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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Humor und Fantasie
Pfarrer Christian Führer aus Leipzig in der Siegener Martinikirche

Pfarrer Christian Führer in der Martinikirche Siegen
02.07.2010 12:57
Einen Augenzeuge und maßgeblich Beteiligten der friedlichen Revolution vor 20 Jahren in der ehemaligen DDR hatten jetzt (28. Juni) die Martini-Kirchengemeinde Siegen und die Gustav-Heinemann-Friedensgesellschaft zu einem Vortrag in die Martinikirche eingeladen. Christian Führer, ehemaliger Pfarrer der Nikolaikirche in Leipzig, hielt die Erinnerung an die dramatische friedliche Revolution wach, die in einer Kirche ihren Anfang nahm. Er zeigte zudem auf, wie die friedliche Revolution heute weitergehen kann.

Eine „Stiftung Friedliche Revolution“ ist gegründet worden, die die vier Wertemuster der damaligen Bewegung „Keine Gewalt“, „Schwerter zu Pflugscharen“, „Wir sind das Volk“, und „Offen für alle“ stärker in der Gesellschaft verfestigen will. Die Stiftung setzt sich ein für Formen des friedlichen zivilen Ungehorsams und für Friedenspolitik. Sie ermuntert zu mehr gesellschaftlichem Engagement, tritt ein für kulturelle Vielfalt und kämpft gegen Rassismus und soziale Ausgrenzung in Deutschland. „Es ist Zeit für eine sozial-ethische Neubesinnung, Zeit für eine solidarische Ökonomie“, so der mittlerweile pensionierte Pfarrer. „Die Wirtschaft muss im Dienst der Menschen stehen und nicht zur privaten Bereicherung dienen.“

Mit der Einführung der Friedensdekade in der DDR Anfang der 80er Jahre unter dem Motto „Schwerter zu Pflugscharen“ begannen auch in der Leipziger Nikolaikirche die Friedensgebete. Vom 8. bis 18. November 1981 seien zunächst 10 Friedensgebete geplant gewesen und mit Flugblättern beworben worden. 130 Jugendliche hätten sich zu dem ersten Friedensgebet eingefunden. Manche von ihnen hätten noch nie eine Kirche von innen gesehen.
In der Kirche fanden die Jugendlichen die Freiheit, über die Themen zu reden, die sie bewegten. „Was würde Jesus dazu sagen?“, sei die Perspektive gewesen, aus der heraus nach Antworten auf die Fragen der Jugendlichen gesucht worden seien, so Führer. Der Wunsch nach mehr solcher Veranstaltungen sei laut geworden. Der Kirchenvorstand habe daraufhin beschlossen, jeden Montag ein solches Friedensgebet anzubieten. Dies sei etwas Einmaliges in der DDR gewesen. Führer zeigte auf, dass mit Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Humor und Fantasie mehr möglich gewesen sei, als man vermutet habe. Ein Gesprächskreis „Hoffnung für Ausreisewillige sei entstanden. Zu einem Vortrag „Leben und Bleiben in der DDR“ habe man 50 Personen erwartet und 600 seien gekommen. Er habe in seine Rede das Bibelwort eingeflochten: „Gott macht fröhlich was da lebet im Osten wie im Westen“. (Ps. 65, 9) Er schilderte beeindruckend, wie die Nikolaikirche von 1000 SED-Genossen besetzt wurde, um ein Friedensgebet zu verhindern. Tausende von Menschen, zu 90 % Nichtchristen, hätten sich in diesen Tagen in die Kirchen gedrängt. Die Frucht der Friedensgebete, so Führer, sei 1989 reif geworden.

Im September 1989 seien durch die Leipziger Messe viele westliche Journalisten in der Stadt gewesen. Man habe die Friedensgebete wie immer nach der Sommerpause fortgeführt. Teilnehmer hätten vor der Kirche für einen kurzen Moment die Gelegenheit gehabt, ein Plakat mit der Aufschrift „Für ein offenes Land mit freien Menschen“ zu zeigen, bevor es die Stasi beseitigt habe. Für die ausländischen Fernsehkameras habe es ausgereicht. Über die ARD, die diesen Vorgang gesendet habe, sei die Bewegung auch in der DDR über das Westfernsehen verbreitet worden. Er habe in dieser Zeit viele Mut machende Anrufe aus dem Westen erhalten. Am 9. Oktober 1989 wurde die Nikolaikirche in Leipzig Ausgangspunkt der Demonstration der 70.000 Menschen mit ihren Kerzen und damit zum Brennpunkt der friedlichen Revolution. Es sei die größte Demonstration in der Geschichte der DDR gewesen. Ergreifend schilderte Führer, dass es trotz des großen Aufgebotes von Armee und Polizei zu keiner staatlichen Gewaltaktion wie in Prag oder Peking gekommen sei. Erst sei in der Kirche gebetet worden und dann habe man friedlich demonstriert. Führer: „Es geschah ein Wunder biblischen Ausmaßes damals in Leipzig.“ Von Gorbatschow habe er später erfahren, dass aus der UdSSR der Hinweis gekommen sei: „Die Sowjetunion mischt sich nicht in die inneren Angelegenheiten der DDR ein.“
Christian Führer hält den 9. Oktober, den Tag der großen friedlichen Revolution, für den treffenderen Gedenktag der Deutschen Einheit.

Auch nach 1989 seien die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche fortgesetzt worden. Die Christen in der DDR, so Führer, sind an den Widerständen gewachsen. Wenn es der Kirche gut geht, ist es nicht gut für die Christen. Auch heute müsse die Kirche bei den Unterdrückten sein und nicht bei den Unterdrückern. Ein neuer Kreis „Hoffnung für Arbeitslose“ sei gegründet worden. Führer: „Wir sind unbequem geblieben. Wir haben uns für Betriebe eingesetzt, die platt gemacht werden sollten. Wir haben auch mit 45.000 Menschen gegen den Irankrieg demonstriert. Die Menschen, die uns unterstützen, gehören nicht alle der Kirche an. Und auch heute werden Antworten von Jesus her gesucht.“

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Pfarrer Christian Führer sprach in der Siegener Martinikirche: Die friedliche Revolution muss weitergehen.

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