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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

„Christus selbst hat uns verheißen, dass er die Kirche erhalten wird - und darauf ist Verlass“
Fragen an die scheidende Superintendentin Annette Kurschus

Fragen an Superintendentin Annette Kurschus
13.02.2012 11:58

Am 22. Juni 2005 wurde Annette Kurschus von der Kreissynode Siegen zur Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Siegen gewählt. Am 27. August 2005 führte sie Präses Dr. h.c. Alfred Buß in der Nikolaikirche in Siegen in ihr Amt ein. Etwas über sechs Jahre später wählte sie die Landessynode zur ersten Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen. Sie tritt damit die Amtsnachfolge von Alfred Buß an. In einigen Wochen wird Annette Kurschus das Siegerland und den Kirchenkreis Siegen verlassen, um die Leitungsaufgabe in der Landeskirche in Bielefeld zu übernehmen. Grund genug, mit der scheidenden Superintendentin ihre fast sieben Amtsjahre im Kirchenkreis Siegen in den Blick zu nehmen.

1. Was hat Sie auf das Amt der Superintendentin vorbereitet?
In erster Linie meine Erlebnisse und Erfahrungen als Gemeindepastorin: Die bunte Vielfalt der Aufgaben und die Nähe zu den Menschen der Gemeinde – wobei zu diesen Menschen neben den hoch Engagierten und mit der Kirche Vertrauten auch solche gehören, die der Kirche innerlich fern stehen und mit dem christlichen Glauben wenig zu tun haben.

2. Welche Aufgaben haben Sie gerne wahrgenommen?
Besonders gern habe ich Gottesdienste unterschiedlichster Art gefeiert und gepredigt. Das Gespräch mit Vertreterinnen und Vertretern aus Kultur, Bildung, Politik und Wirtschaft hat mich immer gereizt, theologisch herausgefordert und bereichert – und wenn daraus gemeinsame Veranstaltungen oder ganze Projekte entstehen konnten, war das jedes Mal ein Gewinn. Mir hat es Freude bereitet, den Kirchenkreis bzw. die evangelische Kirche unserer Region bei unterschiedlichen kirchlichen und weltlichen Anlässen zu vertreten und dabei inhaltliche Akzente zu setzen. Jede Form des seelsorglichen und kollegialen Gesprächs gehörte zu meinen Schwerpunkten, und während der letzten Jahre meiner Amtszeit habe ich neu entdeckt, wie fruchtbar und in jeder Hinsicht hilfreich das Leitungsinstrument der Gemeindevisitation ist: Menschen an dem Ort sehen und wahrnehmen, wo sie leben und arbeiten, wo sie feiern und Gemeinschaft pflegen, wo sie Konflikte austragen und Beziehungen gestalten, wo sie Kirche sind.



3. Welche Aufgaben empfanden Sie eher als Belastung?
Die übermäßige Anzahl von Sitzungen und den großen Anteil an Verwaltungsarbeit. Schwierige Personalentscheidungen gingen an die Substanz. Und dass die Kontakte zu Kirchengemeinden und Presbyterien häufig Konflikte zum Anlass hatten, kostete viel Nerven und Kraft.

4. Worin sehen Sie die Stärke des Amtes? Wie haben Sie sie genutzt?
Die Stärke des Amtes liegt nach meiner Erfahrung in der erweiterten Perspektive, die eine überblickende „Draufsicht“ bietet. Als Superintendentin bin ich nicht auf eine Kirchengemeinde, ein Referat, einen funktionalen Dienst konzentriert, sondern ich nehme alles in den Blick. Dabei wird mir immer wieder ein erstaunlicher Reichtum bewusst, der mich beeindruckt. Eine große Chance dieses Leitungsamtes auf der Kirchenkreisebene liegt darin, die starken Potentiale der unterschiedlichen Arbeitsbereiche aufeinander zu beziehen, miteinander in Verbindung zu bringen, Kräfte zu bündeln und für gemeinsame Ziele zu begeistern. Also das, was man klassisch „gestalten“ nennt. Dies ist mir allerdings höchstens ansatzweise gelungen.

5. Was würden Sie an dem Amt gerne verändern?
So, wie das Amt mit seinen zahlreichen Funktionen gegenwärtig zugeschnitten ist, muss es hauptamtlich wahrgenommen werden. Anders wäre es nicht zu schaffen. Ich habe es jedoch als Schwächung des Amtes empfunden, dass ich als Superintendentin keine „eigene“ Kirchengemeinde hatte. Dieser praktische Bezug zur alltäglichen Gemeindewirklichkeit würde das Amt zweifellos in seiner Akzeptanz stärken. Ich habe außerdem eine feste Predigtstätte für die Superintendentin vermisst. In unserem Kirchenkreisen hat dies leider keine Tradition, in vielen anderen Kirchenkreisen ist es selbstverständlich. Die Gemeindeglieder sollten die Möglichkeiten haben, ihre Superintendentin einigermaßen regelmäßig an zuverlässigem Ort predigen zu hören.



