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Ev. Kirchenkreis Siegen - Nachrichten

„Diakonie ist Kirche in Arbeitskleidung“
Besuch lettischer Christen im Kirchenkreis Siegen und Diakonischen Werk

Besuch aus Lettland im Kirchenkreis Siegen
17.12.2012 14:50

Wie funktionieren Diakonie und Kirche in der pluralen und säkularen Gesellschaft zwischen Auftrag und Wettbewerb? Dieser Frage ging jetzt eine 15-köpfige Besuchsgruppe aus der lettischen lutherischen Kirche und der dortigen Diakonie auf vielfältige Weise in der Region Süd-Westfalen nach. Ein umfangreiches Tagungs- und Begegnungsprogramm von 10. bis 17. Dezember hatte Günter Hensch vom Institut für Kirche und Gesellschaft zusammengestellt. Hensch ist in dem Institut, das seinen Sitz in Villigst hat, zuständig für politische Erwachsenenbildung.

Viel Zeit für kulturelle Eindrücke blieb bei dem umfangreichen Begegnungsprogramm nicht. Dennoch war Raum für eine Besichtigung der Stadt Siegen und des Siegerlandmuseums. Und auch eine Fahrt nach Dortmund mit einem Besuch des Weihnachtsmarktes konnte stattfinden. Hier war ein Gespräch mit der Landessozialpfarrerin Heike Hilgendiek über die Rolle der Kirche in Staat und Gesellschaft eingeplant. Unterwegs war die Besuchsgruppe die ganze Woche mit zwei Fahrzeugen, die die Autohäuser Schneider und Wahl unentgeltlich zur Verfügung gestellt hatten.

Gemeindenahe Diakonie in der Kirchengemeinde NiederdresselndorfAm vergangenen Donnertag (13.12.2012) stand beispielhaft die gemeindenahe Diakonie in der Kirchengemeinde Niederdresselndorf im Fokus der Besucher. Frühmorgens wurde die Delegation im Rathaus Burbach herzlich von Johannes Werthenbach in Vertretung des Bürgermeisters Christoph Ewers empfangen. Sachkundig stellte er die Gemeinde Burbach vor und erläuterte deren vielfältige Angebote für Senioren. Ziel der Kommune: Ihnen soll so lange wie möglich das Leben in den eigenen vier Wänden ermöglicht werden.

Mit einer Andacht in der evangelischen Kirche Niederdresselndorf begrüsste anschließend Superintendent Peter-Thomas Stuberg die Delegation aus Lettland und stimmte sie mit einer Adventandacht auf den Tag ein. „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“, zitierte er aus dem Lukasevangelium. „Menschen, die an Christus glauben, schauen nicht nach unten und lassen sich nicht niederdrücken von Lasten, die sie auf den Schultern tragen. Sie schauen erhobenen Hauptes nach oben und lassen auf sich wirken, was von oben auf sie zukommt. Und sie setzten sich aus ihrem Glauben heraus für die Benachteiligten in der Gesellschaft ein.“ Ein beeindruckendes Erlebnis war, als die kleine Gemeinde in der über 250 Jahre alten Kirche mehrsprachig das Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ sang.Der Superintendent begleitete die Besuchsgruppe nach Holzhausen zur Tafel, die sich als Teil der diakonischen Arbeit der evangelischen Kirchengemeinde versteht. Hier werden ehrenamtlich und dennoch professionell durchorganisiert viele Menschen mit Lebensmitteln versorgt, deren Einkommenssituation diese Unterstützung leider erforderlich macht.

Das Mittagessen wurde im Erholungsheim des „Blauen Kreuzes“ eingenommen. Hausleiter Harald Zwingelberg nutzt die Gelegenheit und informierte sachkundig über die Arbeit des Blauen Kreuzes, die mittlerweile auch in Lettland stark vertreten ist. Die EU, so Zwingelberg, habe ein starkes Interesse an der Suchtberatung und der Therapie, da sie einen hohen gesellschaftlichen Nutzen böten. Über 10.000 gut ausgebildete ehrenamtliche Mitarbeitende sind deutschlandweit im Blauen Kreuz tätig.

