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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Pietismus – Erneuerungsbewegung innerhalb der ev. KircheAllein Jesus Christus, allein die Schrift, allein die Gnade und allein der Glaube
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13.06.2003 13:11
Bereits 1675 schrieb Philip Jacob Spener sein Reformprogramm pia desideria. Speners „herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren evangelischen Kirche“ ist bis heute Anliegen des Pietismus. Einer seiner zeitgenössischen Vertreter ist Dr. Christoph Morgner, Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes. Der Verband bildet nach eigenen Angaben das größte Sammelbecken der landeskirchlichen Gemeinschaftsbewegung in Deutschland, Österreich und den Niederlanden.Wie geht es weiter mit der Kirche? Dieser Frage stellte sich Morgner kürzlich bei Pfarrer Ulrich Weiß auf dem Bunten Sofa der Christus Kirchengemeinde auf dem Siegener Wellersberg. Auf die Eingangsfrage von Ulrich Weiß, was Morgners Wunsch für die Besserung der Kirche sei, nannte dieser, von den Reformatoren ausgehend, allein Jesus Christus, allein die Schrift, allein die Gnade und allein der Glaube. Die Kirche habe in der pluralistischen Gesellschaft nur eine Chance mit der Botschaft der Bibel.Das dies nicht immer so wünschenswert deutlich werde, liege an der Meinungsvielfalt in der evangelischen Kirche. Hier herrsche ein Pluralismus mit gegensätzlichen Aussagen vor. Der Theologe Wolfhardt Pannenberg sehe das Hauptproblem der Kirche darin, dass zentrale Inhalte der Verkündigung bei vielen Pfarrern nicht vorhanden seien. An den Schaltstellen bestehe ein kolossales inhaltliches Problem. Morgner: „Im Alltag macht es sich dort bemerkbar, wo Menschen, die Trost, Hilfe und Vergebung aus dem Evangelium erwarten, ‚Steine statt Brot’ erhalten. Bemerkbar wird es dort, wo man sich nur mit den gesellschaftspolitischen Auswirkungen des Evangeliums beschäftigt und nicht mit den Wurzeln.“Beim Kern der christlichen Botschaft, wenn es um Kreuz und Auferstehung gehe, fange das Diskutieren an. Die Pfarrer seien dafür da, den Menschen Glaube und Liebe zu lehren, Verbindungen mit Gott zu fördern. Themen wie Umeltschutz, Friedensarbeit oder Sozialarbeit seien Themen der zweiten Reihe.Innerkirchlicher PietismusDer Name Morgner, so Weiß, stehe für innerkirchlichen Pietismus. „Wie begründen Sie den innerkirchlichen Pietismus heute? Spener aber auch der Siegerländer Pietist Tillmann Siebel hielten die Kirche für reformierbar.“Er halte Kirche ebenfalls für reformierbar, so Morgner. Es bestünden alle Möglichkeiten und Chancen. Es seien mittlerweile viele Pfarrer im Dienst der Kirche, die die Studienhäuser der Bekenntnisbewegung, wie das Bengel-Haus in Württemberg, durchlaufen hätten. Heute arbeiteten mehr Pfarrer im Sinne der Gemeinschaftsbewegung als noch vor 30 Jahren. Zudem habe die EKD-Synode 1999 die Themen Evangelisation und Mission stärker betont. Auch dies habe Auswirkungen.Pietas, aus dem sich Pietismus ableite, heiße Frömmigkeit. Der Pietismus sei ein Markenzeichen für die Erneuerungsbewegung in der Kirche geworden. Vieles von dem, was heute üblich sei, habe der Pietismus hervorgebracht. Dazu gehörten Bibelstunden, Kleingruppen oder auch die Konfirmation. Zwei Persönlichkeiten des Pietismus seien August Hermann Franke, der die Anstalten in Halle gegründet habe und Zinsendorf, dem man die Losungen und das Interesse an der Weltmission zu verdanken habe. Heute finde sich der Pietismus in der Gemeinschaftsbewegung, in Freikirchen und auch in Kirchengemeinden. Dabei gehe es um persönliche Frömmigkeit, Bekehrung, Liebe zur Heiligen Schrift und um Liebe zur Mission.Der Pietismus habe seine Kraft innerhalb der Volkskirche entfaltet. Der Gnadauer Gemeinschaftsverband sei ein freies Werk innerhalb der evangelischen Kirche. Dies sei seine Position. Der Gemeinschaftsverband sei heute ein Dachverband, dem über 80 regionale Gemeinschaftsverbände und die mit ihnen verbundenen Werke der Mission und Diakonie angehörten. Dies wirke in der Kirche prägend.Kirche und ÖkumeneAuch die Besucher der Talk-Veranstaltung beteiligten sich an der Diskussion. Auf die Frage, warum viele Menschen heute zwar mit Glauben, aber nichts mit Kirche zu tun haben wollten, machte Morgner deutlich, dass Kirche ein wichtiger Bestandteil in unserer Gesellschaft sei. Die Kirche leiste viel für den Fortbestand der Demokratie. Je stärker in einem Volk die Gottesfurcht schwinde, um so kälter werde das soziale Klima. Die Menschen müssten acht haben auf die Werte unserer Demokratie. Die Situation der Kirche habe sich nach der Wiedervereinigung verändert. Heute sei 1/3 der Bevölkerung katholisch, 1/3 evangelisch und 1/3 konfessionslos. Der christliche Grundwasserspiegel sei abgesackt. Die Christen seien nicht darauf vorbereitet, dass die Wertmaßstäbe des Staates und die der Kirche mittlerweile zunehmend auseinander klafften. Es gelte, eine christliche Alternativkultur zu leben. Er erlebe eine zunehmende Individualisierung. Es sei jedoch unbiblisch zu meinen, der einzelne Christ käme ohne Gemeinde aus.Auf den ersten gemeinsamen evangelischen und katholischen Kirchentag angesprochen bemerkt Morgner, der Begriff Ökumene sei ein biblischer Begriff und stehe für die weltweite Christenheit. Die sei allerdings sehr zerklüftet. Allein im protestantischen Raum gebe es weltweit 10.000 Gruppierungen. Die Einigkeit der Christen sei ein hohes Gut und habe im Neuen Testament einen hohen Stellenwert. Die Bibel sei gegen Separatismus und Individualisierung. Im übrigen habe sich der Pietismus in der Geschichte an den Grabenkämpfen zwischen evangelisch und katholisch nicht beteiligt. Wenn die Kirchen stärker zusammenstehen würden, könnte sie nachhaltiger öffentlich wirken. Musikalisch wurde die Veranstaltung umrahmt von Matthias Schmitz, Organist in der Siegener Marienkirche.Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)Pfarrer Ulrich Weiß (links) befragte auf dem Bunten Sofa der Christuskirchengemeinde Wellersberg Pfarrer Dr. Christoph Morgner, Präses des ev. Gnadauer Gemeinschaftsverbandes. Das pietistische Element hat für Morgner in der ev. Kirche einen wichtigen prägenden Stellenwert.

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