6. Vor ihrer Wahl zur Superintendentin antworteten Sie auf die Frage, worin Sie die drei wichtigsten Aufgaben einer Superintendentin im Kirchenkreis Siegen sehen, unter anderem, „dass eine Superintendentin neben allem nüchternen Realitätssinn Visionen brauche, die stärker vom Vertrauen in Gottes Zukunft geprägt sind als vom Blick auf das Geld. Sie sollte fähig sein, diese Visionen zu formulieren, sie zu teilen und andere auf den Weg zur Umsetzung mitzunehmen.“ Konnten sich solche Visionen während Ihrer Amtszeit entwickeln?Ich bin mit dem Begriff „Vision“ vorsichtig geworden. Er wird inflationär gebraucht. Prophetinnen und Propheten hatten Visionen – ich will für mich lieber von Hoffnungen und Wünschen sprechen. Manchmal werde ich auch nach „Zielfotos“ gefragt. Dafür habe ich als Superintendentin vor allem durch die Wahrnehmung der vielfältigen Gaben in unserem Kirchenkreis reichlich Nahrung erhalten: Wir haben in der Kirche so viele Männer und Frauen, Jugendliche und Kinder mit den erstaunlichsten Begabungen und Fähigkeiten; wir haben ein großes Potential an ehrenamtlichem Engagement; wir haben in vielen Arbeitsbereichen hochprofessionelle Expertinnen und Experten am Werk – und wir leben von einer Botschaft, die einzigartig ist in dieser Welt. Das Wort Gottes in den Facetten der unterschiedlichen biblischen Texte ist voller Leben, voller Überraschungen, voller Faszination und von gründender und tragender Kraft. Die Zuversicht, dass Kirche eine verheißungsvolle Zukunft hat, ist bei mir nie ins Wanken geraten. Ich hoffe, davon konnte ich während meiner Amtszeit als Superintendentin etwas ausstrahlen; vielleicht vermochte ich mit dieser Zuversicht sogar andere anzustecken.

7. Die abnehmenden finanziellen Ressourcen spielten bereits vor Ihrer Amtszeit eine zunehmend entmutigende Rolle. Ihnen war wichtig, „dass wir aus dem lähmenden Zustand des defensiven Reagierens auf immer kleiner werdende Zahlen wieder in eine aktive Rolle des Gestaltens und Planens finden. Es kann nicht sein, dass das zukünftige Profil unseres Kirchenkreises von den Finanzen diktiert wird. Ich wünsche mir, dass wir die gegenwärtige Situation zu nutzen lernen: Um uns inhaltlich auf das zu besinnen, was die evangelische Kirche in unserer Region ausmachen soll – und dann zu prüfen, wie dies mit den vorhandenen Mitteln machbar ist.“ Inwieweit konnte es gelingen, aus dem „Zustand des defensiven Reagierens“ herauszufinden in eine Rolle des Gestalten und Planens? Was soll und kann, geprägt durch die Erfahrungen Ihrer Amtszeit, die evangelische Kirche in unserer Region ausmachen? Worin sehen Sie eine Stärke des Ev. Kirchenkreises Siegen?
Wir haben in den vergangenen Jahren auf Beschluss der Kreissynode einige inhaltliche Akzente gesetzt: Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist durch ein gemeinsames Finanzierungsmodell als unverzichtbare Kernaufgabe für alle Regionen unseres Kirchenkreises gesichert. Durch EKiKS (Evangelische Kindertageseinrichtungen im Kirchenkreis Siegen) kann die Kindergartenarbeit flächendeckend in kirchlicher Trägerschaft vorgehalten werden – auch dort, wo einzelne Kirchengemeinden sich aus der Trägerschaft verabschieden müssen. Ein Markenzeichen unseres Kirchenkreises sind die starken und selbstbewussten Gemeinden sowie die überaus engagierten Ehrenamtlichen; beides verstehe ich nicht zuletzt als Frucht der reformierten Tradition, durch die unser Kirchenkreis geprägt ist. Hier bildet der gemeindliche Gottesdienst (längst in differenzierten Formen, zu variablen Zeiten und mit unterschiedlichen Zielgruppen) nach wie vor die Mitte des kirchlichen Lebens. Funktionale Dienste werden dezidiert in ihrem Bezug zur Gemeinde verstanden, wahrgenommen und geschätzt.

