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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Auch kleine Schritte erhöhen Chancengleichheit
Gemeinsam Kinderarmut den Kampf ansagen

Dr. Holger Petri
05.02.2010 11:39

Als ein Erfolg kann die Resonanz auf die Veranstaltung „Chancengleichheit statt Kinderarmut“ gewertet werden, die kürzlich im LŸZ in Siegen stattfand. Nicht nur dass trotz des Winterwetters kaum noch ein Platz frei war, nein, es wurden auch noch 400 Euro gesammelt, die der DRK-Kinderklinik in Siegen zugute kommen. Für dieses Geld wird Dr. Holger Petri, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und Chefarzt des Sozialpädiatrischen Zentrums Spiele und Bücher kaufen, die bei Kindern das Sprachvermögen, die Merkfähigkeit und die Neugierde auf das Leben fördern. Die Mitarbeitenden der Kinderklinik besuchen in ihrem ambulanten Dienst auch Familien, die materiell nicht in der Lage sind, die Klinik aufzusuchen und auch nicht ihren Kindern solche Lernhilfen zu kaufen. Ihnen sollen die Spiele und Bücher ausgeliehen oder geschenkt werden.

Zudem sollen, so Susanne Hoffmann-Stein vom Veranstalterteam, als ein weiterer Schritt der Information und Vernetzung auf der Internetseite des Kirchenkreises Siegen (www.kirchenkreis-siegen.de) ähnliche Angebote gesammelt werden, damit die einzelnen ehrenamtlichen Helferkreise und professionellen Hilfseinrichtungen voneinander erfahren und ihre Hilfe zielführend ergänzen können.

Die stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Siegen Angelika Flohren freute freue sich, dass „so viele gekommen sind und helfen wollen“ und wünschte, dass viele Ideen und Handlungsmöglichkeiten gegen Kinderarmut entstünden.

In Deutschland gilt als arm, dessen Einkommen unter 60% des Durchschnittseinkommens liegt. Familien mit drei und mehr Kindern, Alleinerziehende tragen ein überdurchschnittliches Armutsrisikio. In Deutschland lebt nach dieser Definition jedes 10. Kind in relativer Armut. Horst Fischer, Leiter des Fachbereiches Soziales, Familien, Jugend und Wohnen der Stadt Siegen, erläuterte die Armutssituation in der Krönchenstadt und darüber hinaus. Im Kreis Siegen-Wittgenstein erhielten im Dezember 2009 17.400 Personen Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II. Das sind rd. 6% der Bevölkerung. In dieser Zahl enthalten sind 4.671 Kinder unter 15 Jahren. In 1987 erhielt ein alleinstehender erwachsener Sozialhilfebeziehender 3,87 Euro am Tag für Ernährung. Ab Juli 2007 waren es noch 3,81 Euro, für die man aber nur 20% weniger Lebensmittel kaufen kann, da die Lebensmittelpreise in dieser Zeit um 20 % gestiegen sind. Ein 12jähriges Schulkind hatte 1987 2,90 Euro täglich zur Verfügung. Ab Juli 2007 seien es 2,28 Euro gewesen und heute liege der Betrag bei 3,22 Euro. Unter Berücksichtigung der Preissteigerung müsste es auf der Grundlage von 1987 3,48 Euro sein.
Besonders trifft arme Menschen mangelnde Mobilität und damit eine nur geringe Teilhabe am öffentlichen Leben. Für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel sind für Alleinstehende 19,98 Euro vorgesehen. Einzelfahrscheine im Stadtgebiet kosten 2,30 Euro. Für Beziehende von Sozialleistungen, so Fischer, ist es also durchschnittlich einmal pro Woche möglich, innerhalb des Stadtgebietes Siegen mit dem Bus oder der Bahn hin- und zurückzufahren. Der Kauf einer günstigeren Monatskarte ist für diesen Personenkreis unter den derzeitigen Bedingungen nicht möglich. Davon wusste auch Chefarzt Dr. Petri zu berichten. Hört er doch von Eltern immer wieder: „Wie sollen wir in die Klinik kommen?“ „Das“, so der Chefarzt, „bringt unser System an die Grenzen. Es sind noch nicht viele, aber es werden immer mehr. Das macht mir Angst. Wir würden gerne mobiler sein und zu den Familien kommen.“

