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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

„Gott ist ungerecht!“Prof. Dr. Walter J. Hollenweger nahm mit Salbungsgottesdienst Abschied
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01.10.2003 14:13
„Gott ist ungerecht!“ Mit dieser Aussage trat Prof. Dr. Walter J. Hollenweger den Abschlussgottesdienst in der Weidenauer Haardter Kirche an, nachdem er den Jubiläumsgästen des Jugendreferates des Kirchenkreises Siegen schon einige interessante Veranstaltungen geliefert hatte. Zu einem Salbungsgottesdienst hatten die Veranstalter diesmal eingeladen. Gut 200 Menschen ließen sich auf eine ungewöhnliche Art des Gottesdienstes ein.Unerwartet war schon die Hiobsbotschaft des reformierten Theologen, Gott sei ungerecht. Dies zeige sich unter anderem in der alttestamentarischen Geschichte von Kain und Abel, die ebenso wie die anderen Kapitel des Alten Testamentes bis hin zu der Josephgeschichten keine historischen Berichte seien. Stattdessen sei der Autor der ersten Brudermordsgeschichte im Kontext der Verhältnisse seiner Schaffenszeit zu betrachten. Die vorherrschende Meinung seiner jüdischen Zeitgenossen sei gewesen, Glück ist von Gott geschenkt, persönliches Unglück hingegen selbst verursacht – Menschen wie Kain haben selber Schuld, dass Gott „ihr Opfer“ nicht ansehen will. Dagegen habe der Autor sich mit vielen weiteren Geschichten gewehrt. Kain sei ein ebensolcher geborener Pechvogel gewesen wie Abel ein geborenes Glückskind. Abel ging alles leicht von der Hand. „Das ist ungerecht“, hieß es, „und wenn Gott das so eingerichtet hat, ist Gott ungerecht.“ Das reale Leben sei schlechthin ungerecht, da brauche man sich nur umzusehen. Chancengleichheit sei ein Propagandamittel, das seiner Überprüfung nicht standhalte. Vieles sei offenbar schon vorgegeben. Gott allerdings, so Hollenweger, habe sogar dem Mörder Kain ein Schutz- und Segenszeichen geschenkt, obgleich dieser versucht hatte, Ungerechtigkeit mit Gewalt zu beseitigen. Nur die Berührung durch Gott unterbreche jedoch die Eskalation von Gewalt. Mit dem Aspekt „Berührungen“führte er die gespannten Gottesdienstteilnehmer in den zweiten Teil des Vormittags, der ausgesprochen feierlich liturgisch gestaltet war. Mit der Ansicht: Wer nicht berührt, bleibt unberührt, zogen 20 gut vorbereitete Mitarbeitende mit Kerzen in der Hand durch den Mittelgang der Kirche, um zum anschließenden Salbungsritus einzuladen. Dieser Ritus sei ein „Anti-Angst-Ritus“, der sowohl von Laien als auch von Theologen durchgeführt werde und erfahrungsgemäß unvorhersehbare, aber deutliche Wirkung beim Gesalbten aufweisen könne. In der liebevollen Berührung erführen Menschen die Kirche wieder als Ort der Zuwendung. Dieses spirituelle Element gehe zurück auf frühchristliche Erfahrung, die ihren Grund in Jakobus 5, 14 finde. Vonstatten ging die rituelle Handlung in ruhiger Atmosphäre bei Kerzenlicht in fünf Gruppen. „Sie sollen alle sehen und riechen, was passiert“, erläuterte Hollenweger das Vorgehen. Zu sehen gab es dann fünf Salbungsgruppen zu jeweils 4 Personen, die sichtbar über die Kirche verteilt für die Segenshandlungen zur Verfügung standen. „Ich salbe und segne dich im Namen des Gottes der dich erschaffen hat, im Namen Jesu der dich liebt und im Namen des Heiligen Geistes, der dich erleuchtet“, sprach man schließlich den zahlreichen Menschen zu, die offensichtlich ein starkes Bedürfnis nach Spiritualität verspürten. Dabei bekam jeder zu Salbende eine Rosenölmischung, deren Duft sich angenehm durch das ehrwürdige Kirchengebäude verströmte, auf Hände und Stirn. Dazu erhielt man einen persönlichen Zuspruch aus der Bibel. „Besonders beeindruckend ist das sinnliche Erlebnis und die Verlagerung vom Kopfgeschehen auf das Bauchgeschehen“, beschreibt ein Teilnehmer seine Eindrücke. „Der Anblick der farbigen Seidentücher der Salbenden, der Kerzenschein, die feierliche Atmosphäre, der persönliche Segensspruch und das Umgeben sein von einer überschaubaren Gruppe freundlicher Menschen geben mir ein Gefühl von Geborgenheit, Nähe und vor allem: von Gott berührt sein.“ Eigentlich aber sei es unbeschreiblich, was in solch einem Gottesdienst passiere. Ch.St.Text zu Bild 1 und 2(Martin Eerenstein):Bei der Salbung erfahren Menschen die Kirche als Ort der Zuwendung und Berührung.

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