Bookmark and Share

Kontakt    

Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Taufe als lebenslanger „Prozess“ menschlicher Gottesbegegnungen
Schweizer Untersuchung bietet vielfältige Praxisanknüpfungen

Synode des Evangelischen Kirchenkreises Siegen
04.07.2011 15:30

Das Thema „Taufe“ nahm die Synode des Evangelischen Kirchenkreises Siegen, die am Mittwoch, 29. Juni 2011, in der CVJM-Jugendbildungsstätte in Wilgersdorf tagte, in den Fokus. Ein Thema, das die Evangelische Kirche von Westfalen und die Evangelische Kirche in Deutschland in diesem Jahr besonders beschäftigt.

In seinem Impulsreferat hob Prof. em. Dr. Christoph Müller, Institut für praktische Theologie an der Universität Bern, hervor, dass in der Schweiz viele Taufeltern, Täuflinge und Paten die Taufe mit ihrer konkreten lebensgeschichtlichen Situation so in Verbindung zu bringen wünschten, dass die Taufe für sie einen nachvollziehbaren Sinn bekäme. Er bezog sich dabei auf empirischen Untersuchungen, die 2003 bis 2006 in der Schweiz durchgeführt wurden.
Von Bedeutung ist danach für die meisten Betroffenen ein überzeugender Lebensbezug der Taufe. Müller spricht sich daher dafür aus, die Taufe nicht als Amtshandlung zu vollziehen und auch ihre Deutung nicht vorzugeben, sondern beides im Gespräch mit den Teilnehmenden gemeinsam zu entwickeln. Die Taufe ist so reich an Deutungsmöglichkeiten, dass keine einzelne Taufform alle Deutungen zum Ausdruck bringen kann.
Auch wenn die Menschen sich nicht theologisch ausdrücken, sprechen sie, von ihren Alltagserfahrungen ausgehend, dennoch von etwas, das sehr wohl mit der Taufe zu tun hat, so der Theologe. Es habe sich als entscheidend herausgestellt, von Erfahrungen, Situationen und Szenen erzählen zu können, in denen Menschen etwas von dem aufgehen könne, was Taufe bedeute. Der Professor formulierte Fragen konkret und praxisnah: Wie haben Sie als Eltern erfahren, das Taufe ein „Gottesgeschenk“ ist? Wie wird dies für eine Konfirmandin, die getauft werden möchte, greifbar und überzeugend? Wovon würde ein erwachsener Täufling erzählen?

Müller benennt verschiedene Kennzeichen des Tauf-Rituals, mit dem Menschen in konkreten Lebenssituationen das gemeinsam feiern, was ihrem Leben Halt, Sinn und Orientierung gibt. Dabei sei die gemeinsame Taufvorbereitung schon selber eine wichtige Taufbotschaft.
Prof. Dr. Müller: „Die Taufe ist einmalig, sie „gilt“ – und sie wird in Tauf-Erinnerungen in neuen Lebenszusammenhängen neu erfahrbar und ist so ein lebenslanger „Prozess“ menschlicher Gottesbegegnungen, von der embryonalen Phase bis zum Tod.“

Taufvorbereitung auf Augenhöhe
Die Untersuchungen in der Schweiz zeigen auf, dass Eltern und Paten sowie größere Kinder und Jugendliche eine Taufvorbereitung und Taufgestaltung schätzen, in der sie mit ihrer eigenen religiösen Kompetenz, ihren Erfahrungen, Einsichten und Fragen wahrgenommen werden. Wenn sie auf gleicher Augenhöhe mit den Pfarrerinnen und Pfarrern nach der konkreten Bedeutung der Taufe in der jeweiligen Lebenssituation suchen können, ist die bereits eine Art Tauf-Erfahrung. Bei solchen Gesprächen kann beispielsweise die Frage: „Was wünsche ich für meine Kinder von der Kirche?“ von Bedeutung sein. Müller empfiehlt, die Sichtweise der Eltern und Paten in den Blick zu nehmen. Der Theologieprofessor ist sich sicher, dass eine Vielfalt der Perspektiven keineswegs zu Beliebigkeit führt. Eine Begegnung mit unterschiedlichen Überzeugungen bereichere so manches Gespräch und wehre der Beliebigkeit.
Er geht zudem davon aus, dass weder die biblischen Traditionen noch gegenwärtige Lebenswelten durch eine einzige Perspektive angemessen erfasst werden können.

