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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Predigt über Hebräer 4, 12f
zur Verabschiedung als Superintendentin des Kirchenkreises Siegen am 11. Februar 2012 in der Nikolaikirche Siegen

Abschiedspredigt Superintendentin Annette Kurschus
13.02.2012 12:36

Liebe Gemeinde,
von der Kraft des Wortes wissen wir vermutlich alle unser Lied zu singen.
Aus Worten sind ganze Lebenslieder entstanden;
Worte schaffen ihre Wirklichkeit – zuweilen ganz unbewusst und ungewollt.

Da ist die Kraft wunderbarer Worte:
Ich vertraue dir.
Du bist schön.
Ich liebe dich.
Ich bleibe bei dir.
Es ist nichts Schlimmes.
Ich vergebe dir.
Solche Worte haben aufrechte, mutige, befreite Lebenslieder komponiert.

Und da gibt es die Kraft vernichtender Worte:
Das wirst du noch bereuen!
Du bist schuld.
Du wirst es zu nichts bringen.
Zu spät. Da können wir nichts mehr machen.
Du warst immer unser Sorgenkind.
Wenn man so aussieht wie du …?!
Mickrige, geduckte, ängstliche Lebensmelodien gehen bisweilen aus solchen Worten hervor.

Einer der Texte des morgigen Sonntags redet von der Kraft des Wortes Gottes.Im vierten Kapitel des Hebräerbriefs lesen wir:

12 Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und es ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
13 Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.

In diesen Worten trifft uns das Wort Gottes in seiner vollen Wucht.
Mir kommt unwillkürlich ein Erlebnis in den Sinn, das ich nie vergessen werde.
Hier in der Nikolaikirche war es – und ich war noch ein Kind, acht oder neun Jahre alt vielleicht. Von Anfang an habe ich diese Kirche geliebt. Ich ging nicht nur zum Kindergottesdienst, wo Schwester Lydia, eine Marburger Diakonisse, uns unter einer der Emporen jeden Sonntag eine biblische Geschichte erzählte. Meistens zog es mich auch schon eine Stunde vorher in den „richtigen“ Gottesdienst. Da sang ich voller Begeisterung die alten Lieder mit, da faszinierten mich Rituale, die mir schnell vertraut wurden, da stimmte ich fraglos in manche unverständlichen Worte ein und wusste sie bald auswendig. Und: Ich sog die Atmosphäre dieses ungewöhnlich schönen und schlichten Kirchenraums in mich auf.

An jenem Sonntag vor ungefähr vierzig Jahren – ich weiß noch genau, wo ich damals saß – ging es um das Gebot der Nächstenliebe. Dies war bedrängend für mich, weil ich gerade mit meinem jüngeren Bruder im Streit lag. Von Liebe keine Spur – ich hätte ihn am liebsten auf den Mond geschossen. Nach der eindringlichen Predigt hob die Gemeinde zu singen an. Die Kirche war außergewöhnlich gut besetzt, der Gesang entsprechend vollmundig und laut.

So jemand spricht: „Ich liebe Gott“, schmetterten sie um mich herum,
und hasst doch seine Brüder,
der treibt mit Gottes Wahrheit Spott
und reißt sie ganz darnieder.
Gott ist die Lieb und will, dass ich
den Nächsten liebe gleich als mich. (EG 412,1)

Ich wüsste nicht, dass mir je ein Gesang wieder solchen Schrecken eingejagt hätte. Eigens für mich schienen sie zu singen; nein, schlimmer noch: gegen mich sangen sie. Die ganze große Gemeinde.
Mit strenger Inbrunst. Voller Anklage.
Anscheinend wussten sie alle Bescheid.
Bis heute mache ich einen großen Bogen um jenen Choral von Christian Fürchtegott Gellert.
Ich habe ihn, solange ich Pastorin bin, noch nie im Gottesdienst singen lassen.

Das Wort Gottes:
... ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
13 Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes.

Unzählige andere Erfahrungen des Wortes Gottes verbinden mich mit dieser Kirche.
Stärkende, positive Erlebnisse. Wunderbare Momente.
Nicht alle sind mir so genau in Erinnerung wie jener verstörende Sonntagmorgen.
Doch in ihrer Summe sind sie wunderbar.
Wie oft habe ich hier gestaunt darüber, wenn eine uralte Verheißung der Bibel mich plötzlich packte und ich spürte: Du bist gemeint. Es geht auch um Dich. Dein Leben ist hier im Blick.
Wie oft habe ich hier der erhabenen Stille gelauscht nach dem Amen einer berührenden Predigt, nach dem Schlusschor einer Passion von Johann Sebastian Bach, nach dem Zuspruch des göttlichen Segens.
Wie oft habe ich hier gesessen und war froh, wenn ich einfach zuhören oder mir Worte zum Beten leihen konnte; wie oft bin ich in den Klängen der Orgel oder anderer Instrumente versunken, die dem Wort Gottes auf je eigene Weise Ton und Rhythmus und Leben verleihen.
Wie oft wurde mir hier ein Wort Gottes buchstäblich auf den Kopf zugesagt bei meiner Konfirmation, bei meiner Ordination, bei der Einführung in das Superintendentenamt.

