Bookmark and Share

Kontakt    

Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Prof. Dr. Walter J. Hollenweger in der Haardter Kirche„Etwas mehr Glaubenszuversicht täte uns gut“
hollenweger_1.jpg
01.10.2003 14:15
Er wolle nicht provozieren, er sei ein erzkonservativer Theologe. Die Provokation komme nicht von ihm, sondern von der Situation, eröffnet Hollenweger seinen Vortrag über „Interkulturelle Theologie: Ein Jesus, viele Christologien – eine Kirche, viele Kirchen“.Prof. Dr. Walter J. Hollenweger, reformierter Pfarrer in der Schweiz, viele Jahre Executivsekretär bei Ökumenischen Rat in Genf und Professor für interkulturelle Theologie und Missionswissenschaft an der Universität Birmingham referierte kürzlich in der Haardter Kirche. Eingeladen hatte ihn das Jugendreferat des Kirchenkreises Siegen, das sein 25-jähriges Bestehen feiert. Im Berner Kirchenblatt „Der Säemann“ habe die Redaktion Leserbriefe mit Antworten auf die Frage „Was glauben Sie?“ veröffentlicht. Die einen glaubten an die Bäume, die anderen an die Reinkarnation, die dritten an das Apostolische Glaubensbekenntnis und die vierten zimmerten sich einen Gott zurecht nach ihrem Gusto. „Wozu“, so Hollenweger, „verpulvern wir Millionen für den kirchlichen Unterricht, wenn dieses Lari-fari-Christentum das Resultat ist?“ In allen Gebieten im Leben müssten wir ständig weiter lernen, aber in Sachen Religion genüge das, was wir mit 10–12 Jahren verstanden haben, bzw. nicht verstanden haben. AnsichtssacheMit der Identität Christi sei es wie mit den unterschiedlichen Ansichten eines Berges in den Schweizer Alpen. Je nachdem von wo aus man ihn betrachtet sieht man etwas anderes. Wir sähen nicht was sei, sondern nur wie uns etwas begegne. Das sei in der Physik, der Mathematik und auch im täglichen Leben so und bedeute, es gebe keine absolute Wahrheit, nur relative Wahrheiten, relativ zum Gesichtspunkt. Es gehöre daher zur Ehrlichkeit, den Standpunkt anzugeben, von dem aus etwas betrachtet werde. Sein Standpunkt sei der eines wachen Bibellesers. Aufmerksam geworden auf die verschiedenen Gesichtspunkte sei er durch seine Studenten aus aller Welt und aus allen Konfessionen von den Quäkern bis zu den katholischen Mönchen und Nonnen, von den Gemeindeleitern unabhängiger Drittweltkirchen bis zu einem rumänisch-orthodoxen Priester. Dann skizziert er die unterschiedlichen Gesichtspunkte von denen aus in den Evangelien unterschiedliche Aussagen über Jesus formuliert werden. Matthäus sei der Missionstheologe des Neuen Testaments. Er beginne sein Evangelium mit den Astrologen, die den Weg zur Krippe auf Grund ihrer heidnischen Astrologie gefunden hätten. Hollenweger: „Auch in den heidnischen Religionen gibt es gültige Informationen über Jesus, gibt es Informationen, die zur Krippe führen. Damit tun wir uns schwer. Es ist eine weit verbreitete Irrlehre, die von der Bibel nicht gedeckt wird, dass alles, was außerhalb unseres europäischen Kontextes entstanden ist, per definitionem okkult oder gar dämonisch ist. Das müsste mir zuerst jemand mit der Bibel beweisen.“ Er schildert eindrücklich, wie in andern Kulturen Gaben der Heilung in den Kirchen zum Heil der Menschen genutzt werden. Der Standpunkt des Evangelisten Markus sei das Reich Gottes. In diesem Jesus sei das Reich Gottes angebrochen. Da würden Kranke gesund, die Depressiven würden aufgerichtet, den Schuldigen würde vergeben.Lukas wiederum erzähle die Geschichte von den Hirten. Sein Standpunkt sei Parteinahme für die Ausgestoßenen, Armen und Flüchtlinge.Ganz anderer Art sei das Johannesevangelium. Johannes vertrete die Sicht des hellenistisch gebildeten Juden. Diese vier Sichten widersprächen sich nicht. Aber sie seien auch nicht identisch.Kulturelle EinflüsseDies bedeute, es gäbe zwar das reine Evangelium, die reine