In Taufgesprächen wagten es Menschen, von ihrer oft so verdeckten Sehnsucht nach einer Hoffnung zu sprechen, die trägt, trotz allem Tödlichen. Und auch von der Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe. Die Taufe könne als Ritual des Übergangs vom Tod zum Leben erfahren werden.
Menschengeschichte und Gottesgeschichte würden miteinander verwoben. Für viele Eltern und Täuflinge sei es wichtig, in etwas Größerem aufgehoben zu sein. Deutlich könne auch werden, dass jeder Mensch eine unantastbare Würde trage und soziokulturelle und religiöse Herrschafts- und Gewaltverhältnisse und die entsprechenden Werte in Frage gestellt würden. Müller zitiert in dem Zusammenhang Gal. 3, 28: „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau: denn ihr seid eins in Christus.“

Der Theologieprofessor hält die Unterschiede zwischen Säuglings-, Kinder-, Jugendlichen- und Erwachsenen-Taufe für sinnvoll, weil sie in unterschiedlichen Lebenskontexten gefeiert werden. Müller: „Die eine und allein gültige Taufdeutung gibt es nicht, heute so wenig wie im Neuen Testament.“Eine zentrale Frage ist dem Theologieprofessor aus Bern, „ob an dem Ort, wo wir die Taufe feiern oder an die Taufe erinnern, Menschen etwas von der Lebens-Wahrheit entdecken, die sie frei macht“.

„Die Taufe ist ein einmaliges Ereignis mit Lebensperspektive, sie hat Bedeutung ein Leben lang“, resümierte Pfarrerin Dr. Katharina Stork-Denker, als sie die Synodalen aufforderte, Teilaspekte der Taufe im Gespräch zu vertiefen. Die Synodalen gingen in „Murmelphasen“ und Arbeitsgruppen ihren eigenen Erlebnissen mit der Taufe nach. Es wurde beispielsweise gefragt nach Momenten, Situationen oder Zeiten, in denen ein bestimmter Aspekt dessen, was Taufe bedeuten kann, nahe gegangen ist. Gefragt wurde aber auch nach Schlüsselszenen, die den Zugang zur Taufe eröffnet haben.

Superintendentin Annette Kurschus hatte ein Taufbuch für den Evangelischen Kirchenkreis anfertigen lassen. Hier konnten die Synodalen ihr Taufdatum und ihren Taufspruch eintragen. Mit den Einladungen zur Synode waren die Synodalen gebeten worden, ihre Taufsprüche ausfindig zu machen. Die einzelnen Nachforschungen ergaben, dass nicht in allen Kirchenbüchern vergangener Jahrzehnte die Taufsprüche eingetragen wurden.
kp

Text zum Bild: (Fotos: Karlfried Petri)

In Arbeitsgruppen berieten die Synodalen über ihre Erfahrungen mit der Taufe.

Prof. em. Dr. Christoph Müller hatte viele praktische Vorschläge im Gepäck. Für wichtig hält er es, die Taufvorbereitungen mit den Beteiligten gemeinsam zu gestalten.

Das Taufbuch des Kirchenkreises Siegen lag auf der Synode aus. Die Synodalen konnten dort ihren Taufspruch eintragen. Es soll bei weiteren Gelegenheiten ausgelegt werden. Hier trägt sich Superintendentin Annette Kurschus ein, im Gespräch mit Pfarrerin Dr. Katarina Stork-Denker, die die thematische Arbeit auf der Synode mit vorbereitet hat.


zurück zur Übersicht



Archiv:
2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003