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert.

Seit fast sieben Jahrhunderten wird das Wort Gottes in dieser Kirche laut: Gesprochen und gesungen. Über die Jahrhunderte hinweg hat das Wort Gottes an diesem Ort Menschen angerührt und aufgerichtet und getröstet; es hat Mut gegeben und Entschlossenheit gewirkt; es hat zum Widerstand gegen scheinbar unabänderliche Verhältnisse gerufen; es hat aus Lähmung und Schuld zur Umkehr befreit. Und: Wie viele mag es geärgert haben, zum Widerspruch gereizt; womöglich auch unter Druck gesetzt, belastet und verstört?

Ja, auch von der Kraft des Gotteswortes wissen wir vermutlich alle unser eigenes Lied zu singen.
Nach bekannten, geliebten Melodien aus dem Gesangbuch; mit vertrauten Worten unserer Mütter und Väter im Glauben.
Auf wundersame Weise schafft die Kraft des Gotteswortes immer wieder sehr persönliche Lebenslieder; solche, die tief im Herzen angesiedelt sind und die uns niemand nehmen kann. Ein Lied mit dem cantus firmus meines Konfirmationsspruchs vielleicht – oder meines Taufspruchs, vor vielen Jahren von den Eltern ausgesucht.

Ein Lied mit den bergenden Klängen eines Trostes, den ich mir selber nicht sagen kann.
Vielleicht auch ein Protestlied, das aufmüpfig und zuversichtlich darum weiß: Es wird um Gottes und der Menschen willen nicht alles so kommen, wie es angeblich kommen muss.

Immer trifft das Wort Gottes uns in menschlicher Gestalt.
Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, beschreibt der Apostel Paulus dieses Phänomen mit einem eindrücklichen Bild. (2. Korinther 4, 7) So ist es in all seiner Kraft und Lebendigkeit und Schärfe immer auch gefährdet, das Wort Gottes.
Unserem Zugriff ausgesetzt, unseren Interessen ausgeliefert, unserem Missverständnis preisgegeben.
Eingepfercht in die begrenzten Möglichkeiten unseres Vermögens und Verstehens – obwohl es diese doch weit übersteigt.
Wenn wir das Wort Gottes zum Durchsetzen der eigenen Macht benutzen; wenn wir es als Waffe, als eigenes Schwert gegen andere missbrauchen, wenn wir es als pädagogisches Druck- oder Drohmittel einsetzen, dann wird alles falsch; dann wird es bisweilen sogar schlimm und verheerend.Kriege sind daraus entstanden, furchtbares Unrecht ist dadurch geschehen, ganze Lebensläufe und Glaubensgeschichten wurden auf diese Weise verkorkst.

12 Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und es ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.
13 Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.

Starke Worte über das Wort sind das.
Beängstigend können sie klingen.
Beunruhigend allemal.
Wenn wir in den Textzusammenhang blicken, mag die Entdeckung überraschen:
Ermutigen sollen diese Worte.
Stärken wollen sie.
Müde gewordene Leute wach und zuversichtlich machen.
Das wandernde Gottesvolk ist im Blick.
Menschen auf mühsamen Durststrecken durch die Wüste – unterwegs in das von Gott verheißene Land.
Ob wir in dem Bild auch unsere Kirche erkennen?
Männer und Frauen, die an ihren Gemeinden hängen und schwierige Veränderungsprozesse zu gestalten haben?
Fachleute in Einrichtungen und Referaten, in der Frauenhilfe, in der Diakonie, die täglich um eine gute Fortführung ihrer Arbeit ringen?
Das wandernde Gottesvolk:
Ob wir in jenem alten biblischen Bild unseren Kirchenkreis finden?
Diesen großen und schönen Kirchenkreis im Süden Westfalens mit seinen starken und eigenständigen Gemeinden, mit seiner besonderen Prägung durch Erweckungsbewegung und reformierte Tradition?
Sind wir das:
Müde gewordene Leute, bisweilen auf Durststrecken unterwegs, der Ermutigung und der Stärkung bedürftig?

Wie aber können jene seltsam militanten Worte Müde stärken?
Indem sie so scharf und waffenstrotzend daher kommen, machen sie eher Angst.
Und ausgerechnet für diese Art von Angst mögen wir im Siegerland besonders anfällig sein.
Wenn ich unseren Kirchenkreis in den vergangenen sieben Jahren über seine Grenzen hinaus zu vertreten hatte, konnte ich immer wieder feststellen:Man hält uns Siegerländer für Leute, die das Wort Gottes besonders hoch achten, die es ernst nehmen bei der Gestaltung ihres täglichen Lebens, die diesem Wort viel zutrauen.
Wenn es nun in derart durchdringender Schärfe daher kommt, die durch Mark und Bein fährt; wenn es als strenger Richter auftritt, dem nichts verborgen bleibt:
Wie soll es da nicht klein und ängstlich machen, sondern groß und stark?

