 80jähriger, zerbrechlich wirkender Mann. Gebeugt vom Leben, aber hell und klar im Denken.

Hertzsch: „Ein Jubel über die seit 20 Jahren veränderte Situation kommt heute in Deutschland nicht auf. Damals wurde gejubelt. Heute ist nur die Rede von Finanzkrise, Wirtschaftskrise und Vertrauenskrise.“ Vor 20 Jahren seien in der DDR die Theologen gefragt worden, wie es weitergehen könne. Heute würden sie wieder gefragt. Er erzählte von den Aufbrüchen in der DDR, von den gesellschaftspolitischen Bewegungen wie „Demokratie jetzt“, „Demokratischer Aufbruch“ oder „Sozialdemokratische Partei der DDR“. Damals habe man den Eindruck gehabt, es erfolge ein Übergang vom Sozialismus zur Demokratie. Man habe die Frage gestellt, was Demokratie sei und wie ein Volk sich selbst regieren könne? Wie sich eine Massengesellschaft im Gespräch einigen könne, was nützlich sei.
Damals habe man die überraschende Erfahrung gemacht, dass sich alle Leute Gedanken gemacht hätten, wohin es mit der Gesellschaft gehen solle. Zunächst in Kirchen, dann in Kleingruppen und später auf großen Plätzen. Hertzsch: „Wir sind nicht mehr zur Ruhe gekommen in den Kirchen, den Schulen und den Universitäten. Wir haben uns unser Land vorgestellt. Eine unvergessliche Erfahrung.“ Deutlich geworden sei dann, dass der Aufbruch in die alten Kanäle und überlieferten Strukturen der Bundesrepublik führen würde.

Der Theologe erzählt von der Kirche im Sozialismus. Dies sei keine Kirche im Widerstand und in Anpassung gewesen, wie heute oft behauptet. Der kirchliche Auftrag in der DDR sei gewesen, Gemeinde zu bauen und Evangelium zu verkünden. Er habe sich weder angepasst noch Widerstand geleistet. Er habe erfahren, wie man sich gegenseitig unterstützt und Kirche gelebt habe.
Kirche in der DDR sei fassbar im Bild des wandernden Gottesvolkes, das durch die Zeit zog, das Reich Gottes im Blick. Hertzsch: „Wir wollten Zelte aufschlagen, wo Gott uns wollte und brauchte.“
Ein anderes Bild für Kirche in der DDR sei das Volk Israel in der babylonischen Gefangenschaft. Wir merkten, dass die Situation nur erlitten, nicht jedoch gestaltet werden konnte.

Hertzsch: „Nach der Widervereinigung haben wir aus der DDR lernen müssen, wie die Bundesrepublik funktioniert. Wir mussten lernen zu wählen. Ein Hochgefühl bei dem Gedanken, ich gestalte ein Stück dieses Landes mit, ist bei mir nie aufgekommen.“
Es stellte sich für ihn die Frage: Ist das, was die meisten wollen, das, was notwendig ist, auf das wir zugehen sollen? Und: Ist unsere Regierung die Macht im Land, oder regiert das Geld unser Land? Es sei die Erkenntnis aufgekommen, dass es egal sei, welche Partei gewählt werde, solange andere die Macht in Händen hielten.

In den 80er Jahren sei in der DDR das Stichwort Menschenrechte aufgetaucht. Im Grundgesetz stehe, die Würde des Menschen sei unantastbar. Der Mensch habe das Recht auf Entfaltung seiner eigenen Persönlichkeit. Er könne reisen, seinen Wohnort bestimmen, Glauben oder sagen was er wolle. In der DDR seien die Menschen mit Werten wie Gleichheit, Brüderlichkeit oder dem Recht auf Arbeit aufgewachsen. Er stellte die Fragen, was wichtiger sei, persönliche Freiheit oder soziale Gerechtigkeit, und was unaufgebbare Werte seien?

1989 habe er auf einer Versammlung in Jena für ihn unentbehrliche Forderungen erhoben:
Der Anspruch der SED auf Führung des Staates müsse verschwinden. Aber es dürfe kein neues Feindbild geben. Auch der böse Genosse dürfe kein neues Feindbild werden.
Die Wirtschaft im Lande müsse wirklich verbessert werden. Die Herrschaft der Funktionäre dürfe allerdings nicht durch die Herrschaft der Millionäre ausgetauscht werden. Volle Bäuche seien noch kein erfülltes Leben.
Die Menschen in der DDR wollten, dass es ihnen bald wirtschaftlich besser gehe. Er habe damals gefordert, dass jetzt die dran seien, die hungerten. Den Hungervölkern müsse es besser gehen. Sonst stünden die auf und fordern ihr Recht.
Und er habe gefordert, Verantwortung für die Enkel zu tragen.

Zukunft, so Hertzsch, brauche einen langen Atem und eine weite Strecke. Die friedliche Revolution des Evangeliums, um die sie sich in der DDR bemüht hätten, stehe noch aus. Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung sei seit 1989 nicht erreicht worden. Hertzsch: „Gott gebe uns, dass uns das noch bevorsteht.“

Dann kommt der emeritierte Theologieprofessor darauf zu sprechen, was heute getan werden kann, um dieses Ziel zu erreichen. Zunächst einmal macht er Mut zu kleinen Schritten, die zu gehen möglich seien. Es könne durchaus sein, dass aus kleinen Anfängen eine große Bewegung werde, wie beispielsweise bei Hinrich Wichern, aus dessen kleinen Anfängen die große Diakonie entstanden sei.
Hertzsch: „Der Herr hat uns aufgetragen, das Kleine, das Winzige zu tun. Einen Schluck Wasser zu geben. Was ihr den geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan, hat Jesus gesagt. Das Kleine, was ich tun kann, hat Verheißung.“
Klaus-Peter Hertzsch spricht sich für das Bemühen um Umkehr und Neuanfang aus. Es gelte, nicht nach einer Wirtschaftspolitik zu fragen, sondern nach einer Lebenskultur. Es gehe zurzeit nicht um eine Finanz- oder Wirtschaftskrise, sondern um eine Vertrauenskrise. Die Vertrauensfrage sei letztendlich die Gottesfrage. Hertzsch: „Haben wir nicht auf die falschen Götter gesetzt?“ Er zitiert Martin Luther: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ Wer sein Herz an Geld, Macht, Kunst (angewandte Wissenschaft) oder Ehre (Prestige, Kultstatus) setze, gehe zwangsläufig einer Vertrauenskrise entgegen. Hertzsch an die Zuhörenden in der Martinikirche: „Auf wen setzt du dein Vertrauen? In wessen Dienst soll Geld, Macht, Kunst und Ehre stehen? Wem soll die Ehre gehören? – Gott allein die Ehre!“

Durch die Veranstaltung führte Prof. Dr. Ingo Baldermann. Eingeladen hatten die Gustav-Heinemann-Friedensgesellschaft und die Ev. Martinikirchengemeinde Siegen.
kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Prof. Klaus-Peter Hertzsch sprach in der Siegener Martinikirche.

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