In der alten Schule in Holzhausen schilderte Erika Spreckelmeyer die diakonische Arbeit der Frauenhilfe, die im Siegerland seit über 100 Jahren besteht. Besonders die Projekte StartHilfe, ZeitPaten und das „Kochen für Tafelkundinnen“ helfen Familien, ihren Alltag besser zu bewältigen. Anschließend hatte der Eine Welt Laden in der alten Schule geöffnet und lud zum Einkaufen ein.


Diakonische Arbeit in Lettland
Nach der Kaffeetafel mit Waffeln und Kartoffelbrot berichteten die Letten über ihre kirchliche und diakonische Situation in dem Staat, der seit 1991 wieder selbstständig und seit dem 1. Mai 2004 Mitglieder der EU ist. Inta Putnina verantwortet die diakonische Arbeit auf Landesebene. 1994 wurde ein Diakoniezentrum gegründet und die diakonische Arbeit begann zu wachsen. Regionale Koordinationszentren verteilen die diakonische Arbeit in die Breite des Landes. Ein einheitliches Diakonieprogramm konnte verabschiedet werden. Putnina: „Diakonie ist Teil des Seins einer Kirche und untrennbar mit ihr verbunden. Diakonie ist Kirche in Arbeitskleidung.“ Die Kirche, Städte, Partner im Ausland, Bündnisse und Vereine im Land sind Partner der diakonischen Arbeit in Lettland, die praktische Hilfe leistet, Gemeinschaft bietet, geistliche Betreuung leistet und medizinische Unterstützung für Kranke, Behinderte und ihre Verwandten gewährt.

Wie die diakonische Arbeit der St. Martingemeinde in der Großstadt Riga aussieht, schilderte Propst Andris Kraulins. In seiner Gemeinde hat diakonische Arbeit Tradition. Lettland ist das ärmste EU-Mitgliedsland, so der Kirchenvertreter. 60% der Menschen leben unter dem europäischen Existenzminimum. Darunter viele ältere Menschen, die in Plattenbauwohnungen aus Sowjetzeiten wohnen. Sie erhalten 250 Euro Rente monatlich. Davon müssen sie 150 Euro für Wohnung und Heizung ausgeben. Kostenlos gibt die diakonische Kleiderkammer der Kirchengemeinde in Riga Kleidungsstücke an Bedürftige ab. Selbst ein Kostenanteil von einem Euro ist den Menschen nicht zuzumuten. Mit Lebensmittel- und Apothekengutscheinen in Höhe von jeweils 10 Euro im Quartal helfen sie, bei etwa 60 Personen die größte Not zu lindern. Propst Kraulins: „Es ist nicht viel, aber wir können wenigstens etwas helfen mit dem Geld, das wir von Partnern erhalten.“

Eine Suppenküche unterhält die Diakonie in der Kleinstadt Madona. Rudīte Kumsāre erzählt von ihrer diakonischen Arbeit. Hauptberuflich ist sie Sozialarbeiterin im Sozialamt der Stadt Madona. In ihrem Bezirk gibt es 12 Kirchengemeinden. Anfangs haben sie nur Gemüse und Früchte für die Suppenküchen angebaut. Heute hat sich die Arbeit deutlich ausgeweitet. Alleine konnte sie die ehrenamtliche Arbeit nicht mehr bewältigen. So hat sie Diakoniemitarbeitende ausgebildet, die ihr helfen. Niemand soll überfordert werden. Kumsāre: „Der Dienst am Nächsten darf nicht kaputtmachen.“ Hilfslieferungen mit Kleidung kommen aus Amerika und Schweden. Sie werden an die Bedürftigen verteilt. Vier kleine Diakoniezentren konnten in ihrem Kirchenkreis aufgebaut werden. Hier erhalten die Menschen Hilfe. Im Sommer werden im Pfarrhaus geistliche Rüstzeiten angeboten. Sie ist dankbar für die guten Ideen, die sie durch die Begegnungen im Kirchenkreis Siegen nach Lettland mitnehmen kann.

