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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Predigt von Superintendentin Annette Kurschus über Psalm 55 i.A.
im ökumenischen Gottesdienst zum NRW-Tag am 18. September 2010 auf dem Platz des Unteren Schlosses in Siegen

Superintendentin Annette Kurschus
18.09.2010 17:44
Liebe Festgemeinde
lange hat unsere Stadt sich auf diese Tage vorbereitet – jetzt legen wir los mit dem großen Festprogramm.
Angenommen,
in diesem Moment platzte jemand mit lautstarken Parolen in unseren Gottesdienst:„Alles Schönredner, die sich hier versammelt haben; Lobhudler, Einschmeichler, Phrasendrescher – und nun obendrein auch noch Gottesdienstfeierer!Große Worte tragen sie wie Fahnen vor sich her, putzen die Stadt heraus, wienern die Straßen und Unterführungen und Plätze, damit Siegen für die Festgäste nur so glänzt – und die im Dunkeln sieht man nicht.“

Angenommen, liebe Festgemeinde, es käme einer mit solchen Parolen auf diesen Platz, wo wir gerade Gottesdienst feiern – wir würden alles tun, um ihn augenblicklich zum Schweigen zu bringen.
Die Hüter der Ordnung, die während des Festes verstärkt für unsere Sicherheit sorgen, würden diesen Menschen packen und wegschaffen – das ist ihre Pflicht. Platzverbot. So jemand ist peinlich. Vielleicht sogar gefährlich – wer weiß. Jedenfalls trübt er die Feierlaune. Beschmutzt unser geschmücktes Nest. Verdirbt das Fest.Der darf hier nicht sein, jedenfalls jetzt nicht – der muss hier weg.

Dabei könnte es sein, dass er manchen aus dem Herzen spricht:
Männern und Frauen und Kindern unserer Stadt; Bewohnerinnen und Bewohnern Siegens, die hier mit uns zusammen leben und zu Hause sind.
Sie sind nicht alle so mutig wie der, der seine Parolen ruft.
Die meisten von ihnen bleiben still.
Die im Dunkeln hört und sieht man nicht.

Nun hat dieser unbequeme Störenfried einen, der ihm Gehör verschafft –trotz Platzverweises.
Da gibt es einen, der ihm seine Stimme leiht – und zwar eine durchaus prominente Stimme.
In diese prominente Stimme haben wir eben alle gemeinsam eingestimmt.
Es ist die Stimme des biblischen Psalmbeters:

Glatter als Butter schmeichelt ihr Mund,
aber handfester Streit liegt ihnen am Herzen.
weicher als Öl fließen ihre Worte,
aber sie sind offene Messer.

Die Gewalttäter schreien laut; die Unrecht tun, bedrängen mich,
Unheil lassen sie auf mich herabfallen, beschuldigen mich wutschnaubend.
...
Ich sehe rohe Gewalt und Streit in der Stadt.
Unheil und Leid in ihrer Mitte.

Wir wissen nicht genau, in welcher Stadt der Psalmbeter lebte und mit welchen Menschen er solche Erfahrungen machen musste; seine historische Situation lässt sich schwer ausmachen.
Ich stelle mir vor:
Er könnte auch hier in Siegen leben. Heute.
Könnte seine Stimme erheben für Arbeitslose, Wohnungslose, Hartz-IV-Empfänger, Abgewiesene, nicht Beachtete bei uns.
Er könnte seine Parolen rufen für vergewaltigte Frauen oder missbrauchte Kinder oder abgeschobene alte Menschen.
Keine anonyme, gesichtslose Masse ist das, für die er ruft und stört.
Alle tragen sie einen Namen; alle haben sie eine eigene, unverwechselbare Geschichte.
Ihre Geschichte bei uns in Siegen, wo heute und morgen Nordrhein-Westfalen Geburtstag feiert.

