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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

In Selbsthilfegruppen mobilisieren Betroffene ihre Ressourcen
Kontaktstellen bieten hierzu fundierte Beratung

Heike Tönnes, Erika Heinbach, Gabriele Gaumann
04.05.2011 15:37
Mehrere Wochen schleicht die junge Frau um das Telefon, bis sie endlich zum Hörer greift. „Ich habe eine Lebenskrise, fühle mich ständig niedergeschlagen, kann zurzeit nicht arbeiten gehen, weiß nicht mehr weiter und suche Hilfe. Was kann ich tun? Gibt es irgendeine Selbsthilfegruppe, wo ich mich anschließen könnte?“ Heike Tönnes von der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (KISS), die im Evangelischen Kirchenkreis Siegen der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle zugeordnet ist, informiert die Ratsuchende über die unterschiedlichen Hilfsmöglichkeiten auf dem Gebiet der Selbsthilfegruppenarbeit aber auch über professionelle Unterstützungsangebote. Entscheidend ist für sie vorab jedoch die Klärung, inwieweit die betreffende Person in der Lage ist, an dem Gruppengeschehen teilzunehmen. Manchmal wird im Gespräch deutlich, dass erst einmal professionelle Hilfe zur Stabilisierung sinnvoller ist. In diesem Fall kann sie auf „kurzem Wege“ auf die Beratungsmöglichkeit in der EFL aufmerksam machen.

Ähnlich geht es Gabriele Gaumann, ihrer Kollegin bei der Diakonie in Südwestfalen. Sie ist für die Selbsthilfegruppen bei körperlichen Erkrankungen zuständig. Ihre Nähe zu Krankenhäusern schafft kurze Dienstwege. Nicht selten rufen Ratsuchende an, die mit körperlichen Beschwerden bislang keinen Arzt konsultiert haben und sich nach einer Selbsthilfegruppe erkundigen. Hier ist natürlich nicht die Selbsthilfegruppe gefragt, sondern der erfahrene Facharzt mit den Mitteln moderner Diagnostik. Auch wenn die erfahrenen Beraterinnen ihren Anrufenden nicht immer direkt den Weg in eine Selbsthilfegruppe weisen, wissen sie doch um die Bedeutung der Selbsthilfegruppen im Gesundheitssystem. In einer solchen Gruppe werden Patienten stabilisiert. Hier erhalten sie Aufmerksamkeit, Informationen, profitieren von Erfahrungen Anderer und können über ihre eigene Befindlichkeit reden.

Aufklärung
Etwa 350 Selbsthilfegruppen in den Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe werden von Gabriele Gaumann, Heike Tönnes und Erika Heinbach betreut. Die Fachfrauen arbeiten eng mit Ärzten, Krankenhäusern und Beratungsstellen zusammen. Zudem nutzen sie jede sich bietende Gelegenheit, um über Krankheiten, Prävention, Therapiemöglichkeiten und Selbsthilfegruppen in Zusammenarbeit mit Ärzten und Psychologen aufzuklären. Dazu gehören die medizinischen Vorträge, die monatlich im Rahmen des Siegener Forums Gesundheit stattfinden, aber auch die Veranstaltungen in Kooperation mit der EFL unter der Überschrift „Dialoge im Haus der Kirche“. Eine besondere Art der öffentlichen Information ist ein Film über Selbsthilfegruppen, der in Zusammenarbeit mit der Universität Siegen von zwei Studentinnen als Diplomarbeit angefertigt wurde. In dem Film werden die Arbeit und das Wirken von Selbsthilfegruppen vorgestellt. Betroffene kommen zu Wort. Erstmals wurde der Film auf dem NRW-Tag am Stand der Selbsthilfegruppen gezeigt. Zu sehen ist er wieder am Dienstag, 10. Mai, in Lennestadt im St. Josefhospital, wo an einem Stand über die Selbsthilfearbeit informiert wird.

