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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen
Kinder- und Jugendpsychiater Dr. med. Michael Winterhoff sprach vor 600 Besuchern in der CVJM-Jugendbildungsstätte

Dr. Michael Winterhoff
25.03.2010 15:00
Mehr als 30 % aller Kinder und Jugendliche weisen heute, unabhängig von Intelligenz und Herkunft, massive psychische Reifedefizite auf. Im Kindergartenalter zeigt sich eine erhebliche Zunahme an sprachlichen, motorischen und sozialen Störungen. Diese Feststellung trifft Dr. Michael Winterhoff, Kinder- und Jugendpsychiater, Psychotherapeut und Bestsellerautor. Sein drittes Buch ist seit ein paar Tagen auf dem Markt. Seit 1988 betreibt er in Bonn eine eigene Praxis.
Etwa 600 Besucher hatten sich jetzt in der CVJM-Jugendbildungsstätte eingefunden, darunter viele Erzieherinnen und Pädagogen, um sich über die Erkenntnisse und Forderungen des populären Psychiaters zu informieren. Eingeladen hatten die 15 evangelischen Familienbildungsstätten in den Kirchenkreisen Siegen und Wittgenstein zu der außergewöhnlichen Vortragsveranstaltung, für diees innerhalb von fünf Tagen keine Eintrittskarten mehr gab.
Mit einem Potpourri bekannter Kinderlieder, jazzig interpretiert, stimmte Marie Schnell sehr gekonnt die Zuhörer auf den Vortrag ein. Trotz Erkältungskrankheit und stimmlich angeschlagen hatte der eloquente Psychiater von Anbeginn die Aufmerksamkeit der Zuhörenden. Er sprach frei, ohne Vorlage. Und er sprach offensichtlich eine Situation an, die vielen Erziehenden zunehmend zur Last wird.

Viele Kinder und Jugendliche, so Winterhoff, seien heute nicht belastbar, nicht arbeitsfähig und auch nicht ausbildungsfähig. Letzteres treffe mittlerweile auf jeden zweiten Schulabgänger zu.
Darauf sei man in Schulen und Betrieben nicht eingestellt, da diese Fehlentwicklungen erst seit 15 Jahren zu beobachten seien.

Als Ursache sieht er den Verlust der eigentlich intuitiv angelegten Gewissheit im Umgang mit der Erziehung von Kindern und damit auch den Verlust der Fähigkeit, den erforderlichen Beitrag für die Reifeentwicklung der kindlichen Psyche zu liefern.
Erziehung entstehe durch Beziehung. Dies erfordere Zuwendung, Zeit und innere Ruhe. Winterhoff: „Ich bin dann beim Kind und nicht beim Handy. Heute erleben Kinder angespannte Erwachsene.“ Als Elternaufgabe nennt er Lieben und Führen.
Heute dagegen seien es nicht selten die Erwachsenen, die von den Kindern geliebt werden wollten. Das Kind werde als kleiner Erwachsener gesehen, als Partner auf Augenhöhe. Es solle in freier Selbstbestimmung Entscheidungen treffen und damit nicht kindgerechte Verantwortung übernehmen mit der Folge der Überforderung.
Bei einer weiteren Beziehungsstörung unterscheide der Erwachsene faktisch nicht mehr zwischen dem Kind und sich selbst. Das Kind werde im Rahmen einer psychischen Verschmelzung zu einem Teil des Erwachsenen. Symbiose nennt der Facharzt dieses besondere Zusammenleben. Durch die Symbiose komme es zu einer Machtumkehr, die dem Kind die Chance auf eine eigene psychische Reifung verbaue. Die fehlende Abgrenzung mache eine kritische Beurteilung des Verhaltens des Kindes und damit jede angemessene Reaktion unmöglich.

Viele Schüler hätten heute die psychische Entwicklung eines 10 bis 16 Monate alten Kleinkindes. Die psychische Lebenssituation eines solchen Kindes sei jedoch nicht verbaut. In einem Zeitraum von etwa eineinhalb Jahren könnten Kinder nachreifen, so die Erfahrung des Experten. Dies könne auch außerhalb der Familie geschehen. Ob die Bezugsperson die eigene Mutter sei oder eine Fachperson, sei hierbei nicht ausschlaggebend.
Dazu müssten die Kindertageseinrichtungen allerdings personell und fachlich entsprechend ausgestattet sein.
Winterhoff plädiert zudem für eine Frühförderung in einer Vorschule für Fünfjährige. Eine Klasse sollte nicht mehr als 10 bis 12 Kinder umfassen. Logopäden und Ergotherapeuten müssten hinzugezogen werden, um die Entwicklung der Kinder zu fördern. So könnten Kinder die erforderliche psychische Schulreife erlangen.
Winterhoff: „Frustrationstoleranz, Gewissensbildung, Arbeitshaltung und soziale Kompetenz müssen eingeübt werden. Das kommt nicht automatisch. Im Verhältnis des Erwachsenen zum Kind wird dies entwickelt.“ Und: „Psyche funktioniert nicht über begreifen, sondern über üben. Sie muss trainiert werden, immer und immer wieder.“

Ein normal reifes Kind im Grundschulalter gehe gerne in die Schule und sei wissbegierig, so der Referent. Heutzutage beispielsweise spielten in seiner Praxis 12-jährige Kinder mit Kindergartenspielzeug, reagierten nicht, wenn er den Raum betrete und seien respektlos. Respektlos sei jedes Kind unter drei Jahren. Bei erzogenen Kindern, die respektlos seien, sei die Psyche unterentwickelt.

Dieser fatalen Entwicklung hat der Kinder- und Jugendpsychiater einiges entgegenzusetzen. Ohne ein Erkennen der Situation und ein Gegensteuern bei Erziehungsansätzen geht es jedoch nicht.
Die Eltern, so der Kinderpsychologe, müssten informiert und unterstützt werden, um sich angemessen verhalten zu können, entsprechend der Reifeprozesse ihrer Kinder.
Auch die schulischen Konzepte müssten auf ihre Tauglichkeit bei psychischen Reifedefiziten überprüft werden. Er erlebe oftmals in der Schule keinen Lernaufbau, sondern eine Zettelwirtschaft. Heute werde leider zu den Eltern gesagt: „Bitte üben sie nicht mit den Kindern, das kommt ganz von alleine.“ Die Ausstattung der Klassenzimmer mit der Anordnung der Tische zu Arbeitsgruppen fördere nicht die Aufmerksamkeit der Kinder, sondern lenkte ab, so Winterhoff kritisch. Zudem würden Kinder im Kindergarten- und frühen Grundschulalter durch die Forderung nach Selbstbestimmung generell überlastet.
Und zur offenen Ganztagsschule fällt die Bemerkung: „25 Kinder in einer Gruppe, das ist eher Verwahrlosung als Erziehung.“
kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Dr. Michael Winterhoff erläuterte seine Erziehungsthesen vor 600 interessierten Zuhörern in der CVJM-Jugendbildungsgstätte in Wilgersdorf.

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