Die Gewalttäter schreien laut; die Unrecht tun, bedrängen mich,Unheil lassen sie auf mich herabfallen … :

Die, denen das aus dem Herzen gesprochen ist;
die, denen der Beter jenes uralten Gebets seine Stimme leiht, sindauch Siegen.
Ihre Anliegen, ihre Fragen gehören hier hin – in unsere Ohren und Augen und Herzen. Was sie bewegt, ist ebenso wichtig wie alles, was wir bei diesem Fest gern vorzeigen, was gelungen ist und sich verheißungsvoll entwickelt, woran wir uns freuen und worauf wir stolz sind.
Wir dürfen die Menschen, an deren Stelle der prominente Beter seine Stimme zu Gott erhebt, nicht einfach zum Schweigen bringen.
Sie gehören in unsere pulsierende Stadt.
Die Kurve eines Elektrokardiogramms, die mit ihren Linien den Herzrhythmus eines lebendigen Körpers darstellt, hat nicht nur Spitzen, sie hat auch Tiefpunkte.Das Logo unseres NRW-Tags zeigt es deutlich: Ganz tief runter geht´s da an einigen Stellen.
Auch das, was nicht glänzt, was menschenunwürdig ist, was unbedingt anders werden muss, was buchstäblich zum Himmel schreit, macht den Herzschlag dieser Stadt aus.

Siegen, wie es sich heute und morgen mit Glanz präsentiert, ist nicht alles.
Siegen ist mehr.
Siegen ist auch, was wir aus gutem Grund nicht vorzeigen.
Siegen ist auch: Verlieren. Schwach und unansehnlich sein. Hilfe brauchen. Abhängig sein. Not leiden. Unrecht erfahren. Nicht weiter wissen.

Die Verantwortlichen dieser Stadt wissen das.
Und die im Land das Sagen haben, wissen es auch.
Da sind so viele gute Ansätze, so viele Ideen, so viele fantasievolle Projekte – und vor allem: Da setzen sich unzählige Menschen haupt- und ehrenamtlich Tag für Tag ein, um den Schwachen und den Verlierern in Siegen Chancen zu bieten.
Und: Da ist so viel Müdigkeit und Resignation, wenn deutlich wird: Wir haben kein Geld. Keine Möglichkeit, unsere Ideen und guten Absichten umzusetzen. Der finanzielle Gürtel der Stadt muss immer enger geschnallt werden.
Das lähmt – schnürt förmlich die Luft zum Atmen und zum Gestalten ab.

Und prompt meldet sich wieder jener unbequeme Mensch mit der Stimme des biblischen Psalmbeters:

Ich irre umher in meiner Verzweiflung, bin verwirrt. ...
Mein Herz bebt in meiner Mitte, Todesschrecken sind auf mich gefallen.
Angst und Zittern kommen zu mir, Schrecken bedecken mich. ...
Abends und morgens und mittags klage ich und stöhne.

Während wir ihn am liebsten zum Schweigen bringen möchten, diesen Menschen – weil uns seine Klage beschwert und weil seine Stimme nicht zum Feiern passt –, ahnen wir plötzlich:

Er will uns gar nicht das Fest verderben.
Nein, das Geburtstagsfest soll schön werden; es soll den Menschen dieser Stadt Freude machen und viele Gäste aus Nordrhein-Westfalen zu fröhlichem Feiern einladen.
Was hätte der vermeintliche Störenfried davon, den Feiernden in die Suppe zu spucken?
Es geht doch auch um seine Stadt.

Was er will, ist unsere Aufmerksamkeit.
Und die lenkt er – auf Gott.
Das ist erstaunlich. Das ist unerwartet:
Wirf auf Gott, was dich belastet.
Gott wird dich aufrecht halten, lässt auf Dauer nicht zu,dass die Gerechten den Halt verlieren.
Ich aber, HERR, vertraue auf dich.

In dieser überraschenden Wendung klingt ein Satz aus dem 1. Petrusbrief an – der biblische Wochenspruch für diese Woche:

Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.

Wirf auf Gott, was dich belastet!
Alle eure Sorge werft auf ihn!
Sowohl hebräischer als auch in griechischer Sprache begegnet uns hier ein drastisches Verb; eine kraftvolle Bewegung mit starker Dynamik ist da beschrieben:
Wirf weg, was dich beschwert; wälze es von dir, was auf dir lastet; die Sorge, die dich lähmt – schleudere sie weg von dir wie einen schweren und harten Stein; wirf die Last auf Gott, triff ihn damit.
Nicht nur Bewegung ist in diesem Verb.
Auch Aggression ist darin. Angriff. Wut. Empörung.