Auf gesellschaftliche Entwicklungen und Bedürfnisse reagieren die Kontaktstellen sensibel. So entstanden im vergangenen Jahr sechs neue Gruppen. Darunter eine ADHS Elterngruppe, eine Gruppe für Eltern essgestörter Kinder, eine Gruppe für Depression und Angststörungen in Olpe sowie eine Gruppe für Menschen mit Zöliakie (Glutenunverträglichkeit). Der Kreis Olpe und das Wittgensteiner Land gehören zum Einzugsgebiet der Kontaktstellen. Ganz oben auf der Liste für Gruppenneugründungen in diesem Jahr steht Burn Out.

Heike Tönnes, Erika Heinbach und Gabriele Gaumann sind aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung in der praktischen Arbeit mit Selbsthilfegruppen zu „Überzeugungstäterinnen“ geworden. Ihre Schilderungen machen eindrucksvoll deutlich, wie hilfreich für viele Menschen der Kontakt zu Gleichbetroffenen sein kann.
O-Ton einer Selbsthilfegruppenteilnehmerin – „das Beste was mir in meiner Krise passieren konnte, war der Kontakt zur Selbsthilfegruppe“ Gleichwohl ist den Fachfrauen wichtig, dass Selbsthilfe „kein“ Allheilmittel darstellt, nicht für jeden Menschen die geeignete Hilfe sein kann – daher sind ihnen auch die Klärungsgespräche im Vorfeld bei den Anfragen besonders wichtig.

Mangel an Therapieplätzen
Einsamer Spitzenreiter der Nachfragen sind bei psychischen Erkrankungen seit langem die Krankheitsbilder Depression, Angststörungen und Zwangserkrankungen. Hier, so betont Heike Tönnes, besteht in unserer Region eine große Versorgungslücke. Viele Menschen suchen vergeblich nach einem Therapieplatz. Es ist für sie immer wieder erschreckend festzustellen, unter welchem Druck die Menschen stehen, die in der Kontaktstelle anrufen oder eine Mail schicken.
Im vergangenen Jahr wurden die Kontaktstellen 1922-mal schriftlich, persönlich oder telefonisch in Anspruch genommen. Als professionelle Einrichtungen zur Förderung, Unterstützung und Verbreitung der Selbsthilfe sind die Kontaktstellen zentrale Anlaufstellen für alle Anliegen und Informationen zur Selbsthilfe. Sei es zum Informationsaustausch, zur Klärung und Unterstützung bei der Suche nach einer Selbsthilfegruppe oder einer ärztlichen Behandlung sowie zur Vermittlung von Kontakten zwischen Selbsthilfegruppen und Fachleuten. Zunehmend sind Email-Anfragen zu verzeichnen. Sie ersetzen jedoch nicht das Gespräch, das eine genauere Situationseinschätzung ermöglicht.

Oftmals finden bei den Kontaktstellen die Vorgespräche zur Neugründung von Selbsthilfegruppen statt und erhalten neue Gruppen Unterstützung in der Anfangsphase der gemeinsamen Gruppenarbeit. Die Kontaktstellen bieten auch Beratung für bestehende Gruppen, den Erfahrungsaustausch der Gruppen untereinander, Fortbildung, Supervision und, wenn erforderlich, Konfliktmoderation.

Kontakt:
Heike Tönnes und Erika Heinbach, KISS in der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle des Kirchenkreises Siegen, Tel.: 0271/250 28-50 oder Gabriele Gaumann, Selbsthilfekontaktstelle der Diakonie in Südwestfalen, Tel.: 0271/333 - 6422.
kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Heike Tönnes, Erika Heinbach und Gabriele Gaumann vermitteln Kontakte zu Selbsthilfegruppen. Doch nicht immer sind die Selbsthilfegruppen die richtige Anlaufstelle für Hilfesuchende. Die drei Profis wissen zumeist Rat.

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