8. Brauchen wir in Zukunft die Kirchenkreise als Mittelebene im kirchlichen Organisationsaufbau? Wäre eine stärker zentralistisch und damit schlanker aufgebaute Struktur nicht schneller, wirkmächtiger, weil leichter zu handhaben und zudem kostengünstiger?
Es mag sein, dass sich kostengünstigere und schlankere Organisationen denken ließen – sie wären aber wohl nur um den Preis von noch mehr Verlust an Nähe zu den Menschen zu haben. Kirche lebt nicht in erster Linie von effizienten Strukturen, Kirche lebt von menschlichen Beziehungen und deren Kontinuität. Dies dürfen wir bei allem Gestalten und Planen für die Zukunft nicht aus dem Blick verlieren.



9. Welche Herausforderungen der Kirchengemeinden und der Kirchenkreise sehen Sie für die nächsten Jahre?
Wir befinden uns gegenwärtig mitten in einem grundlegenden Veränderungsprozess von Kirche – und zwar auf allen Ebenen. Das empfinde ich trotz mancher schmerzlicher Abschiede von Kostbarem und Vertrautem, trotz aller Bedrohungen und Gefährdungen, die uns zu schaffen machen, auch als verheißungsvolle Chance. Wir müssen konzentriert darüber nachdenken, wie wir unseren biblischen Auftrag als Kirche unter völlig veränderten Rahmenbedingungen erfüllen können und wollen. Das ist eine verantwortungsvolle und reizvolle theologische Aufgabe. Dabei steht nicht unsere Zukunft als Kirche auf dem Spiel. Christus selbst hat uns verheißen, dass er die Kirche erhalten wird - und darauf ist Verlass. An uns ist es, Kirche jetzt verantwortlich zu leben und zukunftsfähig zu gestalten. Die einzelnen Kirchengemeinden werden sich darauf einstellen müssen, dass die Arbeit auf immer weniger (hauptamtliche) Schultern zu verteilen ist. Ehrenamtlicher Einsatz wird viel stärker als bisher zu einer Hauptsäule kirchlichen Lebens werden. Dies kann ein Gewinn sein; allerdings hat es genaue Rollenklärung zur Voraussetzung: Wer übernimmt welche Aufgabe, wer wird wozu befähigt und geschult, welches sind die genuinen Aufgaben der Pfarrerinnen und Pfarrer, an welchen Stellen bedarf es professionell ausgebildeter Hauptamtlicher?

10. Inwiefern hat das Amt der Superintendentin Sie verändert?
Ich musste lernen, Kompromisse einzugehen und konträre Positionen sowie unterschiedliche theologische Prägungen nach Möglichkeit zu integrieren – und dies, ohne eine klare eigene Meinung zu verbergen. „Versöhnen statt spalten“ war immer mein Ziel, um es mit den Worten Johannes Raus zu sagen. Das hat mir manches Mal den Vorwurf von mangelnder Klarheit und mangelnder Konsequenz eingebracht. Wer Leitungsverantwortung übernimmt, darf in vielen Fragen öffentlich nicht mehr einseitig Partei ergreifen. Das war für mich ein schmerzlicher Lernprozess.

11. Was werden Sie vermutlich vermissen, wenn Sie den Kirchenkreis Siegen verlassen?
Die vielen Menschen, mit denen mich hier eine gemeinsame Geschichte verbindet; die vertraute Färbung der Sprache; den Blick auf Nikolaikirche und Oberes Schloss; die gewohnten Wege; die Kantorei und den Bachchor – kurz gesagt: Meine Heimat.

12. Mit welchen Gefühlen und Hoffnungen wechseln Sie nach Bielefeld?
In meinem Leben scheint eine Veränderung jetzt „dran“ zu sein – so etwas lässt sich deutlicher spüren als erklären. Ich freue mich auf das, was kommt; bin gespannt auf einen neuen Lebensbereich, auf eine neue Stadt, auf neue berufliche Herausforderungen und Gestaltungsmöglichkeiten. Zugleich habe ich auch Angst vor dem Unbekannten und Furcht, dem allem nicht gewachsen zu sein. Vermutlich gehört dieses zwiespältige Empfinden dazu, wenn eine so grundlegende Zäsur auf dem Lebensweg bevorsteht. Da hilft die tiefe Gewissheit: Ich werde auf meinem Weg nicht allein sein. Und es ist nicht meine eigene Kraft, an der alles hängt. Gott sei Dank.

Fragen und Fotos: Karlfried Petri


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