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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

„Kinder werden zu leistungsschwachen, unmotivierten Egoisten erzogen“Dr. Albert Wunsch zu Gast beim 10-jährigen Jubiläum der Evangelischen Familienbildungsstätte
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02.07.2003 13:30
Provokante Thesen mussten die Gäste beim Vortrag von Dr. Albert Wunsch, Buchautor und Leiter des katholischen Jugendamtes Neuss bei einem Vortrag im evangelischen Gemeindehaus Dautenbach aus Anlass des 10-jährigen Jubiläums der Evangelischen Familienbildungsstätte zur Kenntnis nehmen. „Kinder entwickeln sich heutzutage entweder zu Marionetten oder zu Monstern“, vermittelte Wunsch den anwesenden Vätern, Müttern oder anderweitig Erziehenden. Das Resultat werde man in der Zukunft gesellschaftlich zu tragen haben, es wüchse eine Generation von leistungsschwachen, unmotivierten Egoisten heran. „Harter Tobak“, mag der eine oder die andere gedacht haben „wenngleich bei näherer Betrachtung leider noch nicht mal so abwegig“, stand den Zuhörenden ins Gesicht geschrieben.Ein BeispielBanal anmutende Beispiele aus dem Siegerländer Alltag sollten es deutlich machen: „Stellen sie sich eine gemeinsame Mahlzeit vor. Der Sprössling verlautbart, es fehlt der Sprudel. Wer wird die Flasche holen?“ Teils verlegenes, teils amüsiertes Gelächter in den Reihen sprach Bände. „Jedenfalls nicht der durstige Sprössling“, hätte man durchaus übersetzen können, besäße man als außenstehende Beobachterin nicht den Zwang zur Neutralität. „Die Verwöhnungsfalle hat schon zugeschlagen“, hieß es. Die Mehrheit der Erziehungspersonen fühle sich nicht mehr kompetent, den eigenen Nachwuchs zu erziehen und möchte diese angeblich nicht zu bewältigende Aufgabe am liebsten an staatliche Institutionen weitergeben. Die Ergebnisse der Pisastudie allerdings zeigten, dass auch hier wohl kaum Abhilfe zu erwarten sei. Der Mangel an konsequenter Erziehung in den Elternhäusern schlage als Bildungsmangel zu Buche, denn Bindung an Regeln und Verantwortlichkeiten gebe erst die Voraussetzung zur Bildung. Ganztagsschulen und Ganztagskindergärten, wie sie aktuell propagiert würden, fördere eher das Heranwachsen von Asozialen, sollte die Verantwortung der Elternhäuser auf staatliche Institutionen abgewälzt werden. Erziehung ist zeit- und kraftraubend„Erziehung ist zeit- und kraftraubend“, erläuterte der Referent. Dies stehe im krassen Gegensatz zum mediengeförderten Lebensgefühl „Genuss ohne Anstrengung.“ Ohne Anstrengung aber sei nichts zu erwarten. Wachstum entstehe nun mal nur durch Anstrengung. Deshalb müsse Eigenverantwortung durch konsequente Erziehung schon von Klein an gefördert werden. „Fördern oder Befördern“, dies seien die Handlungsalternativen mit den entsprechenden Folgen. Soll heißen: Befördere ich als erziehungsverantwortlicher Mensch regelmäßig das Geschirr, die schmutzige Wäsche und den Staub aus dem Zimmer des 14-Jährigen oder fördere ich seine Eigenverantwortung im Hinblick auf Ordnung und Sauberkeit dadurch, dass er die Konsequenzen für seinen liederlichen Haushaltsstil tragen muss ? Schließlich ist auch das umfangreichste Arsenal an sauberen Socken irgendwann aufgebraucht. Die Stunde der Verantwortlichen, könnte man meinen, geht man vom weitverbreiteten Gedanken der Schadenfreude aus. Genau