Mit einem kleinen Konzert zur Adventszeit mit Gerd Moos und Kerstin Stahl im evangelischen Gemeindehaus Holzhausen ging ein extrem informativer Tag für die Besuchsgruppe aus Lettland und ihre Siegerländer Freunde zu Ende.


Langer Atem zahlt sich aus
1975 war Günter Hensch zum ersten Mal in Lettland. Es entwickelten sich aus zufälligen privaten Begegnungen im kirchlichen Kontext intensive Kontakte zur lettischen lutherischen Kirche und der lettischen Diakonie. Seit 1990 haben sich die Kontakte verstärkt. Die Beharrlichkeit in den Begegnungen trägt Früchte. „Am nötigsten war der Aufbau der Diakonie in Lettland mit diakonischen Zentren in der Fläche, die auch die medizinische Versorgung verbessern“, erzählte Günter Hensch im Gespräch. Von Anfang an war Inta Putnina in die Begegnungen eingebunden. Zuerst als Mitglied einer Delegation und heute als Leiterin der Diakonie für ganz Lettland. Sie ist der lettischen Kirchenleitung unterstellt. Kontakte zum Diakonischen Werk im Kirchenkreis Siegen und zur Diakonie in Südwestfalen wurden geknüpft und diakonisches Know-how wanderte aus dem Siegerland nach Lettland. „Die Diakonie hier ist froh, den Geschwistern in Lettland helfen zu können“, freut sich Gottfried Bäumer, stellvertretender Vorsitzender des Diakonischen Werkes im Ev. Kirchenkreis Siegen, der den diesjährigen Kontakt mit organisiert hat. In den vergangenen 20 Jahren war jedes Jahr eine Besuchsgruppe aus Lettland im Siegerland und fast jedes Jahr gab es auch einen Gegenbesuch. Zunächst im Rahmen der kirchlichen Erwachsenenbildung, mittlerweile mit deutlich diakonischen oder sozialen Bezügen. In diesem Jahr waren erstmals vier Pfarrer Teil der Besuchsgruppe der haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden in der diakonischen Arbeit, darunter auch drei Pröpste, die Mitglieder der Kirchenleitung sind. Die gemeindenahe diakonische Arbeit ist in diesem Jahr der Informationsschwerpunkt. Da sind auch die Pfarrer gefragt. Die starke Entwicklung der Begegnungen ist nicht zuletzt der Beharrlichkeit von Inta Putnina geschuldet und den Besuchen der Siegener Diakonieverantwortlichen in Lettland, zuletzt im Sommer dieses Jahres. Günter Hensch stellt sichtlich erfreut fest: „Aus Begegnungen im Zuge der Erwachsenenbildung entwickelten sich zunehmend geschwisterliche Begegnungen mit einer höheren atmosphärischen Dichte und kirchlichen Bezügen.“
kp

Text zum Bild: (Fotos Karlfried Petri)

Bild oben
Mit einer Andacht in der evangelischen Kirche Niederdresselndorf begrüßte Superintendent Peter-Thomas Stuberg die Delegation aus Lettland. In dem nördlichen EU-Mitgliedsland sind die Menschen dringend auf die diakonische Hilfe der Kirche angewiesen.
Im Bild von links: Ina Putnina, Leiterin der Diakonie in Lettland, Superintendent Peter-Thomas Stuberg, Übersetzerin Dr. Sandra Gintere und Gottfried Bäumer, stellvertretender Vorsitzender des Diakonischen Werkes im Ev. Kirchenkreis Siegen.

Gemeindenahe Diakonie war das Schwerpunktthema einer lettischen Besuchsgruppe im Siegerland.


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