Merken Sie?
Jetzt packt er uns plötzlich, der unbequeme Störenfried.
Mit diesem Bild fängt er uns ein.
Ob wir nun Ministerpräsidentinnen oder Bürgermeister oder Landräte sind – oder einfach Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt.

Wirf auf Gott, was dich belastet;
alle eure Sorge werft auf ihn:
Lasten und Sorgen gehören zu unserem Leben.
Persönliche, verborgene, quälende, einsame.
Und:
Lasten und Sorgen, die wir teilen. Die uns gemeinsam beschäftigen.
Sorgen, die geradezu unsere Pflicht sind, wenn wir verantwortlich leben wollen und Verantwortung tragen für andere.
Da ist die drückende Last der Sorge um unsere zunehmende gespaltene Gesellschaft; um die immer weiter auseinander driftende Schere zwischen Alt und Jung, zwischen Arm und Reich, zwischen Zugewanderten und Einheimischen.
Da ist die drückende Last der Sorge um unsere Zukunft: Wir treiben Raubbau an den Grundlagen unseres Lebens; sind schleichend dabei, mit unserem Lebensstil den Ast abzusägen, auf dem wir alle sitzen. Wir haben keinen zweiten Planeten.
Wir beobachten: Die einen leben auf Kosten der anderen.
Was die großen Banken verursachen, nimmt den Ärmsten das Nötigste zum Leben.Was ich wie selbstverständlich konsumiere und genieße, frisst unseren Kindern und Kindeskindern ihre Lebensgrundlage auf.

Wirf auf Gott, was dich belastet;
alle eure Sorge werft auf ihn:
Ziel auf ihn, bewirf ihn, triff ihn mit dieser deiner Sorge, pack sie ihm auf.
Ein eindrückliches, ein aggressives Bild.
Dem gekreuzigten Gott alles Beschwerliche anhängen, wie mit einer Dreckschleuder.Also nicht: Weg damit.
Also nicht: Alles halb so schlimm.
Also nicht: Wenigstens heute wollen wir´s für eine Weile vergessen und fröhlich feiern.
Also auch nicht:
Uns sind die Hände gebunden.
Wir können ja doch nichts tun.
Sachzwang frisst Menschenfleisch.
Sondern: Auf ihn damit!
Auf den, der sich in Jesus mit den Schwächsten solidarisch erklärte;
der sich mit Männern und Frauen an einen Tisch setzte, die keiner um sich haben wollte; der sich den Aussätzigen aussetze, die Ärmsten nicht im Stich ließ und der die Kinder zu den Größten erklärte.

Lasten spüren, Sorge tragen, Verantwortung wahrnehmen – das ist:
Gott, dem Schöpfer, auf seinen Ruf zum Leben antworten.
Das ist: Dem Blick Gottes auf seine Welt folgen.
Seinem Blick auf den Menschen neben mir.

Wirf auf Gott, was dich belastet;
alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch:
Das ist keine Lebensregel für unbekümmerte und verantwortungslose Luftikusse;
kein Trostpflaster zur Ruhigstellung unbequemer Störenfriede;
keine Verharmlosung zum Absegnen der herrschenden Zustände.

Wir werden daran erinnert:
Nicht ihr seid es, die der Welt den Takt geben.
Es hängt nicht alles von euch ab.
Ihr müsst nicht die Welt retten.
Nicht einmal Nordrhein-Westfalen oder Siegen.
Und:
Von diesem Größenwahn befreit, könnt ihr als begrenzte, in euren Möglichkeiten beschränkte Menschen aufrecht den nächsten, kleinen Schritt tun.
Damit Siegen ein Ort bleibt, wo Menschen auch dann ihr Ansehen und ihr Auskommen behalten, wenn sie verlieren.
Ein Ort, an dem auch die im Dunkeln gesehen werden. Und gehört.

Lasst uns feiern.
Es ist gut, wenn wir uns an unserer Stadt freuen.
Es ist schön, wenn wir sie stolz den Gästen zeigen.
Und angenommen, er käme, jener unbequeme Störenfried mit seinen lautstarken Parolen:
Wir nehmen ihn in unsere Mitte.
Er gehört hier hin. Er gehört zu uns.
Denn:
Siegen, wie wir es heute und morgen präsentieren, ist nicht alles.Siegen ist mehr.
Gott sei Dank.

Amen.

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