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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Fortbildung für Rettungskräfte
Umgang mit Schuldgefühlen – versöhntes Verhalten zur eigenen Unvollkommenheit

Prof. Dr. Frank Lasogga
06.11.2009 13:09
Im Schulungszentrum der Malteser in Siegen-Geisweid fand jetzt der 6. „Tag der Notfallseelsorge“ statt, an dem Rettungskräfte aus unterschiedlichen Organisationen wie Polizei, DRK, Feuerwehr, Beratungsstellen, THW, Malteser teilnahmen. Selbst zwei Notfallseelsorgerinnen aus Paderborn waren zu der qualifizierten Fortbildungsveranstaltung angereist. Vorbereitet hat den Tag das Leitungsteam der Notfallseelsorge Siegerland, das aus Pfrn. Lara vom Orde, Pfr. Wilfried Neumann und Rettungssanitäter Peter Dietermann besteht. Der Umgang mit Schuldgefühlen ist für den Dipl. Psychologen Dr. Frank Lagossa ein sehr schweres Thema. Kaum jemand beschäftige sich damit und infolgedessen sei das Thema auch in der Fachliteratur nur sehr spärlich vertreten, weiß der Professor, der an der Universität Dortmund lehrt. Dennoch spielt der Umgang mit Schuldgefühlen im Berufsalltag von Einsatzkräften und Notfallseelsorgern eine große Rolle. Jeden Tag, so berichtete er, werden drei Suizidale von Lokführern überfahren. 1000 Mal im Jahr wird ein plötzlicher Kindstod festgestellt. Bei Verkehrsunfällen, beispielsweise mit Todesfolge, wird die Frage gestellt: Bin ich Schuld? Hätte ich es verhindern können? Und auch Rettungskräfte quält die Frage, hätte ich mehr tun können, um das Schlimmste zu verhindern?
In ihrem bewegenden Grußwort für den Kreis Siegen-Wittgenstein, schilderte die stellvertretende Landrätin Gerlinde Sintzen vom eigenen unverschuldeten Unfallerleben und damit zusammenhängenden Schuldgefühlen. Sie erwähnte, dass Schuld und Vergebung ein wichtiges Thema der Kirche sei.

Es gibt Menschen, so Prof. Lasogga in seinem Referat, denen sei die Schuldfrage völlig gleich, andere dagegen fragten sofort danach. Heute wisse man, dass Menschen, die starke Schuldgefühle entwickelten, anfälliger seien für psychische Störungen. Der Psychologe unterscheidet zwischen objektiver und subjektiver Schuld, die nicht deckungsgleich sein müssen. Objektive Schuld kann beispielsweise in leichter oder grobe Fahrlässigkeit begründet sein. Subjektive Schuld kann bedeuten, jemand hat juristisch gesehen keine Schuld, fühlt sich aber persönlich schuldig. So hätten sich beispielsweise Überlebende des Zugunglücks bei Eschede vor 11 Jahren dafür schuldig gefühlt, dass sie das Unglück überlebt hätten. Lagossa: „Gegen solche Schuldgefühle etwas zu machen, ist sehr schwer.“
Die Gründe für subjektive Schuldgefühle sind sehr vielseitig. Menschen streben nach Kohärenz, sie müssen im im Kopf alles stimmig haben, die Zusammenhänge erkennen und sie klar in ihr Weltbild einordnen. Dabei kann der Glaube helfen, der Geschehnisse dem Willen Gottes zuordnet: „Gott hat es so gewollt.“ Aber auch das Gefühl gegen die eigenen Normen und Werte gehandelt oder seinen perfektionistischen Vorstellungen nicht entsprochen zu haben, können ebenso Schuldgefühle auslösen wie Gruppendruck und die Medienberichterstattung.
Den Fachkräften zeigte der Diplompsychologe auf, wie Betroffenen durch Informationen und unterschiedliche Gesprächsformen geholfen werden kann. Zum Bewältigungsmechanismus gehöre das Gefühl von Logik, Rationalität und Kontrolle. Jede Erklärung sei besser als keine Erklärung. In schwereren Fällen sollten psychosoziale Notfallhelfer hinzugezogen werden. Selbsthilfegruppen können helfen, Schuldgefühle zu bewältigen. In ganz schweren Fällen, beispielsweise bei einer starken Überlebensschuld (Warum habe ich das Unglück überlebt und andere nicht?), ist eine Trauma-Therapie notwendig. Doch auch die hilft nicht immer. Lasogga: „Es gibt schwere Erlebnisse, beispielsweise in Kriegsgebieten, da ist auch von einer Therapie keine Hilfe zu erwarten.“ Auch dies machte der Experte deutlich: Es gibt kein einheitliches Vorgehen und es gibt keine vorschnellen Antworten. Eine fundierte Ausbildung ist durch nichts zu ersetzen. Mit einer solchen fundierten Ausbildung ist es jedoch möglich, intuitiv zu handeln.
In Kleingruppen wurde die themenbezogene Gesprächsführung vertieft und geübt.
Fast als Schlusswort brachte es ein Teilnehmer auf den Punkt: Ich muss ein versöhntes Verhalten zur eigenen Unvollkommenheit lernen. Mit einer ökumenischen Andacht endete der 6. Tag der Notfallseelsorge.
kp

Text zum Bild: (Foto: Karlfried Petri)
Wie gehe ich mit Menschen um, die nach einem Unfall lernen müssen, mit Schuldgefühlen zurecht zu kommen? Auf dem „Tag der Notfallseelsorge“ gab Prof. Dr. Frank Lasogga wertvolle Hilfestellungen für den praktischen Einsatz.

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