Wenn das Geld knapp wird, weiß der Sozialexperte Fischer, sparen die Menschen als erstes an der Erziehung und damit an Bildung. Und da dies die Kinder trifft, die selbst nicht entscheiden können, lautet seine Forderung: „Bildung benötigt einen kostenfreien Zugang!“50% der Kinder in Kindertageseinrichtungen in Siegen brauchen keinen Elternbeitrag mehr zu entrichten, weil es sich entweder um Geschwisterkinder handelt oder aber das Einkommen der beitragspflichtigen Eltern unter 30.000 Euro liegt.
Die Stadt Siegen verfügt über rd. 3000 Kita-Plätze für Kinder unter drei Jahren bis zur Schulpflicht. Die Hälfte davon bieten eine Übermittagsbetreuung an und damit ein warmes Mittagessen. In diesem Jahr wird davon ausgegangen, dass 700 Kinder ein kostenloses Mittagessen erhalten werden. Dies, so Fischer, ist nicht nur eine familienfreundliche Entscheidung, sondern auch ein Beitrag zur Bekämpfung von Armut.“

Ruth Demandewicz, seit 17 Jahren Leiterin der Ev. Kindertagesstätte „Haardter Berg“ machte deutlich, wie in ihrer Einrichtung, dank der Regelungen der Stadt Siegen, Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit ihren Stellenwert erhalten. Die Einkommensverhältnisse der Eltern spielen in ihrer Einrichtung keine Rolle. Für die Kinder in diesem Alter ist Wertschätzung und geliebt werden sehr viel wichtiger. Erst in der Schule gehe die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander. In der evangelischen Einrichtung gibt es einen Spendentisch, wo Spielzeug, Kleidung oder Schuhe abgegeben werden können, die nicht mehr benötigt werden. Bedürftige Familien können die Sachen mitnehmen. Für wichtig hält sie vor allem Elterngespräche, auf die sich alle Eltern der Kinder in der Einrichtung einließen. Demandewicz: „Wir bemühen uns darum, Eltern wertzuschätzen. Sie sollen stolz sein auf ihre Kinder, unabhängig vom sozialen Status.“ Die Erzieherin hält den Ansatz der Stadt Siegen, dass Kinder aus Familien mit einem Einkommen unter 30.000 Euro ein kostenloses Mittagessen, erhalten für den richtigen Weg. Und auch das Sprachförderprogramm des Landes NRW fördere die Chancengleichheit.

Bei allem Ernst des Themas kam dennoch die Kultur nicht zu kurz. TonArt stand auf dem Programm. Das beliebte Vocalensemble konnte aber leider nicht auftreten, da ein Mitglied erkrankt war. Ganz kurzfristig sprang die A-Capella Gruppe „Harmonie Academie“ ein. Amerikanische Barbershopgesänge, klassische und auch moderne geistliche Musik haben sie in ihrem Repertoire. Und die Geschichtenerzählerin Gwendith alias Dagmar Leidig, entführte gekonnt ihre Zuhörer in eine moderne Version des Märchens von Hänsel und Gretel.

Durch die Veranstaltung führte Wolfgang Münch, der darauf hinwies, dass es keinen Frieden ohne Gerechtigkeit und keine Gerechtigkeit ohne Chancengleichheit gibt.
Ehrenamtlich Mitarbeitende des Ökumenischen Arbeitskreises gegen Gewalt / Ökumenisches Friedensgebet Weidenau hatten zu dem Informationsabend eingeladen. Der Arbeitskreis ist an die Evangelische Kirchengemeinde Weidenau, die Katholische Heilig-Kreuz-Gemeinde und an die Evangelisch Freikirchliche Gemeinde Engsbachstraße angebunden.
kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)

Dr. Holger Petri, Chefarzt an der DRK-Kinderklinik, wünscht sich mehr Heilpädagogen, die die Familien besuchen können.



Gwendith alias Dagmar Leidig entführte die Zuhörer stilecht gewandet in die Welt der Märchen.



Harmonie-Academie sorgte für die Leichtigkeit bei der schweren Kost des Abends.


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