Wir können das Wort Gottes als Christen nicht lösen von Jesus Christus.
Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben (Barmer Theologische Erklärung, These 1). In ihm war Gottes Wort Mensch unter uns, hatte einen Namen und ein Gesicht.Gottes Namen trägt er: Ich will mit Dir sein.
Mit Gottes Augen blickt er die Menschen an.
In der Liebe des Schöpfers, die genau hinsieht und ins Innerste dringt und unterscheidet und benennt, damit nicht einfach alles gleichgültig und belanglos wird; damit nicht alles bleiben muss, wie es ist.
In der Klarheit des Richters, der nicht hinrichten will, sondern zurechtbringt.Der nicht überführen will, sondern auf einen heilsamen Weg setzt.

Das Wort Gottes ist nicht harmlos.
Nur wenn es unter die Haut geht, kann es auch zu Herzen gehen.
Und das geschieht nicht ohne Erschrecken und Schmerz und Auflehnung.
Das Evangelium, das wir als Kirche in die Welt hinein zu singen und zu sagen haben, trägt eine Kraft in sich, die auch unbequem und widerständig sein kann.Nicht obwohl, sondern weil das Evangelium „Gute Nachricht“ für die Welt ist.

Wir haben es nicht zur Verfügung als unser Wort.
Es tritt uns lebendig gegenüber, jeden Tag neu.
Als Gottes Verheißung, als Gottes Zusage, als Gottes Mahnung, als Gottes Weisung für unseren Weg.
Es umgibt uns wärmend als Gottes bedingungsloses Ja – und es ist stellt sich uns sperrig in den Weg als Gottes klares Nein zu Unrecht und Lüge und Gewalt und Gier.
Als Wort, das uns ins Leben rief – und das Leben für uns will.Sogar über den Tod hinaus.

Auch durch uns will das Wort Gottes in die Welt.
Auf unser Geplapper, auf unser Geschwätz, auch auf unsere wohlgesetzten Worte und geistreichen Reden kann die Welt mit Gewinn oder zur Not verzichten – nicht aber auf Gottes Wort.
Das sind wir ihr schuldig.
Darin besteht unser Auftrag als christliche Gemeinde, als Kirche:„… die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk“ (Barmer Theologische Erklärung, These VI).

In den irdenen Gefäßen der Menschen hier im Siegerland transportiert Gott seinen Schatz.
Wo bist du?, fragt sein Wort dich und mich. (1. Mose 3,9)Versteck dich nicht; entzieh dich nicht deiner Verantwortung.

Wir haben das gemeinsam versucht in den zurückliegenden Jahren:
Uns nicht zu verstecken.
Uns als wanderndes Gottesvolk in diesem unverwechselbaren Landstrich dem Wort Gottes zu stellen und zu antworten mit unserm Tun.
Auf steinigen Wüstenwegen und im Schatten fruchtbarer Oasen.
Wir haben schöne Feste gefeiert, die ausstrahlten über die Grenzen der Kirche hinaus.
Wir haben unsere Kirche vor Ort unter veränderten Bedingungen in manchen Bereichen neu gestaltet und suchen weiter nach Möglichkeiten, die für die Zukunft taugen.
Wir haben Konflikte ausgetragen, um gute Wege gestritten, haben ausprobiert, sind manchen Irrweg gegangen – und fanden schließlich doch wieder begehbare Pfade.
Wir ringen zäh um die wegweisende Kraft des Wortes Gottes im Entwerfen unserer Kirchenkreiskonzeption.
Und jetzt vertrauen wir – manchmal beherzt, manchmal eher zaghaft – der Verheißung des göttlichen Wortes im Blick auf die Zukunft, die noch ungewiss und offen vor uns liegt.

Herr, gib deinen Knechten, mit allem Freimut zu reden dein Wort (Apostelgeschichte 4,29):
Mit dieser Bitte wurden Sie für heute eingeladen.
Freien Mut, Gottes Wort zu reden, habe ich hier bei Ihnen kennen und schätzen gelernt. Ich habe mich selbst darin versucht.
Freien Mut wünsche ich uns auf unserem weiteren Weg als wanderndes Gottesvolk hier in Siegen, dort in Bielefeld und wo immer sonst.
Freien Mut in unseren Entscheidungen, in unserm Tun und Lassen, in unserem diakonischen und politischen Handeln, in unserem Singen und Sagen.
Voller Vertrauen auf das Wort, dessen Kraft in uns Schwachen mächtig ist.
Amen.


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