Lehre allerdings nicht. Die sei immer schon von kulturellen Gegebenheiten vorbestimmt. Das werde deutlich, wenn man mit Christen anderer Kulturen zusammenkomme. Unser Denken sei zudem eingebunden in Vor- und Nachchristliche Vorstellungen. Das Neue Testament enthalte beispielsweise keine Beerdigungsliturgie, eine Predigt nach unserem Schema gebe es im Neuen Testament nicht und das heidnische Denken des Aristoteles beeinflusse die Grundlage der theologischen Wissenschaft.Am wichtigsten sei bei uns allerdings die Rolle des Geldes. In unseren Kirchen höre ein Pfarrer auf Pfarrer zu sein, wenn er kein Geld mehr bekomme. Damit sei er erpressbar. Im übrigen sei das kirchliche Beamtentum weltweit gesehen eine große Ausnahme. Dass es anders gehe, zeige die anglikanische Kirche. Dort würden mehr als die Hälfte der Pfarrer nicht bezahlt. Die anglikanischen Pfarrer seien Frührentner oder übten das Pfarramt nebenberuflich aus. Im Hauptberuf seien sie Ärzte, Lehrer oder Kaufleute. Auch hätten mehr als die Hälfte der Pfarrer nicht Theologie studiert. Der theologisch gebildete Pfarrer sei ein regionales Sonderpfarramt. Allerdings operiere er dann wirklich als Theologe und nicht wie unsere Pfarrer als „Hans-Dampf-in-allen-Gassen“, bei dem man kaum merke, dass er einmal Theologie studiert habe. Er kenne eine Kirche in Brasilien, bei der alle Pfarrer nicht bezahlt würden. Pfarrer sein sei für diese Kirche kein Broterwerb sondern eine Freizeit-Berufung. Bezahlt würden in dieser Kirche die Kassenwarte und Finanzexperten.„Etwas mehr Glaubenszuversicht täte uns gut. Sonst sind wir, wie Jesus sagt, wie die Heiden“, fordert Hollenweger die Zuhörenden heraus. Nicht diejenigen seien Heiden, die das Bekenntnis „wahrer Mensch und wahrer Gott“ nicht unterschrieben, sondern wenn wir Gott in Sachen Geld nichts zutrauten, dann seien wir wie die Heiden. Eben unglaubwürdig. Hollenweger: „Ich habe all das, was ich hier erzähle, ausprobiert. Vielleicht bin ich ja naiv. Aber lieber naiv mit dem Wort Gottes als klug mit Heiden sein.“Theologisches Theater„Mich bedrückt eine Kirche, in der Jesus als Beruhigungspille und das Gebet als Seelenwärmer erscheinen“, beschreibt der Referent seine Befindlichkeit. Ein Regisseur in London habe ihm gesagt: Wir Theaterleute müssen die Menschen mit erfundenen Geschichten faszinieren. Und die Kirche bringt es fertig, die Menschen mit wahren Geschichten zu langweilen, nämlich mit der faszinierenden Geschichte von Jesus.Ein Weg, Menschen mit biblischen Texten zu erreichen, ist nach Hollenweger das theologische Theater. Die Mitspielenden beschäftigen sich über mehrere Monate intensiv und emotional mit einem theologischen oder biblischen Thema. Die Pfarrer werden dabei als theologische und exegetische Experten beansprucht. „Wo wird denn das sonst in der Kirche gemacht? Wo beschäftigten sich 50 oder 100 nichtkirchliche Menschen ein halbes Jahr mit solchen Themen? Es werden Freundschaften geschlossen mit kircheninternen Menschen. Nach allen Regeln der Kommunikation bleibt eine solche Veranstaltung in den Herzen der Mitarbeitenden verankert“, so der Theologieprofessor.kpText zum Bild: (Foto Karlfried Petri)Der Schweizer Theologe Prof. Dr. Walter J. Hollenweger stritt in der Haardter Kirche wider das Lari-fari-Christentum und hofft, dass die Kirche vernüftig wird, bevor die kirchlichen Strukturen zusammenbrechen. Er berichtete von Drittweltkirchen, die vermutlich in einer Generation sowohl die katholische wie auch die evangelischen Kirchen zahlenmäßig überflügelt haben werden. Die Erweckung im Siegerland sei ein kleines Erwecklein gewesen im Vergleich zu dem, was weltweit passiere.

zurück zur Übersicht



Archiv:
2017 | 2016 | 2015 | 2014 | 2013 | 2012 | 2011 | 2010 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004 | 2003