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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

Oma Anna kann sich nicht mehr im Spiegel erkennen
Demenz in Familie und Nachbarschaft

Stefanie Kremer und Brigitte Weber-Wilhelm
05.12.2012 16:44
„Mutter ist alt geworden. Ich verstehe nicht, warum sie sich so verhält, wie sie sich verhält“, lautet ein Anruf in der TelefonSeelsorge Siegen. Oder: „Vater hat sich verlaufen. Er fand nicht mehr alleine nach Hause. Wie soll das weitergehen?“ Demenz ist ein Thema in der TelefonSeelsorge, weiß der Leiter der TelefonSeelsorge Siegen Rolf Christian Wangemann. Zweidrittel aller Anrufenden schildern in der TelefonSeelsorge Beziehungsprobleme. Auch erwachsene Kinder rufen an und erzählen von Schwierigkeiten mit ihren alten Eltern. Der Freundes- und Förderkreis der TelefonSeelsorge Siegen organisierte am vergangenen Montag (26.11.2012) in der Freien Evangelischen Gemeinde Siegen-Mitte, Friedrichstraße, eine Informationsveranstaltung zum Thema Demenz. Etwa 100 Personen gehören zum Freundes- und Förderkreis, der immer wieder zu seinen Jahreshauptversammlungen Themen mit gesellschaftlicher Bedeutung aufgreift.

Welche Symptome eine Demenzerkrankung vermuten lassen, wie man mit an Demenz erkrankten Menschen umgehen sollte und welche Unterstützung pflegende Angehörige erhalten können, zeigten Stefanie Kremer und Brigitte Weber-Wilhelm vom Demenz-Servicezentrum Region Südwestfalen im Caritasverband Siegen-Wittgenstein auf.
1,2 Mio. Menschen mit Demenz leben zurzeit in Deutschland. Schätzungen gehen davon aus, dass die Anzahl bis 2050 auf 2,6 Mio. Menschen steigen wird. Im Kreis Siegen-Wittgenstein sind derzeit etwa 4.150 Menschen mit deren Familien von dieser Krankheit betroffen.

Demenz ist der Verlust von Nervenzellen im Gehirn, was eine große Anzahl von Symptomen zur Folge haben kann. Deutlich ist die zunehmende Beeinträchtigung von Alltagsfähigkeiten zu beobachten. Demenz verläuft chronisch und der Zustand des Betroffenen verschlechtert sich. Die geistige Leistungsfähigkeit ist zunehmend beeinträchtigt und Persönlichkeitsveränderungen sind wahrzunehmen.
In einer eingespielten Filmsequenz wurde die unter Demenz leitende Oma Anna gezeigt, die sich als Person im Spiegel nicht mehr erkennen konnte. Sie wusste nicht, wer sie im Spiegel anschaut. Deutlich wurde, dass Demenz eine Krankheit ist, die die ganze Familie fordert.
An Demenz Erkrankte leiden zunehmend unter dem Verlust der zeitlichen, örtlichen und situativen Orientierung. Es verändert sich die Wahrnehmung der Umwelt und die Selbstwahrnehmung. Sie leben in ihrer eigenen Welt. Alltägliche Situationen und Gegenstände erhalten eine andere Bedeutung. Allerdings, so die Dipl.-Sozialgerontologin Stefanie Kremer, gehen Gefühle und Erleben nicht verloren.
Eine ärztliche Diagnose sollte so früh wie möglich eingeholt werden, um Therapien einleiten zu können. 70 verschiedene Ursachen, die zu Demenz führen können, sind derzeit bekannt. Medikamentöse Therapien helfen, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen oder Begleitsymptome zu mildern. Nichtmedikamentöse Therapien können die Alltagsfähigkeit stärken, die Orientierungsfähigkeit fördern oder helfen, sich besser zu erinnern. Für Menschen mit Demenz ist es wichtig, zu verstehen und verstanden zu werden sowie als Person akzeptiert und wertgeschätzt zu werden. Die Person soll im Mittelpunkt stehen, nicht die Demenz. Aussagen wie: „Verstehst Du das denn immer noch nicht. Ich habe es Dir doch schon so oft gesagt“, erweisen sich als völlig kontraproduktiv. An Demenz Erkrankte wollen sich sicher fühlen und benötigen ihre gewohnte Umgebung.

Es gibt Kennzeichen, die darauf hindeuten, dass eine Person an Demenz erkrankt sein könnte. Dazu gehört, so die Dipl.-Sozialgerontologin Brigitte Weber-Wilhelm, wenn jemand verwirrt wirkt oder keine angemessene Reaktion erfolgt. Unangemessene Kleidung, wie das Tragen eines Wintermantels im Sommer, kann ein Hinweis sein. Menschen mit beginnender Demenz verwenden oft Floskeln, da sie Schwierigkeiten haben, auf Fragen zu antworten oder sie wiederholen ständig die gleiche Aussage. Sie können auch Verhaltensweisen an den Tag legen, die herausfordern. Dazu gehören Aggressionen, Wut aus Hilflosigkeit, Beschuldigungen oder die eingeschränkte Fähigkeit, Gespräche zu führen.
Mit an Demenz erkrankten Menschen sollte man langsam sprechen, einfache Sätze verwenden und keine Wieso-Weshalb-Warum-Fragen stellen. Sie benötigen Blickkontakt und Zuwendung oder aufmerksames Zuhören. Ihre andere Wahrnehmung sollte akzeptiert werden.

Deutlich machten die Fachberaterinnen von der Caritas, dass Angehörige die Pflege eines an Demenz erkrankten Menschen nicht alleine schaffen können. „Ohne Hilfe ist es nicht möglich, demente Menschen zu Hause zu betreuen. Die Gefahr sich zu überlasten und selbst zu erkranken ist extrem hoch“, weiß Brigitte Weber-Wilhelm. Eine gute Beratung und Entlastungsmöglichkeiten hält sie für unbedingt erforderlich. Hierfür gibt es mittlerweile viele gute Angebote wie den betreuten Urlaub, Essen auf Rädern oder Ehepartnerpflege. Der Entlastungsdienst für Pflegende Angehörige „Atempause“ ist in vielen Gemeinden vorhanden.
Weitere Informationen sind erhältlich beim Demenz-Servicezentrum Region Südwestfalen, Eremitage 9, 57234 Wilnsdorf, Email: demenz-servicezentrum-suedwestfalen@caritas-siegen.de, www.demenz-service-suedwestfalen.de
kp

Text zum Bild: (Foto Karlfried Petri)
Die Fachfrauen Stefanie Kremer und Brigitte Weber-Wilhelm (v.l.) vom Demenz-Servicezentrum Region Südwestfalen im Caritasverband Siegen-Wittgenstein führten kompetent und gut verständlich in das Thema Demenz ein. Sie hatten viele wertvolle Tipps für den Umgang mit Menschen mit Demenz im Gepäck.

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