der aber solle nicht die treibende Kraft der Aktion sein, sondern vielmehr ein pädagogischer Dreisatz, der nur als Einheit wirksam sei: wohlwollend, konsequent, vorlebend! Strafe sei etwas völlig anderes als Konsequenzen tragen. Im letzteren Fall könne ein direkter Bezug zum vorangegangenen eigenen Handeln hergestellt werden, so dass eine Verhaltenskorrektur gelernt werde, statt eine womöglich unsinnige Strafe abzubüßen. Die logische Folge aus Verhaltensweisen müsse deutlich spürbar werden. Auf das Leben vorbereitenInsofern sei Erziehung tatsächlich ein anstrengendes Unterfangen, gelte es doch, das Kind entsprechend seinen vorhandenen Möglichkeiten auf das Leben vorzubereiten ohne Abhängigkeiten zu erzeugen. Die eigenständige Leistung sei der Motor für die Entwicklung zu einem selbstständigen, eigenverantwortlichen Menschen mit sozialen Kompetenzen, was auch für den Zugang zur Berufswelt große Bedeutung habe. Deshalb sollten Eltern, die ihre Kinder unangemessen verwöhnen, fragen, ob und für wen sie eigentlich tatsächlich das Beste wollten. Gerade Mütter seien anfällig für einen abhängigmachenden und damit begrenzenden Erziehungsstil. Dahinter verberge sich oft unbewusst die Angst, irgendwann nicht mehr gebraucht zu werden.Verschiedene ErziehungsstileDrei Muster seien zu beobachten: Das Elternhaus als Disziplinierungsanstalt, in dem der Nachwuchs Befehlen folgt ohne deren Sinn und Nutzen nachvollziehen zu können, das Elternhaus als Leer-anstalt, als ein Vermächtnis der 70-er Jahre, was nicht selten bedeute, den Nachwuchs lediglich orientierungslos sich selbst zu überlassen und schließlich das Ideal, ein Elternhaus als Beziehungs- und Entwicklungsraum, in dem das Kind zukunftsorientiert handeln lernen kann. Strukturen geben Halt. Konfliktlösungsstrategien werden entwickelt, so dass jede durchgestandene Konfliktsituation ein Training für die „seelischen Muskeln“ darstellt.„Leistungsschwache, unmotivierte Egoisten...“„Psychopharmaka und andere Medikamente, wie sie heutzutage bei Schülern und Studenten gang und gebe sind, zeugten von einem unterentwickelten Potenzial an Konfliktmanagement.“ Dies zeige sich auch in der steigenden Anzahl von Ehen, die geschieden werden. Falsches Helfen, wie zum Beispiel unangemessenes Loben, sei für die Entwicklung von Kindern ebenso schädlich, wie eine unangemessene Verweigerung von Hilfestellungen. „Das Schlimmste was einem Kind passieren kann, sind unverantwortliche oder perfekte Eltern.“, so Wunsch. Härte und Strenge befördere Lustlosigkeit während Wohlwollen und Konsequenz Lebensmut und Lebenstüchtigkeit fördere. Verwöhnung hingegen verhindere Interesse und Neugier, Auseinandersetzungsbereitschaft, Kraft- und Ausdauer sowie Zielstrebigkeit. Durch falsche oder übertriebene Anerkennung entstehe ein falsches Selbstbild, durch die Gewährung von Grenzerfahrungen wiederum Toleranz und Rücksicht, die Freude über selbstgeschaffenen Erfolg und daraus ein gesundes Selbstwertgefühl. „Verwöhnung im eigentlichen Wortsinn, nämlich sich in übler Weise an etwas gewöhnen, verhindert ein erfolgreiches Leben“, lautete die Botschaft, die offensichtlich trotz der harten - vielleicht aber gerade wegen der klaren und eindeutigen Aussagen des Referenten – offensichtlich dankbar vom Publikum entgegen genommen wurden.

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